8.11.2018 08:05
Quelle: schweizerbauer.ch -
Flurnamen
Glück im Stall in Gammerstall
In der Rubrik „Flurnamen“ beantwortet Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser Eure Fragen zu interessanten Namen von Fluren, Äckern und Weilern. Mit den Namen „Gammerstall“ geht unsere Serie weiter. Das Landstück befindet sich bei Muri im Kanton Aargau. Ihr könnt uns laufend Eure Flurnamen einschicken.

Ernst Stalder aus der Rebhalde in Wynigen möchte wissen, was sich hinter dem Namen Gammerstall verbirgt. Er ist auf diesem Hof bei Muri im Kanton Aargau aufgewachsen.

Zuerst Römer, dann Alemannen

Bevor ich mich Gammerstall zuwende, blicke ich kurz in die nähere Umgebung und finde Ortsnamen wie Muri, Söriken, Ättenberg und Geltwil. Und mittendrin besagtes Gammerstall. Eine bunte Namenlandschaft – und doch gibt es viele Zusammenhänge, die sich mit Betrachtung auf die Besiedlungsgeschichte ergeben.

Vor gut tausend und dreihundert Jahren, so um 700 bis 800 nach Christus war der Aargau, wie das ganze Mittelland, noch dünn besiedelt. Seit rund 200 Jahren sind es die Alemannen und Franken, die das Land wieder besiedeln, das einst die Römer bewohnten und auch landwirtschaftlich bestellten. Die Römer traten um 400 nach Christus den Rückzug an. Ihnen wurde diese Gegend zu unsicher, weil der Schutzwall am Rhein aufgegeben wurde.

In der Folge überquerten die Alemannen auch tatsächlich den Rhein und drangen im Laufe der Zeit bis zu den Alpen in die Schweiz ein. Dabei passierten sie auch das Freiamt, wohl von Norden her, von Wildegg an der Aare südwärts über Wohlen, vielleicht an den Zugersee.

Mauerreste als Namensgeber

Unterwegs kamen die Alemannen an einem verwüsteten Ort vorbei. Mauerreste zeugten im wilden Wuchs von einstiger Besiedlung. Was also einst den Römern gut war so könnten sie es sich gedacht haben, soll uns auch recht sein. Sie liessen sich also bei den Mauern nieder und nannten den Ort auch gleich nach der markanten Begebenheit. Muri heisst nichts anderes als „bei den Mauerresten“ und ist eigentlich ein ursprünglicher Flurname.

Nicht alle wollten aber in Muri bleiben. Diejenigen Leute, die Anhänger eines Mannes waren, der sich Zoro, Toro oder Duro oder so ähnlich nannte, gründeten in der Nähe Söriken. Die -iken-Endung von Söriken verweist auf eine alte Siedlungsgründung aus der zweiten Besiedlungsphase der Alemannen. Die Siedlung ist sicher älter als Geltwil, dessen -wil-Endung mir verrät, dass es sich um eine relativ junge Bildung handelt.

Gelto – sein Name ist im ersten Teil von Geltwil verewigt – und seine Anhänger liessen sich an diesem Ort nieder und taten somit das Gleiche, was ihre Vorgänger in Muri und in Söriken auch taten. Also eine Hofgruppe gründen und Land urbar machen. Nördlich von Muri liegt der Weiler Wili. Auch er hat seinen Ursprung in der Zeit, als Geltwil, Brunnwil, Wiggwil und Beinwil entstanden. 

Benannt nach eigenem Namen

Weil das Land für damalige Verhältnisse nun schon dicht besiedelt war, mussten neuere Siedler weiter ausweichen. Als Atto oder Etto und sein Gefolge kam, fand er bereits keinen Platz mehr im Talboden. Er musste auf den nächsten Hügel ausweichen und gründete die heutige Siedlung Ättenberg. 

Nicht besser erging es seinem Landsmann namens Gaman oder Gammo. Auch er hätte gerne weiter nördlich im fruchtbaren Boden der Bünz gesiedelt. Aus Platzmangel zog er an Söriken vorbei, schwenkte südwärts in ein von einem Flüsschen durchzogenen Tal ein und liess sich an dessen einen Seite nieder. Natürlich benannte auch er seine Siedlung nach seinem Namen. Und weil sie unterhalb derjenigen von Atto oder Etto lag, bekam sie die Endung -tal.

Warum im Laufe der Zeit sich -tal zu -tall änderte, dürfte wohl damit zusammenhängen, dass sich auch das Erstglied von Gammo oder Gaman  wohl über Gammen zu Gammer bzw. Gammers wandelte. Der Name Gammerstall hat also nichts mit einem Stall zur Unterbringung von Nutztieren zu tun, sondern bezeichnet ein Tal, in dem vor langer Zeit sich eine Person namens Gammo niederliess.

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin am aktuellen Band "Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu". Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.

Sendet Eure Flurnamen ein

Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein

Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.



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