8.01.2017 08:20
Quelle: schweizerbauer.ch - Jacqueline Graber
Bern
Linders erleben Welle der Solidarität
Wie nahe Freud und Leid beieinanderliegen, hat die Familie Linder erfahren. Eine Bettwanzenplage im Haus verursachte hohe Kosten. Da machte die Gemeinde einen Spendenaufruf; das Echo war überwältigend.

Jakob und Brigitte Linder starten voller Optimismus ins neue Jahr. Mittlerweile ist es wieder einigermassen wohnlich in ihrem Bauernhaus in Heimisbach BE. Doch etliche Monate glich ihr Daheim einer Baustelle. Die Zimmer waren leer geräumt, und in den Wänden sowie an der Decke fehlte teilweise das Täfer, und die Isolation kam zum Vorschein. Der Grund für den desolaten Zustand waren Bettwanzen. 

Allergie vermutet

Angefangen hat es im letzten April. Nach der Rückkehr aus einem Lager klagte der jüngste Sohn über Mückenstiche. Doch ein Mückenstecker brachte keinen Erfolg, und so wurde eine Allergie in Betracht gezogen. «Mehrmals suchten wir verschiedene Ärzte auf. Die Mediziner nahmen Hautproben und schickten sie ins Labor», so die vierfache Mutter. Doch es konnte kein Befund erstellt werden.

Dann kam der Sohn der Ursache seines Hautausschlags selbst auf die Schliche: Er fand in seinem Bett kleine schwarze Krabbeltiere. Und hier beginnt die Tortur für die Familie. «Wir dachten, mit dem Waschen der Zimmerwände und mit Insektenspray der Plage Herr zu werden», erklärt Brigitte Linder. Doch weit gefehlt: Ein Kammerjäger musste gerufen werden. 

Nächster Schreck

Der Fachmann erhitzte das Zimmer auf über 60 Grad. CDs, Schulbücher, Bilder, einfach alles, was nicht der Hitze ausgesetzt werden durfte, musste für 72 Stunden eingefroren werden. Geleimte Möbelstücke, die im Raum blieben, wie etwas das Bettgestell, mussten im Abstand von zehn Zentimetern mit Klebeband abgeklebt werden, damit die Bretter nicht auseinanderfielen.

Kaum war der Kammerjäger fertig, kam für die Familie der nächste Schreck: Auch im Zimmer des anderen Sohnes krabbelten die Viecher umher. Und auch Jakob Linder fand im Schlafzimmer eine Bettwanze.

Erneut musste der Kammerjäger her, und längst reichte die gemietete Kühltruhe nicht mehr aus, um alle Sachen zu lagern. Ein Kühlwagen musste bestellt werden. Nach und nach erhitzte der Fachmann alle Zimmer bis auf die Küche und das Büro. Zudem musste er Löcher in die Wände und Decken bohren und teilweise sogar das Täfer entfernen, damit er chemische Mittel verstreuen konnte. 

Hohe Temperaturen

Ausgebreitet im Haus haben sich die Bettwanzen über die Kleidungsstücke im Wäschekorb. Und in der Wäsche sieht Brigitte Linder auch den Ursprung der Plage. Zwar habe sie im April nach der Rückkehr ihres Sohnes aus einem Lager sämtliche Kleidungsstücke gewaschen, aber längst nicht alle bei 60 Grad. Und die Bettwanzen und deren Eier werden erst bei dieser hohen Temperatur getötet.

«Dadurch, dass wir alle einen gemeinsamen Wäschekorb haben, konnten sich die Bettwanzen via Kleider von Zimmer zu Zimmer verbreiten», sagt Brigitte Linder. Insgesamt fünf Mal musste der Kammerjäger in den Heimisbach. Das Vorgehen des Fachmanns zeigte Wirkung – das Haus ist wanzenfrei –, es hinterliess aber auch finanzielle Spuren: Linders rechnen mit Unkosten von 20'000 Franken.

130 Dankeskärtchen

Eine stolze Summe für die Familie, zumal sie erst kürzlich die Heizung erneuert und die Küche neu gemacht hat. «Und es gibt keine Versicherung für Bettwanzen», betont Jakob Linder. Doch Linders bekamen unerwartet Hilfe: Der Gemeindeschreiber richtete ein Spendenkonto ein und machte einen Aufruf in der Bevölkerung. Doch längst wurde nicht nur Geld auf das Bankkonto einbezahlt: Leute schauten vorbei und drückten Brigitte und Jakob eine Note in die Hand.

Auch auf dem Postweg bekamen sie viele Karten, die nebst aufmunternden Worten auch Bargeld enthielten. Zudem wurde an der Herbstviehschau in Heimisbach ein Kässeli aufgestellt, und der Schreiner, der die Küche neu machte, half unentgeltlich beim Täfern mit. Nie hätten sie mit einer so grossen Welle der Solidarität gerechnet, sagen die beiden unisono. «Der Betrag der Spenden deckt einen schönen Teil der Unkosten ab.» Als Dankeschön hat Brigitte Linder Kärtchen an die Spender verschickt. Insgesamt 130 Stück

Bettwanzen haben nichts mit Sauberkeit zu tun

Die erwachsenen Tiere sind papierdünn und erreichen Körperlängen zwischen 3,8 und 5,5 Millimeter, im vollgesogenen Zustand bis zu 9 Millimeter. Da sich Bettwanzen ausschliesslich von Blut ernähren, hat ihre Verbreitung nichts mit Sauberkeit zu tun. Bettwanzen können überall angetroffen werden, in Jugendherbergen wie auch in Hotels. Meistens merkt man den Stich der Bettwanze, der im Schlaf erfolgt, nicht. Häufig sticht sie bei der Suche nach Blutkapillaren mehrmals an unbedeckten Stellen wie Nacken, Gesicht und Armen. Hautreaktionen durch den injizierten Speichel treten erst auf, nachdem die Wanze das Opfer schon wieder verlassen hat, oft sogar erst Stunden oder Tage später. Die juckenden  Pusteln können mehrere Tage lang lästig sein. Bei empfindlichen oder allergischen Personen können die Stiche zu grossflächigen Hautentzündungen führen. Bei manchen Personen zeigt jedoch der Stich einer Bettwanze keine Hautreaktionen (Quellen: SRF sowie Gesundheits-und Umweltdepartement Stadt Zürich). jgr

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