25.12.2017 18:36
Quelle: schweizerbauer.ch - Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Flurnamen
Flurnamen: Krieg in der Chälen
In der neuen Rubrik „Flurnamen“ beantwortet Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser Eure Fragen zu interessanten Namen von Fluren, Äckern und Weilern. Mit den Namen „Chrieg“ und „Chälen“ geht unsere Serie weiter. Das Landstück befindet sich in Weiach im Kanton Zürich. Ihr könnt uns laufend Eure Flurnamen einschicken.

Was die Namen „Chrieg“  und „Chälen“ bedeuten, möchte Ueli Brandenberger aus Weiach (ZH) wissen. Verweist etwa der Name „Chrieg“ auf einen ehemaligen Krieg in der Gemeinde? Vielleicht, denn das Wort Krieg geht auf das mittelhochdeutsche Wort „kriec“ zurück und bedeutet Anstrengung, Streit, Kampf oder Zwist. 

Streit und Chrieg auf dem Heimatlosenblätz

Tatsächlich werden Landstücke, um die man sich gestritten hat, etwa weil der Grenzverlauf unklar war, oftmals „Strittmatt“ oder „Strittboden“ (etwa im Kanton Bern) oder aber auch Chriegmatt (etwa im Kanton Solothurn und Schwyz) genannt. Die „Stritmet“ in Anwil (BL) liegt nahe der Grenze der Kantone Solothurn und Aargau. In der Nähe liegt auch der sogenannte „Heimatlosenblätz“ der an die drei Kantone Aargau, Basel-Landschaft und Solothurn grenzt. Das steile Waldstück gehörte bis 1931 zwar zur Schweiz, lag aber ausserhalb der Hoheitsgebiete der drei Kantone.

Auf diesem weissen Flecken auf der Landkarte suchten damals Heimatlose, Bettler oder Zigeuner Zuflucht und genossen so Schutz vor Verfolgung. 1931 wurde schliesslich das Waldstück unter den drei Kantonen aufgeteilt. Auch die „Chriegmatt“ in Einsiedeln (SZ) verdankt ihren Namen einem Grenzstreit zwischen dem Kloster Einsiedeln und den Schwyzern. Die „Chriegmatt“ befindet im Grenzgebiet zum Bezirk Einsiedeln und die Grenze zwischen der Gemeinde Alpthal im Bezirk Schwyz und dem Bezirk Einsiedeln war lange Zeit sehr umstritten.

Doch nicht immer muss ein Name durch Streitigkeiten motiviert worden sein. Der Name „Chrieg“ kann sich auch auf einen althochdeutschen Personenstamm „Criach“ beziehen. Aus einem ursprünglichen Übernamen für einen streitlustigen Menschen ist der Familienname Krieg oder Krieger entstanden. Zum Beispiel die Ortschaft Kriegstetten im Kanton Solothurn geht auf diesen Personennamen „Criach“ zurück und hat nichts mit einem ehemaligen Krieg zu tun. Der Familienname Krieger ist auch für den Kanton Zürich überliefert. Somit könnte es sich bei dem Flurstück „Chrieg“ in Weiach um ein Landstück handeln, das im Besitz einer Person namens Krieg(er) war.

Tief im Schlund

Gleich nebenan finden wir den Namen „Chälen“. Auf der Siegfriedkarte von 1926 wird der Name „Chälen“ in der Namenform „Kelle“ geschrieben, so wie auch der danebenliegende „Kellenrebberg“.

Das schweizerdeutsche Wort „Chäle(n)“ stammt vom mittelhochdeutschen Wort „kel, kele“ ab und bedeutet Kehle, Schlund oder Rinne. Chäle-Namen werden in der Namenlandschaft für kleine Einsenkungen, Talmulden oder Halden verwendet. Nicht immer klar ist die Abgrenzung zum Wort „Chelle“, das einen hölzernen oder metallenen Rühr- oder Schöpflöffel meint. In diesem Fall ist die Form des Schöpflöffels metaphorisch auf die Flur übertragen worden und bezeichnet ebenfalls Vertiefungen, etwa langgestreckte Geländemulden.

Aus Distanz betrachtet ist der Einschnitt im Gelände zwischen den beiden bewaldeten Bergflanken, der Fasnachtsflue auf der östlichen Seite und dem Schwändiflüeli auf der westlichen Seite, gut sichtbar. Der Name Chälen ist also aus dieser Vertiefung, in der der heutige Dorfkern liegt, motiviert worden.

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin am aktuellen Band "Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu". Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.

Sendet Eure Flurnamen ein

Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein

Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.

 

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