13.10.2020 08:43
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Film
Skandal um tote Kühe im Kino
Schauspieler und Produzent Mark Ruffalo macht in seinem neuen Film vieles richtig: «Dark Waters» erzählt die Geschichte eines Umweltskandals in West Virginia, der letztlich 99 Prozent aller Menschen weltweit betrifft.

Man kennt diese Filme: Ein übermächtiger Konzern, extrem dunkle Machenschaften und einsame Kämpfer-Davids, die es mit den skrupellosen Unternehmen-Goliaths aufnehmen.

Häufig wird daraus richtig guter Kinostoff. Schliesslich taugen die oft an wahre Begebenheiten angelehnten Skandale für ordentliche Heldengeschichten wie bei Julia Roberts Arbeiterklassen-Ikone «Erin Brockovich» oder im oscarprämierten Journalismusdrama «Spotlight».

Fieser Nachgeschmack

Nun kommt mit «Dark Waters» ein Film mit einem deutlich fieseren Nachgeschmack ins Kino. Der gesundheitsschädliche Stoff Perfluoroctansäure, um den es dabei geht, ist in 99 Prozent aller Menschen nachweisbar, heisst es in dem engagierten Justizdrama: Er steckt in Teflon.

Im Mittelpunkt des 1998 spielenden Films steht der einsame Antiheld Rob Bilott, gespielt vom elegant leicht aufgedunsenen Mark Ruffalo. Der ist eigentlich ein etwas abgestumpfter Verteidiger riesiger Konzerne, doch eines Tages steht Bauer Wilbur Tennant in seinem Büro und bittet ihn um Hilfe. Der Viehwirt ist ein Bekannter von Robs Grossmutter und wedelt grantelig mit Videokassetten.

190 Kühe gestorben

Nach anfänglichem Zögern besucht Bilott die Oma in West Virginia und lässt sich von Tennant zeigen, worum es geht: 190 seiner Kühe sind qualvoll gestorben. Der Mann ist sich sicher, dass daran die Fabrik des Chemieriesen DuPont Schuld hat. Der Konzern vergifte das Trinkwasser, töte so die Tiere und sorge bei Menschen für Krebs, glaubt er.

Bilott bekommt von seinem Chef (Tim Robbins) die Erlaubnis, den Fall aus Liebhaberei zu verfolgen. Er ahnt dabei noch nicht, dass er dadurch immer tiefer in einen Strudel gerät, der nicht nur seine Karriere, sondern auch seine Familie bedroht, weil er nachts verzweifelt-paranoid mit seiner schwangeren Frau (Anne Hathaway) darüber streitet, wie giftig die Teflon-Pfannen in ihrem Haushalt sind.

Keine Lösung

Der in Hollywood für seinen Umwelt- und Sozialaktivismus bekannte Ruffalo hat als Produzent Geld in diesen Film gesteckt und damit den richtigen Riecher bewiesen. Nicht nur die eigene schauspielerische Leistung ist bemerkenswert desillusioniert, Regisseur Todd Haynes hält zudem die Fäden souverän zusammen. Er hatte schon mit «Velvet Goldmine» und «Carol» bewiesen, dass er Filme mit ungewohnten Zugängen schaffen kann. Hier zeigt sich das auch in den abwechselnd dunklen und ausgeblichenen Farbtönen von Kameramann Edward Lachman.

Die grösste Stärke des Dramas ist es am Ende aber, keine Lösungen anzubieten. Stattdessen bleibt beim Zuschauen die Wut auf ein Unternehmen, das die Gesundheit von Milliarden Menschen gefährdet und auf ein Problem, das noch immer besteht.

In den USA bereits 2019 vor der Corona-Pandemie erschienen zu einer Zeit, in der auch Präsident Donald Trump noch nicht zu seinen extremsten Volten der jüngsten Monate angesetzt hatte, sind Rob Bilotts zentrale Sätze in diesem Film beinahe prophetisch: «Das System ist getürkt. Wir sollen glauben, es würde uns beschützen, aber das ist eine Lüge. Wir beschützen uns. Wir tun es. Niemand sonst. Nicht die Unternehmen, nicht die Wissenschaftler, nicht die Regierung. Wir.»

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