5.09.2015 10:08
Quelle: schweizerbauer.ch - Jonas Ingold, lid
Bern
Schrecken und Schönheit der Berge
Landwirtschaft ist für den Tourismus in den Berggebieten – und umgekehrt – von grosser Bedeutung. Dass dies schon im 18. Jahrhundert so war, zeigt eindrücklich die Ausstellung "Delightful Horror", die sich dem frühen Tourismus im Berner Oberland widmet.

Die ersten Reisenden kamen vor mehr als 300 Jahren in die Alpen. Sie betrieben wissenschaftliche Forschungen und später hielten sie die eindrücklichen Bergkulissen auch bildlich fest. Diese Bilder zeigen oft eine übermächtige Natur, welcher der Mensch ausgeliefert zu sein scheint. Die Berge vermitteln etwas Gefährliches, Unberechenbares, ja gar Schreckliches.

Mit der Zeit wird aber auch die Schönheit der Landschaften entdeckt und über Bilder vermittelt; die Alpen werden nun positiver wahrgenommen. Ein "Delightful Horror" also, ein "entzückender Schrecken". Diesem Thema ist die Sonderausstellung im Schloss Hünegg gewidmet, die noch bis zum 18. Oktober besichtigt werden kann (siehe Textbox). Rund 500 Exponate aus der Zeit des frühen Tourismus sind ausgestellt, darunter zahlreiche Bilder, aber auch Bücher mit Reiseberichten oder Souvenirs in vielen Formen.

Pioniere des Agrotourismus

Beim Betrachten der Bilder fällt auf, dass Agrotourismus keine Erfindung der heutigen Zeit ist. Bereits damals, als es noch keine Strassen gab, wurden die Reisenden in Alphütten willkommen geheissen. "Die Reisenden konnten in den Hütten Zuflucht bei schlechtem Wetter suchen oder wurden  während der beschwerlichen Reise von den Älplern bewirtet", sagt Ernst Roth, von dessen Roth-Stiftung Burgdorf die Ausstellungsgegenstände überwiegend stammen.

So zeigt das Titelbild zur Ausstellung die Wengernalp, auf der auch Touristen rasten und die beeindruckende Bergwelt geniessen. Betrachtet man die Bilder genauer, sieht man Details wie gedeckte Tische vor den bescheidenen Hütten stehen. "Ein Tisch auf einer Alp hat normalerweise keine Tischdecke. Doch für die Touristen hat man dies damals bereits so hergerichtet", sagt Ernst Roth. Mit dem anziehenden Tourismus kommen auch die Veduten auf, Landschaftsbilder, die teils in grossen Mengen vervielfältigt und von den Reisenden als Souvenirs mit nach Hause genommen werden. Ein Ausstellungsraum der Sonderausstellung widmet sich speziell diesen.

Das Unspunnenfest als Marketingträger

Im Jahr 1805 fand das erste Unspunnen-Fest statt. Es sollte der Vermittlung zwischen Stadt und Land dienen. Gross war aber auch sein Einfluss auf den Fremdenverkehr und so legte insbesondere das zweite Unspunnenfest von 1808 als Werbeträger einen Grundstein für den Tourismus in grösserem Ausmass. An das Fest eingeladen wurden die französische Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun und die französische Schriftstellerin Germaine de Stael. Deren darauf folgende Werke sorgten für eine grössere Bekanntheit des Festes und der Region. Das Unspunnenfest besteht bis heute, die nächste Austragung findet im Jahr 2017 statt.

Informationen zur Ausstellung

Die Sonderausstellung "Delightful Horror – Die Erhabenheit der Alpen und der frühe Fremdenverkehr" im Schloss Hünegg in Hilterfingen ist noch bis zum 18. Oktober täglich von 14 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertag von 11 bis 17 Uhr, geöffnet. Die Sonderausstellung ist ein Gemeinschaftswerk der Stiftung Schloss Hünegg und der Roth-Stiftung Burgdorf. Weitere Informationen sind im Internet unter www.schlosshuenegg.ch/ und www.rothstiftung.ch/ abrufbar.

Bessere Transportwege bringen den Durchbruch

Mit dem Ausbau der Verkehrswege schritt der Tourismus im Berner Oberland weiter voran. 1835 sorgte die Bellevue, der erste Raddampfer des Thunersees, für neue Möglichkeiten des Transports, wurde doch der Seeweg zuvor mit Segel- oder Ruderbooten absolviert. Als 1859 dann schliesslich die Eisenbahnverbindung von Bern nach Thun und später nach Spiez geschaffen wurde, nahm der "Massentourismus" seinen Anfang.

Die erste solche Gruppenreise wurde im Jahr 1863 von Thomas Cook angeboten. Mit dieser nehmen die frühe Epoche des Einzeltourismus im Oberland und auch die zeitliche Reise durch die Sonderausstellung ihr Ende.

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