19.08.2016 06:37
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bern
Riesiges Meteoriten-Streufeld bei Twann
Meteoritensammler und Forschende des Naturhistorischen Museums haben rund 600 Fragmente des sogenannten Twannberg-Meteoriten entdeckt. Das Streufeld gehört damit zu den grössten Europas. Der Fund erlaubt es, die Geschichte des Meteoriten nachzuvollziehen, gibt den Forschern aber auch Rätsel auf.

Der Twannberg-Meteorit fiel vor etwa 160'000 Jahren auf die Erde und zerbarst bei seinem Eintritt in die Atmosphäre in hunderte Einzelstücke, die im Gebiet des Twannbergs nördlich des Bieler Sees niedergingen. Durch mehrere Suchkampagnen unter der Leitung von Beda Hofmann vom Naturhistorischen Museum Bern konnten Forschende und Meteoritensammler in den letzten drei Jahren das Streufeld identifizieren und damit Rückschlüsse auf den Eisenmeteoriten ziehen.

Inzwischen sind dank der Suchkampagnen etwa 600 Fragmente zusammengekommen. Die Experten gehen jedoch von über 1000 aus. Anhand der Fragmente lasse sich das Fall-Ereignis erstmals nachvollziehen, hiess es an einer Pressekonferenz des Museums am Donnerstag in Bern.

Vorhersagen über künftige Kollisionen

«Dank der Funde aus den Suchkampagnen können wir die Grösse, Richtung und den Eintrittswinkel rekonstruieren», erklärte Hofmann gegenüber der Nachrichtenagentur sda. Dadurch liesse sich nachvollziehen, was genau beim Atmosphärendurchtritt passiere. Dadurch lasse sich auch besser vorhersagen, welchen Effekt ein entsprechendes Objekt mit Kollisionskurs auf die Erde in Zukunft haben könnte.

In erster Linie sei es aber ein sensationeller Fund für die Schweiz, so Hofmann weiter. «Damit haben wir quasi eine direkte Verbindung zum All direkt vor unserer Haustür.» Das Streufeld des Twannberg-Meteoriten werde weiter untersucht, klar sei aber bereits, dass es sehr gross sei. Das bisher identifizierte Gebiet erstreckt sich über eine Länge von fünf Kilometern, könnte aber bis zu 15 Kilometer lang sein. Es zählt damit zu den drei grössten Streufeldern Europas.

Seltener Eisenmeteorit

Physikalische Untersuchungen zeigen, dass der Himmelskörper vermutlich einen Durchmesser von sechs bis zwanzig Metern besass und demnach eine Masse von tausend bis 30'000 Tonnen besass.

Beim Twannberg-Meteoriten handelt es sich um einen äusserst seltenen Eisenmeteoriten des Typs IIG, der sich durch einen niedrigen Nickel- und einen hohen Phosphorgehalt auszeichnet. Von insgesamt fast 54'000 Meteoritenfunden weltweit - davon 1136 Eisenmeteoriten - seien nur fünf Fallereignisse eines Objekts dieses Typs bekannt, hiess es an der Pressekonferenz. Der «Twannberg» ist von diesen einer der grössten.

Bruchstücke von Asteroiden

Meteoriten entstehen aus Bruchstücken von Asteroiden. Vor seinem Sturz auf die Erde war der «Twannberg» 240 bis 250 Millionen Jahre im Sonnensystem unterwegs und habe mehrere Millionen mal die Sonne umkreist, sagte Ingo Leya, Professor an der Universität Bern, der an der Analyse des Meteoriten beteiligt ist. Wirklich überraschend sei aber, wie lange der Meteorit im europäischen Klima überdauert habe, erklärte der Forscher im Gespräch mit der sda. Typischerweise würden Meteoriten in der Antarktis oder in Wüsten entdeckt, wo sie dank der Witterung länger überdauern können.

Mittels radioaktiver Isotope und durch geologische Indizien konnte Leyas Team mit Forschern aus Dresden das Fallereignis auf vor 100'000 bis 200'000 Jahren datieren. Das mache ihn für Europa zu einem der ältesten Meteoriten (gemessen an der Zeit auf der Erde). Selbst im Vergleich mit in der Wüste gefundenen Meteoriten sei das relativ alt.

Rätselhaft langlebig

Darüber, warum der Meteorit im europäischen Klima nicht völlig verwittert und überhaupt noch erhalten sei, könne man nur spekulieren, sagte Leya. «Dadurch dass die Fragmente im Boden lagen, wurde wahrscheinlich der Sauerstoffaustausch reduziert. Ausserdem enthält der »Twannberg« relativ viel Phosphor, der mit der Verwitterung eine Schutzschicht an der Oberfläche gebildet und weitere Zersetzung gebremst haben könnte», vermutet der Forscher.

Einmaliger Fund

In der Schweiz wurden bisher nur acht Meteoriten gefunden, der «Twannberg» ist jedoch der einzige, von dem mehr als ein Stück bekannt ist. Das erste Fragment entdeckte 1984 die Bäuerin Margrit Christen, als sie Steine auf einem Feld sammelte. Dabei fiel ihr das ungewöhnliche rostige Stück auf, dass «auffällig schwer» gewesen sei.

Das zweite Fragment entdeckte der Schreiner und Meteoritensammler Marc Jost im Jahr 2000 auf einem Estrich, als er einen antiken Stuhl besichtigte. Das Stück war offenbar bereits früher gefunden, dort abgelegt und vergessen worden. Jost und andere Meteoritensammler entdeckten im Laufe der Jahre zahlreiche weitere Stücke, allerdings blieben Ort und Ausdehnung des Streufeldes unklar: Viele der Fragmente waren durch Bäche oder Gletscher während der letzten Eiszeit transportiert worden.

Ausstellung in Bern

Erst 2013 machte Jost einen wichtigen zweiten Fund in dem Gebiet, wo bereits Margrit Christen ihr Fragment entdeckt hatte. Dieser Fund brachte Beda Hofmann dazu, gezielte Suchkampagnen zu starten, um die Ausdehnung des Streufeldes zu erforschen.

Über hundert der bisher gefundenen Fragmente können ab dem 19. August im Naturhistorischen Museum Bern besichtigt werden. Die Ausstellung «Twannberg-Meteorit - Jäger des verlorenen Schatzes» widmet sich den bisherigen Erkenntnissen über den Meteoriten. Ausserdem ist sie eine Hommage an die Meteoritensammler.

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