7.05.2017 06:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Lucas Huber
Basel
Ein Konzept gegen Food Waste
In Basel arbeitet die erste Marktschwärmerei der Schweiz emsig an ihrer Etablierung. Sie bringt Konsumenten und Produzenten zusammen und macht aus Bauern und ihren Kunden eine eigentliche Community.

Der urbane Mensch setzt sich heute in bisweilen sakraler Intensität mit Herkunft und Qualität seiner Lebensmittel auseinander. Bewusste Ernährung liegt nicht nur im Trend, sie ist eine Bewegung. Und sie wächst.

Das neueste Kapitel in dieser Geschichte wird gerade in Basel geschrieben. Marktschwärmer nennt sich das Konzept, das in Frankreich, selbsternanntes Mutterland des Genusses, als «la ruche qui dit oui» seinen Ursprung nahm.

Das Prinzip der Marktschwärmerei ist denkbar einfach: «Wir uns, um unsere Lebensmittel frisch und direkt von den besten Produzenten aus der Region zu beziehen.» So steht es auf der Homepage der Marktschwärmer, die keine Rechtskörperschaft an sich sind, sondern ein Netzwerk, eine Plattform, auf der Konsument und Produzent unkompliziert zueinander finden.

Bereits 600 Mitglieder

Dass dahinter weitaus mehr steckt als das Prinzip des Wochenmarkts, erkennt, wer der Schwärmerei auf den Zahn fühlt. Am besten gelingt dies bei einem Blick auf die erste (und bisher einzige) Marktschwärmerei der Schweiz in Basel. Sie nahm im vergangenen Oktober den Betrieb auf und erfreut sich seither rasant wachsender Beliebtheit. Zählte die Community beim ersten Verkauf 170 Mitglieder, sind es heute knapp 600 – rund 50 von ihnen bestellen regelmässig.

Bestellt wird online, zur Verfügung stehen dabei die Produkte eines ausgewählten Netzwerks an hiesigen Produzenten: Spargel aus Känerkinden, Kräutersirup aus Basel, Glacé aus Binningen, Landjäger aus Sissach, Buttergipfeli aus Muttenz, insgesamt über 200 Produkte von derzeit 20 Produzenten und Verarbeitern.

Geschwärmt wird immer donnerstags zwischen 17 und 19 Uhr. Dann holen die Kunden ihre Bestellungen in der Markthalle ab, in diesem Kuppelbau, der einst den städtischen Markt beherbergte und heute Foodcourt, Konzertsaal, Ausstellungsraum und Wochenmarkt in einem ist.

Exakte Menge

Jede Marktschwärmerei hat einen Gastgeber, und jene in Basel ist die Markthalle in Person von Projektleiterin Philippa Heidenreich, ein Pony in der Stirn und ein Strahlen, das ansteckt. Wer je nach Leidenschaft suchte: Hier ist sie. Heidenreich koordiniert, organisiert, übergibt, kassiert.

Hinter den Kulissen wirbelt sie noch mehr, schreibt mögliche Produzenten an, bewirtschaftet das Online-Warenhaus, beantwortet User-Fragen. Die Marktschwärmerei, sagt sie, sei ein Statement gegen Food Waste, denn die Bauern liefern exakt jene Mengen, die bestellt wurden. «Und sie ist ein zusätzlicher Kanal in der Direktvermarktung – mit direktem Zugang zur Stadtbevölkerung.»

Mit ihr ist auch stets eine Handvoll Produzenten am Abholstand. Schliesslich lebt die Marktschwärmerei den Gemeinschaftsgedanken. Darum beinhaltet sie nicht nur den Bezug von regionalen Lebensmitteln ohne Zwischenhandel; sie schafft ein Erlebnis, das das Gespräch mit dem Landwirt, der Bäckerin oder dem Winzer zum Teil des Einkaufs macht.

«Die Marktschwärmerei bringt die Landwirtschaft in die Stadt», sagt Philippa Heidenreich, die drei weitere Vorteile benennt: Es brauche nicht viele Teilnehmer, damit es funktioniere. Und es schaffe ein Gemeinschaftsgefühl, das nicht zuletzt zur sozialen Komponente werden könnte.

Rege Werbung

Das ist es, was auch Martina Montanes überzeugt. Die Baslerin bezieht Gemüse, Obst und bisweilen Fleisch über die Schwärmerei, in ihrem Freundeskreis macht sie rege Werbung für die Plattform.

«Man ist es gewohnt, dass immer alles zur Verfügung steht: Die Marktschwärmerei schärft das Bewusstsein für saisonale und regionale Produkte. Trotzdem ist die Vielfalt riesig.» Es entstehe eine Beziehung zum Produzenten, dem sie durch die Umgehung des Zwischenhandels ausserdem einen fairen Preis zahlen könne.

Einer dieser Produzenten ist Christoph Fankhauser, Demeterbauer aus Buus. Er vermarktet Cidre, Mehl und die Eier sowie das Güggelfleisch von Zweinutzungsrassen über die Schwärmerei. Führe er allerdings nicht ohnehin wöchentlich einmal nach Basel, um seine Kunden zu beliefern, lohnte sich der Weg nicht. «Noch nicht», korrigiert Fankhauser, «das Konzept überzeugt mich und birgt grosses Potenzial.»

Bessere Marge

Er hatte in den vergangenen Jahren selbst an einem Konzept gehirnt, doch als einzelner Landwirt wäre bereits bei der Programmierung der Software das Ende der Fahnenstange erreicht. «Darum kam die Marktschwärmerei für uns genau zum richtigen Zeitpunkt.» Kommt hinzu: «Den Produzierenden winkt eine bessere Marge, da sie die Preise selbst bestimmen», betont Philippa Heidenreich.

So sind manche Produkte günstiger als im Einzelhandel, aktuell etwa der Spargel, andere wie Joghurt allerdings teurer. «Teurere Preise lassen sich aber simpel erklären: Wer regional, in Kleinmengen und zudem höchster Qualität produziert, muss höhere Preise verlangen», so Heidenreich.

So gesehen scheint das Zukunftspotenzial der Marktschwärmereien gross zu sein. Darum überrascht es nicht, dass derzeit auch in Genf, Lausanne oder Zürich Schwärmereien entstehen, auch eine Schwärmerei für die Gastronomie ist in Planung. Zum Vergleich: In Frankreich schwärmt es sich in über 830 Schwärmereien und auch in Spanien, Deutschland und Italien wächst die Bewegung.

Auch, weil dahinter kein Konzern steckt. Denn es ist ein Open-Source-Projekt, was heissen will: für jeden offen. Cäcilia Schwegler, Netzwerkkoordinatorin für die Schweiz, erklärt: «Jedermann kann eine Schwärmerei eröffnen, auf diese Weise dem Food Waste entgegenwirken und ein Netzwerk aufbauen.

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