2.12.2019 06:39
Quelle: schweizerbauer.ch - Katrin Müller
Blog
Tomaten aus kaltem Land
Für ein Austauschsemester ist die Agronomie-Studentin Katrin Müller gemeinsam mit Freund Simon Küng nach Schottland gereist. Dort arbeitet sie an den Wochenenden auf einer grossen Milchfarm. Sie erzählt auf schweizerbauer.ch von ihren Erlebnissen.

Wir besuchten die Standhill Farm in Hawick, südlich von Edinburgh. Die Standhill Farm wurde 1951 für 200 Milchkühe gebaut. Später kam eine Biogasanlage dazu und dieses Jahr ein 1.6 Hektaren grosse Tomatentreibhaus. Das ist eine Besonderheit, denn in Schottland ist der Tomatenanbau äusserst selten.


Betriebsspiegel

Der Stall: Noch heute werden 200 Milchkühe auf dem Betrieb gehalten. Die Kühe grasen im Sommer auf saftigen Weiden. Bei nassem Herbst- und Frühlingswetter und im Winter bleiben die Tiere im Stall. Das Gras wird dann frisch eingegrast. Im Winter wird eine Futtermischung gemixt. Die Kühe werden in einem 12x12 Side-by-side Melkstand gemolken. Den Melkstand verlassen die Kühe per Frontausgang. Die Milch wird regional in grösseren Supermärkten verkauft. Zurzeit sind acht Vollzeitangestellte sind auf der Standhill Farm angestellt. In der Biogasanlage wird die Hofgülle weiterverwendet.

Weiterverwendung aller Endprodukte

Die Gülle wird mit Roggen und anderem pflanzlichen Material vermischt. «Die Biogasanlage erlaubt uns aus minderwertiger und potentiell umweltschädlicher Gülle, ein hochwertiger ökologischer Strom zu produzieren», erklärt  Jim Shanks, Inhaber der Standhill Farm. Das aus der Biogasanlage entstehende Methan wird zu Strom umgewandelt. 1/3 des Stromes wird selber Verbraucht, der rest wird in das Stromnetz eingespeist.

Möglichst alles wird auf der Farm mit Strom betrieben. «Das ist ein Hofeigenes und daher sehr günstiges Produkt, welches wir nutzen möchten», fährt Jim fort. Sogar sein Auto der Marke Tesla wird immer mit Hof-Strom aufgeladen. Dieses habe bald 110’000km und habe bis jetzt nichts gekostet, sagt Jim.

Das CO2, welches ebenfalls aus der Biogasanlage gewonnen wird, wird direkt in das Tomatentreibhaus geleitet. Die Tomaten lieben CO2, erklärt seine Jim’s Mutter auf dem Hofrundhang.

Alternativvariante da Biogasanlage zu klein

Leider ist die Biogasanlage zu klein um das grosse Treibhaus zu heizen. Deshalb werden mit der vorhandenen Hitze der Biogasanlage Holzschnitzel getrocknet. Diese werden dann in zwei grossen Öfen verbrannt. Die Hitze des Feuers wärmt schlussendlich das Treibhaus. Jim ist stolz: «So kann das Glashaus Carbon neutral geheizt werden». Ein Modell des 21 Jahrhunderts, bestätigt er uns. Das meiste Holz stammt aus dem eigenen Wald. Dazugekauftes stammt aus nahegelegenen, nachhaltigen Wäldern.

Zu Kalt und zu dunkel für Tomaten

Im Tomatentreibhaus wird es richtig spannend. In Schottland werden eigentlich keine Tomaten angebaut. Wenn man keine Biogasanlage hat sind die Kosten sehr hoch bei schottischen Temperaturen ein Treibhaus  zu heizen. Unter freiem Himmel werden in Schottland keine Tomaten angebaut. In Schottland ist es nicht nur zu kalt, sondern auch zu dunkel. Und der häufige Regen fördert das Pilzrisiko.

Viel Regen ist aber auf der Standhill Farm gut. Die Tomaten werden ausschliesslich mit dem gesammelten Regenwasser vom Dach bewässert.

18'000 Tomatenpflanzen

Doch hier auf der Standhill farm ist alles anders. Im grossen Treibhaus werden sogar drei verschiedene Sorten angepflanzt. Normale runde Tomaten, kleine rote Cherrytomaten und Datteltomaten. Das Treibhaus wurde diesen September eröffnet. 18'000 Tomatenpflanzen wachsten dieses Jahr erstmals in Harwick. 

Die Tomaten werden im Januar gepflanzt. Erntezeit ist vom April bis im November. Dann ist die Saison vorbei. Im Winter gibt es hier nur wenige Stunden Tageslicht. Für Tomaten ist das zu wenig. Im November werden die Pflanzen aus dem Treibhaus genommen und in der Biogasanlage entsorgt.

15m lange Pflanzen

Bis Ende Jahr werden die Tomatenpflanzen bis zu 15m lang. Immer nur der oberste Teil der Pflanze produziert frische Blüten und Tomaten. Der lange Stiel wird auf der Höhe der Wurzel umgewickelt.

Hummeln bestäuben die Blüten. Hummeln kommunizieren im Vergleich zu Bienen nicht miteinander. Bienen tauschen mit einem Tanz aus, wo eine gute Futterquelle zu finden ist. Würde eine Biene gutes Futter ausserhalb des Tomatentreibhauses finden, wären in kürze alle Bienen ausgeflogen. Ausserdem leben die Hummeln viel länger als die Bienen. Die Hummeln werden im Frühling angeliefert und leben in Kartonkisten.

Angestellter pflückt alle grünen Tomaten

Im Treibhaus arbeiten drei der acht Vollzeitangestellten auf der Standhill Farm. Einer davon ist Farbenblind. So habe er anfangs unreife, grüne Tomaten anstatt die reifen, roten Tomaten geerntet. Der Job sei sehr gefragt. Besonders weil man hier am Samstag und am Sonntag frei hat. Zweimal pro Woche werden die Tomaten geerntet. Im September nur noch einmal pro Woche. Grund dafür sind die kürzeren Tage. Im Sommer können die Tomaten fast 20 Stunden vom Sonnenlicht profitieren und wachsen daher viel schneller. Im Winter ist es hier im Norden praktisch immer dunkel.

250g pro Tomatenbündel

Idealerweise wachsen fünf grosse Tomaten an einem Zweig. Das sind ungefähr 250 Gramm. Für grosse, schwere Tomatenbündel über 250 Gramm gibt es kein Zuschlag. Nach dem Ernten werden die Tomaten zuerst auf die Transporttemperatur herunter gekühlt bevor sie in den Lastwagen verladen werden. Das sei wichtig, damit die Schale nicht platzt. Die Tomaten werden im grossen Supermarkt «Morrisons» und in weiteren lokalen Lebensmittelläden verkauft.

24h Video-Übertragung per Skype

Im Sandhill Tomatenhaus sind mehrere Videokameras aufgestellt. Einerseits wird so die Farbe der Blätter beobachtet. Gute Düngung ist das A und O. Andererseits können Kunden und Kundinnen direkt über Skype das Wachsen ihrer Tomatenstauden mitverfolgen.

 

 

 

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