16.02.2018 10:30
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
Flurnamen
Sie weiss, wo der Rosshimmel ist
Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ist Expertin für Flurnamen. Auf Feld und Wald um Allschwil BL erzählt sie aus ihrem Wissensschatz. Und sie erklärt, was sie an der Flurnamensforschung so fasziniert.

«Hier lang könnten wir gehen.» Beatrice Hofmann-Wiggenhauser steht an der Tramstation in Allschwil BL. In der Hand hält sie eine Karte und fährt mit dem Finger einem Weg nach. Die zierliche junge Frau trägt eine rote Winterjacke, Jeans, einen Schal und robuste Schuhe. Es ist ein kalter Januartag.

Flurnamensforscherin

Das hält Hofmann aber nicht davon ab, über einige Felder und Äcker zu gehen. Sie ist Flurnamensforscherin. Heute erklärt sie dem Besuch die Bedeutung der Ortsbezeichnungen in Allschwil. Wie gut sie Bescheid weiss, wird schon beim ersten Strassenschild deutlich. «Holeeweg» steht dort drauf. 

«Was man heute nicht mehr auf Anhieb versteht, deutet darauf hin, dass der Weg auf eine Anhöhe führt», erklärt sie. «Holee» geht zurück auf die mittelhochdeutschen Begriffe «zem hohen lewe», was so viel bedeutet wie «zum hohen Hügel». Im Lauf der Zeit und mit den lautlichen Veränderungen in der Sprache sei daraus schliesslich «Holee» geworden. 

Wissen erhalten

Hofmanns Wissen um solche Namen kommt nicht von ungefähr. Die 31-Jährige befasst sich seit gut zehn Jahren mit Flur- und Ortsnamen. Sie hat an den Universitäten Basel und Zürich Germanistik (deutsche Literatur- und Sprachwissenschaften) sowie Medienwissenschaften studiert. Nach ihrem Abschluss blieb sie an der Uni und schrieb eine Doktorarbeit zum Namensgebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel an der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch.

«Während meines Studiums hätte ich nicht gedacht, dass ich mich so intensiv und so lange mit Flurnamen befassen würde», sagt sie. Trotzdem sei sie sehr froh, dass sie diesen Weg eingeschlagen habe. «Ich finde es wichtig, dass wir das Wissen um die alten Fluren und um ihre Namen erhalten. 30 Prozent aller Flurnamen sind nirgends aufgeschrieben. Nur die Menschen, die ihr Leben auf diesen Äckern, Hügeln und Waldstücken verbracht haben, wissen, wie sie heissen», sagt sie. Sie wollte deshalb mit diesen Leuten reden und ihr Wissen niederschreiben.

«Rosshimmel»

«Ich möchte die Namen festhalten, denn sie und ihre allfälligen Veränderungen sagen einiges über unsere Zeit aus», sagt Hofmann und deutet auf einen hohen Betonturm im Wald. «Wenn die jungen Leute aus dem Dorf heute hierher kommen sagen sie: ‹Komm, wir gehen zum Wasserturm.› Einige ältere bezeichnen die Gegend um den Turm aber als ‹Rosshimmel›, weil sie sich daran erinnern können, dass hier früher Pferde begraben worden sind.» 

Mit Leuten zu reden, ist aber nur ein Teil ihrer Arbeit. Karten und Dokumente um historische Ereignisse können auch Aufschluss über einen Flurnamen geben. «Diese Gegend hier heisst zum Beispiel ‹Ziegelhof›», sagt sie und deutet auf ein weites Feld. «Hier muss also eine Produktionsstätte für Ziegel gewesen sein.» Das sei etwas merkwürdig, denn: Warum sollte man eine solche ausserhalb des Dorfes ansiedeln, wo kaum jemand vorbeikomme. 

«Auf der Karte habe ich dann gesehen, dass neben diesem Stück Land ein Weg vorbeiführt mit dem Namen ‹Herrenweg›. Das Wort ‹Herren› deute nicht auf ‹Männer› hin, sondern auf ‹Heere›», erklärt sie. Und daraus liesse sich schliessen, dass hier militärische Truppen vorbeigeritten seien. «Mit diesem Wissen ergibt es wieder Sinn, dass der Ziegelhof hierher gebaut worden ist», folgert Hofmann.  

«Chuestelli»

Etwas weiter im Wald deutet sie auf das Schild «Chuestelli». Da ist der Grund für den Namen ein naheliegender, früher war hier ein Unterstand für Kühe. «Manchmal ist es etwas kniffliger, einen Namen herauszufinden, als in diesem Fall», sagt Hofmann. Aber genau das reize sie. «In den zehn Jahren ist mir noch nie langweilig geworden, und ich hatte die Orts- und Flurnamen noch nie satt.» 

Es sei eine sehr abwechslungsreiche Arbeit. Einerseits sei sie viel in Archiven, studiere alte Karten und Dokumente, andererseits sei sie oft auf Fluren und Äckern unterwegs und treffe Leute, die ihr  über die alten Namen berichteten würden. «Für diese Menschen ist es wichtig, dass sie diese Namen wissen. Sie geben ihnen ein Gefühl von Heimat», erzählt sie, während sie den Holeeweg zurück zur Tramstation einschlägt. 

Fragen stellen

Möchten Sie wissen, warum ein Acker, den Sie bewirtschaften, oder der Weiler, auf dem Ihr Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schicken Sie uns Ihre Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft). An: redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen. jul

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