18.08.2019 10:43
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
Agriviva
Von den Kängurus zu den Kühen
In Yaycia Robinsons Garten sitzen manchmal Kängurus. Sie lebt nahe Melbourne in Australien. In diesem Sommer verbrachte sie aber drei Wochen bei der Bauernfamilie Marti in Welschenrohr SO. Dort molk sie am liebsten Kühe.

«Ein bisschen aufgeregt war ich schon.» Yaycia Robinson sitzt auf einer Bank vor dem Wohnhaus der Bauernfamilie Marti. Sie blickt runter auf das Dorf Welschenrohr SO, das sich ins Tal schmiegt und weiter zu den hellen Kalksteinen der Jurawände.

Berndeutsch mit Akzent

Vor vier Wochen ist die 16-Jährige mit etwas klopfendem Herzen auf den Hof der Martis gekommen. Von weit her. Aus einem Vorort von Melbourne, der Hauptstadt des Bundesstaats Victoria an der Südostküste Australiens. Dass sie ausgerechnet in die Schweiz zum Landdienst kommt, ist aber kein Zufall. Ihre Mutter kommt aus Bern und hat einen Australier geheiratet. Als Robinson vier Jahre alt war, zogen sie zum weitentlegenen Kontinent.

Robinson spricht aber noch immer Berndeutsch. Mit einem leichten Akzent. Manchmal mischen sich einzelne englische Worte in ihre Sätze. Mit ihrer Mutter spricht sie hin und wieder Berndeutsch. Alle zwei Jahre kommen sie in die Schweiz, um Verwandte zu besuchen. Mit der Landwirtschaft haben sie aber nichts zu tun. 

Mag Kühe

«Mami meinte, ich solle auf einen Bauernhof arbeiten gehen, ‹cause› so könne ich eine andere Seite der Schweiz kennenlernen», erzählt sie. Das tat sie. «Mir hat die Arbeit hier sehr gefallen. Vor allem die Kühe. Ich bin sehr gern in den Stall gegangen. Sie werden mir auch fehlen, wenn ich heute Nachmittag abreise.»

Während sie spricht, gesellen sich Stefan und Maria Marti zu ihr. Seit fünf Jahren kommen über die Organisation Agriviva junge Landdienstlerinnen und Landdienstler zu ihnen. Insgesamt waren es schon rund 20 junge Menschen. Meistens aus der Schweiz oder aus Deutschland. «Von so weit her ist noch nie jemand gekommen», sagt Maria Marti. Und sie waren beeindruckt von Yaycia.

Unmotivierte Jugendliche

«Wir haben schon alles erlebt, junge Leute, die am Morgen nicht aus dem Bett kommen, unmotiviert sind und uns zu spüren geben, dass sie von der Schule aus den Landdienst absolvieren müssen, aber gar nicht wollen. Eine junge Frau ist sogar schon nach dem ersten Tag wieder abgereist», erzählt Maria Marti.

Nicht so Robinson. Die 16-Jährige habe sich sehr gut gemacht. «Nach drei Wochen war sie relativ selbständig und konnte einige Arbeiten im Stall alleine erledigen», sagt sie. «Allgemein bin ich beeindruckt, dass eine so junge Frau von so weit her zu einer fremden Familie geht», sagt Stefan Marti. «Ich hätte das wohl in so jungen Jahren nicht gewagt.» Martis sind froh, wenn sie einen jungen Menschen einsetzen dürfen. Sie haben viel Arbeit und sind froh um Entlastung. 

Spannende Begegnungen

Auf dem Betrieb, den Stefan Marti von seinen Eltern übernommen hat, haben sie zwischen 70 und 80 Milchkühen. Ein Teil des Jungviehs lebt im Entlebuch LU. Der Betrieb, auf dem Maria Marti aufgewachsen ist, gehört ihr weiterhin. Nicht nur für die Arbeitsentlastung sind Martis froh um Landdienstlerinnen und Landdienstler. Sie schätzen auch die Begegnungen. Auch für ihre drei Kinder – die älteste ist in Yaycias Alter – seien die Geschichten der jungen Leute bereichernd.

Gerade, wenn jemand von so weit her komme, sei es spannend. «Sie hat erzählt, dass in ihrem Garten manchmal Kängurus grasen», sagt Stefan Marti und lächelt. Robinson verschränkt die Arme und lächelt schüchtern zurück. Obwohl es ihr bei Martis gefallen hat, freut sie sich auf die Abreise. Ihre Eltern und Geschwister holen sie ab. Dann reisen sie noch einen Monat lang durch Europa.

Will nicht Landwirtin werden

Danach werden sie zurückgehen. Robinson besucht die Schule. Jeden Tag fährt sie eine Stunde Bus. Hin und zurück. «Das ist in Australien ganz normal», sagt sie. Offenbar hat sie schon oft darüber gesprochen und erfahren, wie anders wir Distanzen bei uns wahrnehmen. In ihrer Freizeit geht sie zu den Pfadfindern, macht Karate und liest gern.

Die Erfahrung bei Martis hat sie nicht dazu bewegt, später in die Landwirtschaft einsteigen zu wollen. Das sei auch schwierig, da in ihrem Umfeld keine Landwirtschaft betrieben werde. «Aber ich will ganz bestimmt etwas mit Tieren machen», sagt sie. Bevor sie Welschenrohr verlasse, werde sie sicher noch einmal in den Stall gehen und sich von den Kühen verabschieden. 

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