20.06.2019 09:54
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Schneiter
Blog
Waren sich einig: Kühe lächeln
Nach den Blogs aus Neuseeland, von der Alp Meienfall im Diemtigtal und der Alp Pfidertschegg im Eriz, bloggt Esther Schneiter wieder auf www.schweizerbauer.ch. Nun aus ihrem Leben als Lehrerin und Landwirtin.

Der Start in die neue Alpsaison ist geglückt. Wir haben bereits so viel erlebt, dass ich ein Buch füllen könnte. Angefangen beim Wetter: Von herrlich warmem Sommerwetter, über Nebel bis hin zu starkem Hagel hatten wir bereits alles. Oft ereignen sich die Wetterwechsel innerhalb weniger Minuten, was viel Wind mit sich bringt.

Nicht nur das Wetter ist wechselhaft

Auch unser Alltag gleicht einem Auf und Ab, zumindest von den Arbeiten her. Beispielsweise mussten wir an einem herrlich schönen Tag die Heublumen an der Böschung säen. Es war eine unglaublich staubige Angelegenheit und damit entsprechend wenig beliebt. Die Stellen, die wir vor drei Wochen säten, sind bereits leicht grün.

Leider haben der starke Niederschlag und Hagel am vergangenen Wochenende an den steileren Bereichen viel Erde ausgewaschen. Erosion und Abschwemmung, wie wir am Inforama gelernt haben. Das Problem ist, dass sich dies kaum verhindern lässt. Solange die Böschungen nicht grün sind, sind sie halt anfällig.

Abschlussprüfungen fertig

An den Abschlussprüfungen musste ich nichts Genaueres über Erosion wissen. Doch in vielen anderen Bereichen wurde unser Wissen getestet. In der «Tierhaltung mündlich» waren Stoffwechselkrankheiten, Stieren-Auswahl und Kälberaufzucht die Schwerpunkte. Themen, die ich mag. Auch «Pflanzenbau mündlich» lief mit Pflanzenkenntnis, Bewirtschaftung einer extensiven Weide und Weidesystem auf Alpen recht gut.

Da hatte ich bei den schriftlichen Prüfungen mehr zu kämpfen. Zum einen war der Zeitdruck sehr gross, zum anderen wurden Dinge gefragt, die ich als nicht wichtig eingestuft hatte. Beispielsweise sollten wir in der Bundesverfassung Artikel 104 wiedergeben. Jedenfalls habe ich nun alle Prüfungen vorbei und warte auf die Resultate.

Lehrplan 21

Ich könnte stundenlang darüber philosophieren, was ich von solchen Fragen halte. Bei den Weiterbildungen zum Lehrplan 21 auf der Primarstufe wird das Individualisieren vermittelt. Jedes Kind soll auf seinem Niveau arbeiten, Zeitdruck soll es keinen mehr geben. Und auswendig lernen wird sowieso nahezu verpönt, man könne ja nachschlagen.

In den Berufsschulen erlebe ich es ganz anders; alle erledigen die gleichen Aufträge. Und die Prüfungen zeigen, dass Arbeiten unter Stress und Zeitdruck eben doch wichtige Kompetenzen sind. Glücklicherweise werde ich da nicht gefragt, und so muss ich auch nicht urteilen. Ebenso nicht über die Frage, ob das Auswendig-Wissen des Artikels 104 in der Bundesverfassung einen guten Landwirt definiert.

Kühe sind im zweiten Frühling

Glücklicherweise habe ich am Inforama wirklich viel nützliches Wissen gelernt, beispielsweise eben das Weidemanagement auf Alpen. Das Gras ist erfreulicherweise gut gewachsen und wir sind von der Weideeinteilung recht gut im Plan. Gegenüber der Hütte ist die Fuchsegg. Dort fressen eigentlich nur die Rinder, denn es ist sumpfig und hat wenig schmackhafte Futterkräuter.

Wir haben diesen Teil der grössten Weide nicht abgezäunt, denn «normalerweise» sind die Kühe zu faul, um den langen Fussmarsch auf sich zu nehmen. Doch weit gefehlt: die Kühe entfernten sich rennend möglichst weit vom Stall. Die abenteuerlustige Herde war rund einen halbstündigen Fussmarsch entfernt. Wir konnten sie nur noch durch den Feldstecher genau beobachten. Doch bis am nächsten Morgen waren alle wieder gesund beim Stall.

Zeltler zu Besuch

Eine vierköpfige Familie aus dem Kanton Aargau hat und angeschrieben, ob sie bei uns zelten könnten. Unter der Auflage, dass der Abfall eingesammelt wird, ist dies bei uns natürlich möglich. Die dreieinhalbjährigen Zwillingsmädchen kamen zu mir in den Stall.

Sie stellten hunderte Fragen: alle konnte ich nicht genau verstehen oder ich wusste die Antwort schlichtweg nicht. Sie waren sich einig, dass die Kühe sie anschauen und lächeln würden. Dies finde ich eine wunderschöne Vorstellung und ich hoffe, dass die Kühe wirklich so glücklich sind.

Verspäteter Alpaufzug im Diemtigtal

An diesem Abend ging die Kuh Kelly weg. Wir haben sie verkauft. Sie soll in diesem Sommer im Diemtigtal auf der Alp Seeberg grasen. Wegen des vielen Schnees kam es zu einer verspäteten Alpauffahrt und Kelly blieb länger bei uns als ursprünglich geplant. So habe ich ihr die Treichel abgenommen und den Mädchen gegeben. Wie eine Handtasche trugen sie nun diese den ganzen Abend herum.

Am nächsten Morgen früh kamen sie bimmelnd wieder in den Stall. Plötzlich fragten sie mich, ob ich auch das Gefühl habe, dass eine Kuh komme, wenn sie umherlaufen. Natürlich bejahte ich, denn es war wirklich so. Daraufhin meinten sie, dass sie Abend zum Zelt gelaufen seien und da «hät din Papi au gmäint, ich sigi es Chueli!» Mit «din Papi» meinten sie Töbu. Beim Frühstück hat uns dann der Vater aufgeklärt, dass alle Männer mit Bart Papis oder Samichläuse seien. Da hatte Töbu ja noch einmal Glück. 

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