21.12.2017 06:05
Quelle: schweizerbauer.ch - Sibylle Hunziker
Bern
Hier wird einem warm ums Herz
Rund 80 Freiwillige gestalten nun schon seit sieben Jahren den «Wiehnachtswäg» in Aeschi BE. Auch Tiere spielen mit. Aber nicht nur deshalb wird die Weihnachtsgeschichte für kleine und grosse Besucher lebendig.

In Spiez, unten am See, regnet es an diesem Tag noch. Aber kaum hat das Postauto Richtung Aeschiried die erste Steigung überwunden, wird aus dem Regen ein Schneetreiben. An der Haltestelle «Wachthubel» in Aeschi ist sogar die Strasse schneebedeckt. Ein paar Schritte weiter zweigt rechts ein Güterweg ab. Eine grosse Laterne in Kerzenform und ein selbstgezimmerter Weihnachtsstern markieren den Anfang vom «Wiehnachtswäg». Daneben wurde ein Stück Land mit einem Rost-System als temporärer Parkplatz hergerichtet.

Mit Liebe gemacht

Man folgt den Laternen, die den Weg markieren – und ist unversehens in einem Bild von Albert Manser unterwegs. Natürlich stehen hier, hoch über dem Thunersee, keine Appenzeller Häuser. Aber auch hier wird das Weiss der sanften Hügel nur von verstreut liegenden Wohnhäusern und Ställen, kleinen Baumgruppen und verschneiten Wäldern unterbrochen.

Auf einem Hubel sind Kinder am Schlitteln, man hört sie von weitem jubeln. Liebevoll mit Tannenreisig und Lichterketten geschmückte Holzzäune leiten die Besucher zum ersten Bild in einer Scheune. So lange es Tag ist, brennt die Beleuchtung noch nicht. Der Engel, der Maria die Geburt ihres Kindes verkündet, schimmert geheimnisvoll im Halbdunkel hinter der halb geöffneten Stalltür. Ein Elternpaar liest den Beginn der Geschichte vor. Dank einem Strohballen kann auch ihr kleiner Bub über die geschlossene Türhälfte schauen.

Maria und Josef unter Tanne

Die Gesichter der Figuren sind aus Papiermaché; jedes ist auf eine andere, eigene Art schön, der Verzicht auf überflüssige Details lässt Spielraum für die Vorstellungskraft der Besucher. «Die Figuren hat früher einmal eine Schulklasse von Aeschi nach Gipsabdrücken ihrer eigenen Gesichter gemacht», berichtet Susanna Christen, die seit diesem Jahr im sechsköpfigen OK für die Bilder und die Innendekoration verantwortlich ist.

Maria und Josef suchen ihre Herberge unter einer mächtigen Wettertanne, in der ganz zuoberst der Stern von Bethlehem leuchtet – die Helfer, die ihn montieren, haben Übung im Klettern mit Steigeisen. Unter den weit ausladenden Ästen wohnen derzeit drei Schwarznasenschafe. Zutraulich lassen sie sich von einer Besucherin streicheln.

Schafe und Esel

Mit freudigem Blöken begrüssen sie Susanne Christen, die frisches Heu in den Unterstand bringt. «Das machten sie zu Beginn nur bei meiner Schwiegermutter, der die beiden Schafe gehören», meint die Bäuerin und lacht. «Aber auch bei den Tieren geht zumindest ein Teil der Liebe durch den Magen.» Die kleinste Schwarznase ist ein Bock aus dem Seeland, der im Moment zu Besuch ist. «Die Kinder haben ihn via Facebook gefunden; hier in der Gegend ist diese Rasse nicht so häufig.» Wie es aussieht, kommt der Besuch gut mit seinen beiden Internet-Bekanntschaften aus.

Ein kurzes Wegstück weiter, bei einem Stall mit einem alten Streue-Ahorn, steckt Susanna Christen für ihre drei Esel Heu in ein Netz. «Bei Eseln muss man aufpassen, dass sie nicht zu viel aufs Mal bekommen, das tut ihnen nicht gut.» Der vierjährige «Beauty» und seine Ersatzmutter, die österreichisch-ungarische Barock-Eselin «Bailey», bleiben nach der Begrüssung draussen und lassen sich vom Schnee nicht beeindrucken.

Hingegen steckt die 17-jährige «Fanny», die vom Vorbesitzer im Stall gehalten worden ist, ihre Nase nur bis zum Heunetz aus der Tür. Dann kommt sie aber doch mit ihren Kollegen an den Zaun und schaut, welche Besucher am besten Ohren kraulen und Fransen wuscheln. «Unsere Esel waren ab dem zweiten Mal dabei», erzählt Susanna Christen. «Aber der Barockesel ist dieses Jahr neu – und seither höre ich überall Leute vom ‹weissen Esel›  berichten.»

Eine Krippe 

Währenddem es langsam eindunkelt und am Wiehnachtswäg die Lichter zu leuchten beginnen, sieht man immer mehr Besucher. Vor dem Bild mit der Krippe liest ein kleines Mädchen vor, was auf dem Plakat steht; das geht langsam, und lange Wörter muss das Kind buchstabieren, aber es gibt nicht auf und will seiner Familie diese Geschichte unbedingt vorlesen. «Wir wollen einen besinnlichen Weg, den auch Familien mit Kindern in Ruhe gemeinsam gehen können», sagt OK-Präsident Peter von Känel. «Deswegen lehnen wir kommerzielle Angebote ab.»

Das Geld, das die Freiwilligen im «Wiehnachtswäg-Beizli» auf dem Lama- und Rentierhof mit selber gebackenen Kuchen, Glühwein, Bratwurst und Chäsbrätel erwirtschaften, geht in den Betrieb und in die Infrastruktur des Weges. Hinzu kommen Spenden, die auch bei den zahlreichen Darbietungen von Alphornbläsern, Jodlerklubs und anderen Besuchern fliessen.

Ehrenamtliche Arbeit

«Dinge wie das Parkiersystem sind recht kostspielig», sagt von Känel. «Doch ohne geht es nicht, seit so viele Besucher kommen.» Wachsen möchte der «Wiehnachtswäg» in Aeschi nicht. Alle Arbeiten leisten Leute aus den Vereinen des Dorfs ehrenamtlich – von der Gestaltung der Figuren und Bilder über den Unterhalt des Weges und den Beizlibetrieb bis zum Aufräumen.

«Wir machen es aus Freude.» Deswegen helfen seit Jahren immer etwa die gleichen rund 80 Freiwilligen, und auch die Besitzer von Land und Ställen machen immer wieder mit.

Der Weihnachtsweg ist bis am 7.1.2018 offen. Aeschi Tourismus, Tel. 033 654 14 24. www.wiehnachtswaeg.ch

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