2.05.2016 06:40
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Kanada/USA
Niagarafällen soll Wasser abgedreht werden
Es strömt, rauscht, donnert: Die Niagarafälle gehören zu den grössten Wasserfällen weltweit. Wegen veralteter Brücken sollen Baufahrzeuge anrücken und die «Falls» teils trockenlegen. Dem Tourismus drohen Einbussen - doch die Stadt preist das Vorhaben als einmalig.

2,6 Millionen Liter pro Sekunde. Die Wassermassen, die täglich über die Abbruchkante der Niagarafälle stürzen, sind gewaltig. Entsprechend gross sind auch die Massen an Touristen, die in die kanadisch-amerikanische Grenzstadt strömen. Zwölf Millionen sind es jährlich, schon lang zählen die «Niagara Falls» zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Nordamerika.

Schönheitskorrekturen

Doch wenn alles nach Plan läuft, könnte dem Naturspektakel wegen Bauarbeiten in ein paar Jahren der Wasserhahn abgedreht werden. Grund für das grossangelegte Bauvorhaben: Schönheitskorrekturen. Die Fussgängerbrücken, die Besucher zur Insel Goat Island führen, seien «ästhetisch unattraktiv», heisst es im Projektbericht der zuständigen Parkbehörde im Staat New York.

Ausserdem versperrten sie den Blick auf die Strömung. Mehr noch: Diese sogenannten Mabey Bridges waren nur gebaut worden, weil die 115 Jahre alten, längst verfallenen Brücken geschlossen werden mussten. Ihre Zementbögen bröckeln heute dahin.

Nur ein Wasserfall betroffen


Doch kann eine Baufirma mehrere Brücken einreissen und neu bauen, wenn darunter eine reissende Strömung fliesst und kurz darauf in die Tiefe donnert? Der Fluss soll trockengelegt werden. Zwar wären nur die bis zu 30 Meter hohen American Falls auf US-Seite betroffen - einer der insgesamt drei Wasserfälle also, aus denen die Niagarafälle bestehen.

Über die bekannteren, 57 Meter hohen Horseshoe Falls auf kanadischer Seite, die wegen ihrer Krümmung nach einem Hufeisen benannt sind, würde das Wasser weiter und dann sogar noch kräftiger strömen.

Finanzierung noch nicht gesichert

Andrea Czopp spricht trotzdem von einer Gelegenheit, die für viele Touristen nur einmal im Leben käme. Von den benötigten 26 Millionen Dollar sei aber noch kein Geld gesichert, sagt die Sprecherin der Tourismusbehörde. Allein die Finanzierung werde vier bis fünf Jahre dauern, bevor mit Planung und Bau weitere zwei bis drei Jahre verstrichen.

Sorgen, dass Touristen ausbleiben, dass Hotelbetten und Restaurants leer bleiben könnten, wischt sie beiseite. Entscheidend sei der Spin, das richtige Marketing. «Wir glauben, dass es eine sehr positive Sache wird», sagt Czopp.

Bodenerosion studiert

Es wäre nicht das erste Mal. 1969 leiteten Bauingenieure der US-Armee das Wasser der American Falls um und studierten über fünf Monate die Folgen der Bodenerosion. Rick Elia war dabei. Die Firma seines Vaters baute den Damm, weshalb Elia als 15-Jähriger durch das Flussbett spazieren konnte. «Für mich war das ziemlich cool», sagt Elia der Nachrichtenagentur dpa. «In das ausgetrocknete Flussbett zu gehen, das zu den Fällen führte, war eine ziemliche Erfahrung.»

Gute fünf Jahrzehnte später könnte er seinen Spaziergang wiederholen. Elia übernahm das 1917 gegründete Familienunternehmen seines Vaters und hätte durchaus Interesse, sich die Strömung noch einmal vorzuknöpfen. «Es ist einmalig für einen Menschen, die mächtigen Gewässer zu stoppen», sagt er. Schon damals habe das Projekt eine Menge Aufmerksamkeit erzeugt, samt Besuch des Gouverneurs von New York.

Schwieriges Unterfangen


Auch mit Bulldozern und Muldenkippern ist der Bau des sogenannten Kofferdamms an einer solchen Strömung kein Leichtes. Am oberen Ende der Strömung werden Erdmassen in den Fluss gepresst, nach und nach arbeiten sich die Maschinen zur anderen Uferseite. «Der schwierigste Teil kommt zum Schluss», sagt Elia. Denn wo eine bis zu 90 Meter breite Strömung auf wenige Meter reduziert und letztlich abgeschnitten wird, entwickelt das Wasser eine umso grössere Kraft.

Was das Flussbett dann für Geheimnisse bergen könnte, zeigen Berichte von 1969: Millionen Münzen, die Besucher vermutlich als Glücksbringer in die Strömung geworfen hatten, fanden Bauarbeiter damals und trugen sie mit Eimern ans Ufer. Nach Angaben der ehemaligen Stadthistorikerin Michelle Kratts fanden Arbeiter auch sterbliche Überreste - womöglich von Menschen, die sich das Leben genommen oder waghalsige Stunts gewagt und nicht überlebt hatten.

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