13.07.2013 08:51
Quelle: schweizerbauer.ch - ral
Russland
Russland ist nichts für Kleinkarierte
Die Region zwischen Russland und dem Schwarzen Meer gehört zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Russlands. Die Möglichkeiten für die Landwirtschaft sind riesig. Die Gegensätze aber auch.

In Russland boomt vieles. Die Landpreise entwickeln sich drastisch nach oben. Die Inflation zieht mit.  Moskau ist mittlerweile das teuerste Pflaster der Welt hinter Tokio. Auf den Strassen fahren mehr SUVs als hierzulande. In wenigen Jahren wurde eine moderne Skyline von Hochhäusern hochgezogen.

Das hat Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Je weiter man nach Süden kommt, umso seltener werden Brachflächen, die noch vor wenigen Jahren die Landschaft prägten. «Macht man nichts, wächst in kurzer Zeit ein dichter Birkenwald», erzählt Reiseleiter Martin Kindler.  Er bewirtschaftet selber einen 150-Hektar-Hof in den Nähe von Kaluga. Die Veränderungen nach der Wende haben aber auch ihre Spuren hinterlassen: «Nirgends wird so viel gesoffen wie in Russland», weiss  Kindler. In beispielhafter Weise betreibt Kindler auf seinem Betrieb eine Art Wiedereingliederung für Gestrandete. Denn der Staat unternimmt nichts. Langzeitarbeitslosigkeit und Armut sind die Folge der Abhängigkeit.

Grossbetriebe entstehen

Immer wieder sieht man verlotterte ehemalige Sowjet-Kolchosen. Kindler, der auch als landwirtschaftlicher Berater tätig ist, gibt praxistaugliche Tipps für Investoren, die solche Betriebe wieder reaktivieren wollen. Einer davon ist der Joint-Venture-Betrieb Moloko, der an zwei Standorten 1500 Tiere, davon 300 Simmentaler aus Österreich, hält. Die Direktorin Larissa berichtet, dass man schon früher einen Melkstand baute. «Doch funktioniert hat der nie.» Denn nach Russland wurde nur Ramsch geliefert, und die Servicetechniker verfügten nur über theoretisches Wissen. Das ändert sich. Heute schiessen russische Ableger von West-Firmen wie Pilze aus dem Boden. Claas hat ein Traktorenwerk, Volvo und VW Montagewerke in Russland.

Ein anderes Beispiel ist ein Mastbetrieb mit rund 3500 Tieren. Dort verzichtet man auf die Nutzung der verfallenen Gebäude, die nur vier Jahre genutzt wurden. Die Tiere sind das ganze Jahr im Freien, auch im kalten Winter.  Die Fahrsilos fassen 3000 m3, wie viel Fläche man bewirtschafte, wisse man nicht genau. «Aber sicher 10000 Hektaren.»

Nach israelischem Vorbild  wird auf einem Betrieb südlich von Kaluga Milch produziert und verarbeitet. Hohes Kostenbewusstsein ist oberstes Gebot, unter 20 Rappen, der Hälfte des üblichen Milchpreises. Das sieht man aber auch in den Stallungen mit Tiefstreu. Die Tiere stehen bis zu den Knien im Mist. Doch das soll ändern. Etwas ausserhalb wird für 6000 Kühe gebaut, zehnmal grösser als bisher. Man staune: Die Milchprodukte schmecken vorzüglich.

Nichts ist fix

Dass dies aber schnell ändern kann, hat Tobias Schenk erlebt. In der Nähe von Woronesch, im Schwarzerdegebiet, hatte er einen riesigen Ackerbaubetrieb. Doch er hat die Selbstständigkeit aufgegeben. Das Vermögen verbraucht.  Er arbeitet beim Agrarriesen Agro-Invest und macht Weizenanbauversuche. Der Grossbetrieb bewirtschaftet 210000 ha Land  an vier Standorten. So gross wie der Kanton Freiburg.

Auch «Kartoffelkönig» Hanspeter Rikli klagt über drei schlechte Jahre und einen Preiszerfall. Seine Anbaufläche ist auf einen Drittel geschrumpft, die Bewässerungsanlage hat er verkauft. Nun will er mit Sascha Prodan in den Beerenanbau einsteigen und hat erste Erdbeeren und Johannisbeeren gepflanzt. Dieser weiss, was er will, und hat sich ein immenses Wissen angeeignet. Er will in Moskau, aber auch im nahen Woronesch frische Beeren vermarkten.

Hanspeter Michel von Schweizer Milch betont, dass es wichtig sei, mit dem Beamtenstaat gut zu kooperieren und Beziehungen mit den russischen Partnern zu pflegen. Mit 780 Hektaren seien sie ein kleiner Fisch. Aber die Direktvermarktung der Milch funktioniert.  Bei rund 35 Rappen Milchpreis verkauft Schweizer Milch die abgefüllte Milch für eine Franken in der Stadt. Allerdings ist die Abfüllanlage in die Jahre gekommen. Im Herbst will man für Ersatz sorgen. Bereits im Bau ist das neue Melkhaus mit einem 12er-Melkstand.

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