24.12.2018 08:00
Quelle: schweizerbauer.ch - Christian Zufferey
Beruf
Der Schindelmacher
Der Beruf des Schindelmachers ist nie ganz in Vergessenheit geraten – doch werden erst seit jüngerer Zeit auch wieder Dächer und Fassaden moderner Gebäude mit Schindeln und Schipfen aus Fichtenholz verkleidet.

Das grösste Holzhaus der Schweiz soll sich hier, im Pays d' Enhaut, befinden. Genaugenommen im Dorf Rossinière, erbaut zwischen 1754 und 1756 von Jean David Henchoz, einem Bauern, Käsehändler, Richter, Notar und Landeshauptmann. Bis zu 600 Käselaibe sollen im Keller gelagert worden sein, um sie nach Bulle oder über Vevey nach Frankreich zu verkaufen. 

Heute ist das «Grand Chalet», nachdem es über 100 Jahre lang als Hotel genutzt wurde, wieder vollständig in Privatbesitz. Unvermindert beeindruckend sind jedoch die zahlreichen Verzierungen im Holz, die Inschriften, seine 113 Fenster, eine mit 2800 Buchstaben auf die Fassade gemalte Widmung und rund 200'000 Schindeln auf dem Dach. 

Verzierte Häuser

Für das Pays-d’Enhaut sind aussergewöhnlich gut erhaltene und sorgfältig gestaltete Holzhäuser fast schon normal. Über die Jahrhunderte hinweg scheuten die Bewohner keine Mühen, um an Balken und Fassaden kunstvoll Schnitzereien, Malereien, Inschriften oder Blumenverzierungen anzubringen – das «Grand Chalet» ist dabei lediglich das grösste von allen. In Rougemont sollen beim Haus «Les Foisses» etwa zwei geschnitzte Raben seit über 100 Jahren geduldig darauf warten, dass jemand Anspruch auf sie erhebt. 

Eigentlich hatte sie ein Amerikaner gekauft, doch kam dieser beim Untergang der Titanic ums Leben. Nachzulesen ist diese Geschichte in einem Führer zum «architektonischen Erbe der Region Pays-d’Enhaut.» Die meisten Gebäude wurden aus lokalem Holz gebaut, der wichtigsten Ressource der Region. So schreibt zumindest Jean-Pierre Neff, Zimmermann, im architektonischen Führer durchs Pays-d’Enhaut. In Rougemont wohnt auch Colin Karlen, dessen Kirche mit ihrem markanten, spitzen Glockenturm er hofft, bald mit einem Schindeldach neu decken zu können. 

Beste Qualität

Dies, nachdem er schon die Kirche im nahe gelegenen Saanen gedeckt, aber auch moderne Gebäude mit einer Schindelfassade versehen hat. Darunter eine Bank, gleich beim Bahnhof von Château-’Œx, dem Hauptort des Pays d'Enhaut. Hier besitzt Karlen auch eine Schreinerei, Zimmerei und Schindlerei. Er ist tatsächlich noch einer von wenigen, die heute noch Schindeln herstellen und auf Dächern und Fassaden verbauen. «Fassaden-Schindeln werden Schipfen genannt», betont Karlen. Diese sind etwas kleiner, und leicht konisch, Dachschindeln dagegen flach. 

Produziert werden die Schindeln und Schipfen vor allem ab dem Spätherbst, wenn nicht mehr auf den Baustellen gearbeitet wird. Die dazu benötigten Bergfichten wurden Anfang November gefällt. Dieses Jahr fiel der optimale Zeitpunkt zum Fällen sogar auf einen Samstag. Karlen ist überzeugt, dass das Holz dann die beste Qualität hat, wenn es bei abnehmendem Mond und in der Konstellation des Löwen gefällt wird. Wichtig ist aber auch, dass die Tannen auf über 1000 Meter über Meer gewachsen sind, denn auf dieser Höhe wachsen die Bäume langsamer und gleichmässiger. 

Im Freien gelagert

Zuerst werden die Fichten-Stämme in die richtige Länge zersägt und geviertelt. Dachschindeln sollen am Ende 45, die Schipfen nur 35 Zentimeter lang sein. Dann kommt aber schon bald der Moment, da er weder eine Motorsäge noch eine Spaltmaschine zu Hilfe nehmen kann, sondern nur noch Handarbeit gefragt ist. Mit einem Schindeleisen und einem Hammer muss das Holz in Richtung der Adern gespalten werden, sodass etwa fünf bis sieben Millimeter dünne Schindeln entstehen. 

Diese lagert er den Winter über im Freien. Bevor man die getrockneten Schindeln und Schipfen auf Dächer und an Fassaden nageln kann, müssen sie für zwei bis drei Stunden in ein Wasserbad eingelegt werden, damit sie durch die Nägel nicht gespaltet werden. 

Pro Quadratmeter über 110 Schindeln

«Pro Quadratmeter werden über 110 Schipfen oder Schindeln benötigt», weiss Karlen aus Erfahrung. Dadurch werden Fassaden und Dächer zwar deutlich teurer – pro Quadratmeter rechnet er mit 200 Franken. «Geschindelte Dächer halten aber bis zu 40 Jahre und mehr, Fassaden sogar doppelt so lange», so der Fachmann. Für Karlen ist der Grund dafür klar: «Wenn es regnet, werden geschindelte Fassaden schneller trocken.» 

Schliesslich trägt die Luft, die unter und zwischen den Schindeln zirkuliert, sogar zur Isolation bei – selbst wenn heute Fassaden fast nur noch zu dekorativen Zwecken mit Schipfen versehen werden. 

Antrag stellen


Der Beruf des Schindelmachers ist zwar nie ganz in Vergessenheit geraten, doch gehört Karlen zu den wenigen, die dieses Handwerk noch beherrschen – denn lernen kann man diesen Beruf offiziell nicht. Es gibt aber klare Kriterien, um in den Kreis der Schindelmacher aufgenommen zu werden. Karlen ist sogar Präsident der «Association romande des tavillonneurs» (Vereinigung der Schindelmacher der Romandie). Im ganzen Kanton Waadt zähle der Verein heute gerade mal vier Mitglieder, sechs oder sieben in Freiburg, einen im Wallis, in Neuenburg und Genf gar keinen, weiss Karlen. 

«Ein Kandidat muss einen Antrag stellen, als selbstständiger Unternehmer tätig sein und durch seine Arbeiten seine Fähigkeiten unter Beweis stellen», erklärt Karlen die Aufnahmebedingungen. Dazu kann etwa gehören, einen Kamin mit Schindeln zu verkleiden. Grundsätzlich gilt, wie Karlen erklärt, dass bei Fassaden jeweils drei Schipfen sowohl in Längs- wie in Querrichtung, Seite an Seite aneinandergelegt und festgenagelt werden müssen. So kommen praktisch immer drei Schindeln übereinander zu liegen. Wenn aber, wie bei einem Kamin, noch zahlreiche Ecken und Kanten hinzukommen, wird die Arbeit echt anspruchsvoll. 

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