12.06.2018 12:42
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Schneiter
Blog
Zum Glück nicht ausgeschlafen
Esther Schneiter ist zurück auf schweizerbauer.ch. Nach den Blogs aus Neuseeland, von der Alp Meienfall im Diemtigtal und der Alp Pfidertschegg im Eriz, wird Esther in den kommenden Monaten wieder aus ihrem Leben als Lehrerin, Landwirtin und Lernende berichten.

Es ist Sonntagmorgen, halb sechs Uhr. Tobias weckt mich wohl schon zum dritten Mal. Am Vorabend waren wir bei Freunden auf einer Alp in der Nähe, und wie das halt so ist unter den Älplern; der Gesprächsstoff ging uns nicht aus und es wurde spät.

Da unsere Angestellte Marie seit Montag auf der Alp ist, kann zukünftig am Sonntagmorgen jemand ausschlafen. Natürlich habe ich gehofft, dass ich liegen bleiben darf, doch ich gönne Marie den Schlaf. 

Muskelkater vom Samstag

Noch verschlafen begebe ich mich zum Kühe holen. Komischerweise habe ich ein wenig Muskelkater. Ob es von Erdbeeren Pflücken auf dem Feld in Unterlangenegg war, oder vom Räumen der Wohnung von den Grosseltern von Tobias, weiss ich nicht.

Jedenfalls hat die Arbeit am Samstag meine Muskeln gefordert, was doch gut ist. Oben auf dem Boden, wo die meist liegen, sind nur sechs. 

Falsch gepokert

Wie immer, die sechs ältesten, also diejenigen ab der dritten Laktation. Ich bin mir sicher, dass die jüngeren Kühe ganz hinten im oberen Teil der Weide die saftigen Kräuter grasen und begebe mich, stetig Höhenmeter gewinnend, in Richtung Schörizegg.

Bald biege ich um den Hügel, mittlerweile bin ich Wach und geniesse die frische Luft, und sehe, dass ich mit meiner Annahme völlig falsch liege; die Kühe sind ganz unten in der Ecke, dort wo es eigentlich ausser Flatterbinse und Sumpfdotterblumen kaum Pflanzen gibt. 

Wissen auf dem Feld anwenden

Und schon bin ich froh, dass nicht ich ausgeschlafen habe. Die ersten Sonnenstrahlen scheinen auf mein Gesicht und ich bin einfach glücklich. Unterwegs treffe ich ein Nest voller Raupen, auch sehe ich ganz viele Blumen, die ihre Köpfe bereits nach der Sonne ausrichten. Beispielsweise die Arnika.

Gerade am Freitag habe ich in der Nachholbildung gelernt, dass dies eine Zeigerpflanze für Biodiversitätsflächen der Qualitätsstufe 2 ist. Wenn ich das erlernte Wissen jeweils direkt anwenden kann, oder mir solche Dinge beim Bestaunen unserer Flächen einfallen, habe ich schon Freude, dass ich mich für diese Ausbildung entschieden habe. 

„Gedankenrausch“?

Endlich bin ich bei den Kühen angelangt. Ich sehe, dass bei einem Bächlein ein „Mini-Hangrutsch“ einen Pfahl mitgerissen hat. Das muss geflickt werden, bevor die Rinder diese Weide bestossen. Auch schmiede ich Pläne, dass die Schulklasse, welche im August ihren Arbeitseinsatz bei uns leistet, hier Erlen schneiden könnte. Zwar sind es nur wenige, doch wenn man da nicht pingelig ist, werden es bald sehr viele sein. Plötzlich sehe ich Töbu. Wohl habe ich etwas gar lange gebraucht, bin in Gedanken versunken, und die Kühe haben sich noch keine fünfzig Meter in Richtung Stall verschoben. 

Um 6.20 Uhr sind alle Kühe im Stall, Töbu startet das Notstromaggregat und die Melkmaschine. Ich giesse Warmwasser aus dem Waschhafen in einen Eimer und wasche den Kühen die Schwänze. Wenn die Kühe schneller im Stall sind, ist das Wasser jeweils noch nicht warm. Man muss mit kaltem Wasser vorlieb nehmen, so finde ich schon wieder einen Vorteil von meiner Reise in die hinterste Ecke der Weide. Weiter geht es mit Kälber tränken, Kühe wieder austreiben, Stall putzen, Vorplatz wischen und Milchgeschirr waschen. Eben all die kleinen Arbeiten, die als Summe doch einige Zeit in Anspruch nehmen. 

Frühstück auf der Laube

Kurz vor acht Uhr sind wir fertig mit den Stallarbeiten. Jetzt heisst es ausgiebig frühstücken. Wie immer, wenn es nicht gerade Katzen hagelt, geniessen wir dies draussen. Für uns ist dies fast die wichtigste Mahlzeit, diese kann gut und gerne auch mal etwas länger dauern. Doch heute nicht, schliesslich muss ich ins Tal.

Denn ich wurde von der Gemeindeverwaltung aufgefordert, beim Auszählen der Volksabstimmung mitzuhelfen. Bei der Abstimmung geht es einmal Mehr ums Geld, zum Glück zählt bei uns das Gemüt auch, sonst wäre mein Spaziergang heute Morgen rein finanziell wohl etwas unrentabel gewesen. 

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE