8.12.2019 06:06
Quelle: schweizerbauer.ch - czb
Graubünden
Wo noch mit Schafmist geheizt wird
Juf, die höchstgelegene ganzjährig bewohnte Siedlung Europas, wurde von Walsern schon vor über 700 Jahren besiedelt. Für Bergbauernfamilien ist das Leben dort eine Herausforderung, früher vor allem das Heizen.

er Stausee Lago di Lei liegt fast vollständig in Italien, und sein Wasser ist das einzige Wasser Italiens, das nach Norden und nicht ins Mittelmeer fliesst. Nur die Staumauer befindet sich auf Schweizer Boden, ebenso wie das Kraftwerk, welches das Wasser in Strom umwandelt.

Der Bau der Kraftwerksanlagen Mitte der 1950er-Jahre hatte für das Averstal mit seinen Weilern Campsut, Cröt, dem Hauptort Cresta, Pürt, Am Bach, Juppa, Podestatenhaus und schliesslich dem höchstgelegenen ganzjährig bewohnten Dorf Juf Veränderungen zur Folge. «Jede Familie wurde gratis ans Stromnetz angeschlossen, der Strom war günstig», erinnert sich Robert Heinz. Viele Einwohner begannen elektrisch zu heizen – heute nutzen einige sogar Erdsonden oder Solaranlagen. Brennholz zu beschaffen, war für die weit über der Waldgrenze liegenden Dörfer schwierig.

Über der Waldgrenze

Robert Heinz lebt im Weiler Juppa, ebenfalls schon auf 2000 Metern über Meer, und ist Landwirt im Ruhestand. Er hat das Averstal mit seinen gut 180 Einwohnern 21 Jahre lang im Grossrat vom Kanton Graubünden vertreten.

 Seinen Betrieb hat er vor zehn Jahren seinem Sohn Fritz überschrieben, dessen Frau Martina einst als Lehrerin ins Averstal gezogen ist. Heute unterrichtet sie, inzwischen selbst Mutter von zwei kleinen Kindern und Bäuerin, nur noch an zwei Halbtagen pro Woche. Die zehn Primarschüler vom Averstal besuchen eine einzige Gesamtschule, Oberstufenschüler müssen über eine Stunde im Postauto nach Andeer fahren. 

Robert Heinz engagiert sich noch als Präsident der Stiftung Avers Ställe, die dieses Jahr sieben alte Ställe instand gestellt hat. Ställe, in denen zwar keine Tiere mehr sind, jetzt aber wieder als Unterstand für Land- oder Mähmaschinen genutzt werden. Die sanierten Ställe tragen zu einem intakteren Landschaftsbild bei, meint Heinz, und ergänzt: «Es gibt nichts Schlimmeres für ein Tal, als wenn haufenweise Ruinen herumstehen.» Ausserdem zeuge man so den Vorfahren Respekt, die das für den Bau nötige Holz mühsam aus den viel tiefer gelegenen Wäldern nach oben geschafft hatten.

Acht Monate Winter

Die hohe Lage des Averstal stellt, seit Walser es um 1260 von Süden her besiedelt haben, immer schon eine Herausforderung dar. Von Andeer her ist das Averstal erst seit 1900 erschlossen – als letztes Tal in Graubünden. Erst mit dem Kraftwerks-bau und der damit einhergehenden Erschliessung durch eine gute und wintersichere Strasse veränderte sich manches.

 «Bis nach Mitte des 20. Jahrhunderts hatten die meisten Bergbauernfamilien vier Kühe, ein paar Ziegen und ein paar Schafe, und sie mästeten Kälber», erinnert sich Heinz. Dann seien erst mal die meisten Ziegen verschwunden. Weil die Bauern nie die Möglichkeit hatten, die Milch an eine Molkerei oder Käserei abzuliefern, stellten sie mit der Zeit auf Mutterkühe um. Heute halten die meisten der 14 Bauern im Averstal Angus-Kühe, Ziegen gibt es fast gar keine mehr.

Aber noch immer müssen Bauern Futter für einen langen, bis zu acht Monate dauernden Winter beschaffen, sie können aber nur einmal jährlich mähen und heuen. Trockenwiesen, die nicht gedüngt werden, können gar nur jedes zweite Jahr gemäht werden. Fritz Heinz, der mit etwa 60 Angus-Kühen einen der grösseren Bauernhöfe im Averstal bewirtschaftet, verfügt daher über eine landwirtschaftliche Nutzfläche von etwa 60 Hektaren, davon aber nur etwa 30 Hektaren düngbare Fläche.

Auch Schafe werden nur noch von wenigen Bauern gehalten. Einer von diesen ist Richard Luzi, der im Weiler Podestatenhaus im höchstgelegenen Bürgerhaus der Alpen lebt. Doch er sei nicht der Eigentümer der Schafe. «Ich produziere nur das Heu für die Schafe und füttere sie den Winter über, im Sommer schaut meine Schwester nach ihnen», erzählt Luzi.

In Würfel geschnitten

Die Schafe hatten   jahrhundertelang noch einen anderen praktischen Nutzen: Ihr Mist diente als Brennmaterial. Robert Heinz gehört zu den wenigen, die noch wissen, wie man aus Schafmist Brennmaterial herstellt – was bereits mit der Fütterung der Schafe beginnt. Grundsätzlich bekamen die Schafe jeweils das Futter, das die Kühe nicht fressen wollten.

Was auch von den Schafen nicht gefressen wurde, verstreute man über den Stallboden. Die frei laufenden Schafe verbreiteten darüber noch ihren Kot, bis man eine etwa 10 bis 20 Zentimeter dicke, festgetretene Schicht hatte. «Dann wurden die Schafe ins Freie getrieben, und der Mist wurde mit einem Schroteisen gleich Schokoladentafeln in Würfel geschnitten, ins Freie gebracht und vor dem Stall aufgeschichtet zum Trocknen», erzählt Heinz. Einige Wochen später wurden die Schafmistziegel verkleinert und eine Etage höher gelagert, um sie weiter an der Sonne trocknen zu lassen.

Würste räuchern

«Schafmist wäre ein ausgezeichnetes Brennmaterial», weiss Heinz. Zuerst müsse zwar mit Holz angefeuert werden, denn Schafmist brenne nicht. Er erzeuge aber beim Verglühen extrem viel Wärme, fast wie Holzkohlebriketts, erklärt er. Am besten wärmen sie nach etwa zwei bis fünf Jahren Lagerung. Heute wird aber nur noch selten Schafmist verfeuert.

Auch Heinz nutzt Schafmist praktisch nur noch, wenn er luftgetrocknete Wurstwaren, die seine Frau und seine Schwiegertochter aus dem Fleisch von Alpschweinen herstellen, zusätzlich räuchern will. Die Schafmistziegel, die man daher in Averser Dörfern vor älteren Ställen aufgeschichtet sehen kann, haben daher fast nur noch eine touristische Bedeutung, vermitteln sie doch noch ein wenig einen Eindruck vom kargen Leben der Bergbauernfamilien früherer Jahrhunderte, die ganzjährig über der Waldgrenze lebten. 

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE