15.05.2018 07:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Ruth Bossert
Thurgau
Landwirt will an Olympische Spiele
Patrick Wägeli führt zusammen mit seinem Vater in Nussbaumen TG einen landwirtschaftlichen Betrieb, arbeitet als Versicherungsagent und will als Marathonläufer an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio teilnehmen.

Im Vergleich zu den Sommermonaten geht es auf dem Hof von Patrick Wägeli und seinen Eltern in den Wintermonaten etwas ruhiger zu und her. Im Januar war er im Höhentraining in Kenia, kürzlich bestritt er einen Halbmarathon in Barcelona und wurde als Sportler des Jahres der Stadt Frauenfeld geehrt. Jetzt sitzt der 27-Jährige ziemlich relaxed am Küchentisch im elterlichen Bauernhaus in Nussbaumen TG. 

Gute Planung nötig

«Nach dem Wettkampf kann ich jeweils im Training etwas zurückfahren, und bei sehr tiefen Temperaturen bevorzuge ich das Laufband, das sonst eher selten zum Zug kommt, sagt er. Der landwirtschaftliche Betrieb läuft auch ohne seine ständige Präsenz. Zudem seien zwei Drittel der normalen Tabakernte im vergangenen Sommer verhagelt worden, und deshalb war das Abpacken des Tabaks im Winter schnell erledigt, erzählt Wägli.  

So konnte er sich mehr auf seine Teilzeitstelle bei der Emmental Versicherung konzentrieren. «Ich muss mein Leben gut planen, um alles unter einen Hut zu bringen.» Man glaubt es ihm, dem jungen sympathischen Sportler, der bereits als 14-Jähriger den ersten von insgesamt sieben Junioren-Schweizer-Meister-Titeln im Orientierungslauf gewonnen hat und oft im Ausland an Wettkämpfen und Trainingslagern teilnahm.  

Braucht sportliches Ziel

Nach seiner landwirtschaftlichen Ausbildung wollte er sich auf die Meisterprüfung und auf seinen Bauernhof, den er seit 2014 mit seinem Vater zusammen als Betriebsgemeinschaft führt, konzentrieren. Er merkte aber schnell, dass ihm die sportliche Herausforderung fehlte. «Ich brauchte ein sportliches Ziel.» Und so begann er mit Strassenläufen. Die Meisterprüfung machte er mit 21 Jahren, im Moment ist bereits der dritte Lehrling auf seinem Hof. 

Junge Leute in einem Beruf auszubilden, der ihn mit Stolz und Leidenschaft erfülle, gefalle ihm. Auch sein Teilzeitjob als Versicherungsagent sei interessant und für später eine gute Basis, besonders in den Wintermonaten, wenn es auf dem Hof etwas ruhiger sei. Seinen Fokus indes sieht er seit drei Jahren im Sport. Er hat seine Trainingszeit um rund 50 Prozent gesteigert und seine Arbeit sowie das Umfeld dem Laufsport angepasst. 

Bis zu 220 Kilometer pro Woche


Seinen ersten Marathon lief der ehrgeizige Bauer im 2015 und hat ihn mit 2:27.46 beendet. In den nächsten beiden Jahren folgten vier weitere Marathons, er verbesserte sich ständig und im vergangene Jahr erreichte er in Frankfurt mit 2:17:02 die EM-Limite. «Mein Ziel ist nun klar auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio ausgerichtet», sagt er und seine Augen leuchten. «Die Frage, ob ich das kann, stelle ich mir nicht. »

Wöchentlich trainiert der Spitzensportler ungefähr 25 Stunden und läuft bis zu 220 Kilometer. «Mein Tag beginnt am Morgen um sechs Uhr und endet abends zwischen acht und neun Uhr.» Er betrachte seine zwei bis Trainingseinheiten pro Tag als Arbeit und das müsse auch jeder auf dem Hof wissen. Es komme auch vor, dass er auswärts übernachte, um sich gut zu erholen und seine Trainingseinheiten weg vom Hof und von der Arbeit konzentriert durchzuziehen. 

«Ich denke, das Wichtigste, um erfolgreich zu sein, ist es ein Ziel anzupeilen und alles dem Ziel unterzuordnen.» Dazu gehöre nicht nur das regelmässige Trainieren nach einem durchdachten Plan, es gehöre auch eine grosse Portion Durchhaltewillen dazu und ein angepasstes Umfeld. «Man muss den Erfolg wollen und den Mut haben, sich ein grosses Ziel zu setzen.» 

45 ha grosser Betrieb


Mit kleinen Zielen gebe es auch nur kleine Erfolge und man werde nicht wirklich besser, so zumindest sei es bei ihm, erklärt er seine mentale Aufbauarbeit. «Ich muss so trainieren, dass ich am Tag X bereit bin, alles zu geben.» Dass auch eine ausgewogene Ernährung mit vielen Kohlenhydraten, Gemüse, Fleisch und Obst dazu gehören, sei selbstverständlich. Auch habe er gelernt, den Zuckerkonsum einzuschränken und statt einem Dessert einen Apfel zu essen. «Ich rede mir ein, dass ich Süsses nicht mehr mag», sagt er und lacht.

«Wenn in den Sommermonaten auf unserem Hof sehr viel läuft und neben dem Milchwirtschaftsbetrieb mit 22 Milchkühe, Kälbern  Tabak, Weizen und Gerste geerntet werden, muss jeder wissen, dass ich als Spitzensportler mein Training nicht vernachlässigen kann», sagt Patrick Wägeli. Auf dem 45 Hektaren grossen Betrieb, auf dem auch sechs Pensionspferde eingestallt sind, arbeiten je nach Saison zwei bis sieben Personen Vollzeit. «Mein Training ist im Tageszeitplan gleichgestellt wie eine Arbeit auf dem Hof, welche zwingend von mir erledigt sein muss.» 

Platz für Freundin

Er arbeitet seit Jahren mit dem Trainer Dan Uebersax aus Frauenfeld zusammen. Trainingspartner auf einem ähnlichen Niveau findet er beim LC Frauenfeld und dem TV Oerlikon. Die Frage, ob es denn noch ein Leben neben dem Sport und der Arbeit gebe, lässt ihn leicht erröten. 

Natürlich geniesse er auch hin und wieder, speziell nach Wettkämpfen, den Ausgang mit Freunden, die Erholung in einer Therme, Kino und ganz wichtig, seine Freundin Anina Brühwiler, die weder mit Sport noch mit Landwirtschaft etwas zu tun habe.

www.fastestfarmer.ch

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE