31.03.2018 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Flurnamen
Der wilde Hengst im Muotathal
In der Rubrik „Flurnamen“ beantwortet Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser Eure Fragen zu interessanten Namen von Fluren, Äckern und Weilern. Mit den Namen „Hengsthorn“ geht unsere Serie weiter. Das Landstück befindet sich in Kanton Schwyz. Ihr könnt uns laufend Eure Flurnamen einschicken.

«Was hat der Name Hengsthorn auf sich?», möchte gerne Franz Seefried wissen. Der Name Hengsthorn liegt östlich des Muothathals der Starzlen und bezeichnet drei Höfe im Gebiet Chrüz. Schon mal vorweg – der Name ist sehr schwer zu deuten. Aber schauen wir zunächst in die Vergangenheit, wie alt dieser Name ist: Erstmals schriftlich belegt erwähnt das Schwyzer Namenbuch den Namen in der Form «Hengsthora» im Jahr 1567 im Jahrzeitbuch der Pfarrkirche Muotathal. 

Die Hörner in der Schweiz

Namen mit dem Grundwort -horn beziehen sich meistens auf Berge oder Gebiete, die an Bergfüssen liegen, wobei die Berge hornförmiges Aussehen haben. Mit dem Wort Horn wird heute der harte Stirnauswuchs von Tieren bezeichnet, das mittelhochdeutsche und althochdeutsche Wort «horn» bezeichnete damals eine Spitze, ein Ende oder ein Vorgebirge. In der Namenlandschaft bezeichnen Horn-Namen heute meist schroffe, kahle Felsspitzen, kegelförmige Erhöhungen oder hornartige Vorsprünge und Ausläufer von Bergketten. Als Bergname bezeichnet Horn ganz allgemein einen Gipfel.

Horn-Namen finden wir in der Schweiz zahlreiche. So etwa das Schilthorn in Mürren (BE), das Wildhorn in der Lenk (BE), das Hockenhorn in Kandersteg (BE), das Schreckhorn in Grindelwald (BE), das Haslihorn bei Hergiswil (NW), das Stanserhorn (NW), das Franzenhorn (GL), das Lueghorn (GL) oder das Schwarzhorn (GR). Im Falle des Hengsthorns im Muotathal bezieht sich jedoch «Horn» auf die hornartigen Geländekuppen. Doch was hat es mit dem Hengst auf sich?

Der Hengst im Muotathal

Flurnamen mit dem Element «Hengst» weisen im Gebirgsraum auf markante, felsige Berggipfel hin. Das Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, das Idiotikon, vermerkt zum Namen Hengst: «Namen eines Berggkopfes, zu welchem man nur auf einem schmalen Verbindungsrücken (etwa rittlings) gelangt.»

Dies trifft wohl auf den Bergnamen Hengst in Nesslau (SG), Oberwil im Simmental (BE) und den Bergnamen Hängst (SZ), zwischen Chalberstöckli und Lauchstock, zu. In der Namenlandschaft werden auch solche Berggipfel im Gebirgsraum mit «Hengst» benannt, die wie ein Hengst, etwas Wildes und Ungestümes haben. In diesem Fall ist die metaphorische Übertragung eines Hengsts auf die Form des Geländes gewählt worden. Somit wird das «Wilde» eines Geländes mit diesem Namen hervorgehoben. Dies wird wohl auch auf den Namen Hengsthorn im Muotathal zutreffen. Damit müsste die Namenmotivation dieses Landstücks in den hornartigen Geländekuppen, die die Landschaft wild aussehen lassen, zu finden sein. 

Kein Bock haben

Ein ähnliches Namenwort ist «Bock». Darunter wird im Allgemeinen das männliche Tier verstanden, etwa eines Schafs, einer Ziege oder Gämse. Das Bockmätteli in Ziefen (BL) beispielsweise bezeichnet eine kleine Wiese, die der Halter des Ziegenbocks nutzen darf oder unter der Bockwiese in Wilchingen (SH) wird Grasland verstanden, auf dem ein Schaf- oder Ziegenbock weidet.

Wer „Bock hat“ findet auch in den Bergen Bock-Namen. Der Bockberg in Wassen (UR) beispielsweise bezeichnet einen bockartigen Bergrücken, der nach einem (Schaf-)Bock benannt worden ist. Das Wort kann aber auch, wie der Hengst, im übertragenen Sinn für sperrige, aufragende Geländeformen und für wilde Stelle verwendet werden. Dazu gehört wohl etwa der Bocksberg (SZ). Das Wort wurde auch übertragen und etwa für einen störrischen Menschen verwendet – damit ist dann auch der zahlreich belegte Familienname Bock oder Böckli erklärt. Das gleiche trifft auch auf den Familiennamen Hengst oder Hengstler zu, der als Übername ursprünglich die wilden oder erhabenen Eigenschaften eines Menschen bezeichnete. Beide Familiennamen sind im Kanton Schwyz jedoch nicht alteingesessen.

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin am aktuellen Band "Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu". Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.

Sendet Eure Flurnamen ein

Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein

Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.

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