24.08.2014 19:07
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bern
Mit Trycheln den bösen Geistern den Garaus machen
Das Eidgenössische Scheller- und Trychlertreffen in Meiringen wird in einer Region ausgetragen, die für diesen Anlass wie gemacht ist. Das «Trycheln» ist im Oberhasli nämlich ein ausgesprochen lebendiges, mit viel Liebe gepflegtes Brauchtum.

Die Haslitaler trycheln in der Altjahrswoche, um die bösen Geister zu vertreiben. Wenn die Trychler in langen Zügen gemessenen Schrittes durch die schroffen Bergtäler, die Dörfer und Weiler ziehen, dann hat das etwas Feierliches, Archaisches, ja gar Mystisches.

Der Brauch ist Jahrhunderte alt. Vermutlich geht er «bis in die vorchristliche Zeit zurück und scheint alemannischen Ursprungs», schreibt Volkskundler Fritz von Gunten in seinem Buch zu Winterbräuchen in der Schweiz.

Kaum Nachwuchssorgen

Später gesellten sich zu den Trychlern auch Trommler. Das Trommeln könnte im 17. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Reisläuferei der Eidgenossen in Mode gekommen sein, vermutet der Guttanner Roland Künzler, OK-Präsident des Eidgenössischen Scheller- und Trychlertreffens und ehemaliger SP-Grossrat.

Schriftliche Quellen zu diesem uralten Haslitaler Brauch gibt es praktisch keine. Seit Menschengedenken haben die Alten die Jungen ins Trycheln eingewiesen. Nachwuchssorgen kennen die Haslitaler Trychler kaum.

Volkskundler von Gunten berichtet in seinem Buch von einem Pfarrer, der um 1900 dem Trycheln mit einem Verbot Einhalt gebieten wollte. Die Empörung in der Bevölkerung war so gross, dass der Geistliche das Haslital verliess. Die Episode soll eine eigentliche Renaissance des Brauchs ausgelöst haben.

Herzschlag einer Region

Tage- und nächtelang hallen in den Tagen vor Silvester die monotonen, beinahe hypnotischen Klänge durch die winterlichen Täler. Der Schall tausendfach zurückgeworfen von den Felswänden ringsum wird zum Herzschlag einer ganzen Region. Über Tag bestehen die Trychlerzüge oft aus Kindern und Jugendlichen, wenn es dunkel wird, übernehmen die Erwachsenen - heute sind an den meisten Orten auch Frauen dabei.

Jedes Dorf hat kennt eigene Ausprägungen des Trychelns. Die Hasliberger etwa sind nur mit Trycheln und ohne Trommeln unterwegs. Die Guttanner wiederum trycheln langsamer als andere Züge, wie Künzler erzählt.

Am letzten Werktag des alten Jahres strömen viele Trychlerzüge in Meiringen zum Ubersitz zusammen. Die meisten Trychler sind dann verkleidet, manche in schauerlichen Dämonenmasken als «Bootzeni» andere in Felle gehüllt und mit Tannästen geschmückt.

Relikt eines vergessenen Kultes?

Manche Züge führen in ihren Reihen auch Fabelwesen, wie die Schnabelgeiss mit. Sie ist ein stelzenartiges, weissverkleidetes Wesen mit einem langen Holzschnabel, mit dem mitunter es nach den Zuschauern am Strassenrand schnappt.

Die Figur der Schnabelgeiss sei möglicherweise das einzige verbleibende Relikt einer längst verschwundenen Gruppe von Totengeistern, denen in Vorzeiten gehuldigt wurde, vermutet der Volkskundler Kurt Lussi in seinem Buch «Lärmen und Butzen - Mythen und Riten zwischen Rhein und Alpen».

Lussi führt ins Feld, dass die Figur der Schnabelgeiss auch beim Spräggele in Ottenbach (ZH) ihren Platz habe, also weitab vom Haslital. Und die Bezeichnung Spräggele rücke die Schnabelgeiss in die Nähe der Sträggele, einem weiblichen Totengeist aus dem Sagenkomplex rund um das Wüetisheer.

Mit heiligem Ernst

Wie auch immer: mit Festgaudi im heutigen Sinn hat die Verkleidung der Trychler und Trommler am Ubersitz jedenfalls wenig zu tun, auch wenn heute mitunter auch Plastikmasken aus dem Warenhaus zum Einsatz kommen. Mit schier heiligem Ernst sind die Trychler bei der Sache. Fröhlich wird es dann aber meist in den Beizen, wo sich die Trychler bei etwas «Dünnem» aufwärmen.

Die Altjahrswoche und der Ubersitz waren lange Zeit vor allem etwas für Einheimische und Heimweh-Hasler. Doch der Brauch zog zunehmend auch Auswärtige an. Lauter wurden auch die kritischen Stimmen, die sich daran stören, dass manche Besucher heutzutage im Ubersitz nur noch eine feuchtfröhliche Party sehen.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE