25.08.2017 17:13
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Graubünden
Bergsturz: Gravierende Schäden
Der Bergsturz im Bergell hat viele Gebäude zerstört, wie Luftaufnahmen zeigen. Felssturz und Murgang zerstörten auch Felder und Weidegebiet, Strassen und Wege. Wie hoch die Schäden wirklich sind, wird erst klar, wenn Schadenexperten das Gebiet betreten dürfen.

Noch könne man die Höhe der Schäden nicht abschätzen, sagte der Direktor der kantonalen Gebäudeversicherung Graubünden, Markus Feltscher, am Freitag gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Es sei offen, wann die Schadenexperten der Versicherungen im Katastrophengebiet ihre Arbeit aufnehmen können. Nach Angaben der Bündner Polizei konnten am Freitag nur einige Bewohner aus dem evakuierten Bondo in ihre Häuser zurückkehren. Ins eigentliche Murgebiet hatten nur Rettungskräfte Zutritt, wo sie nach den acht Wanderern suchten, die seit dem Bergsturz vom Donnerstag vermisst werden.

Erinnerungen kommen hoch

Feltscher war 2011 Gemeindepräsident von Felsberg, als beim Dorf mitten in einer Sommernacht 300'000 Kubikmeter Gestein ins Tal donnerten. Der Felssturz damals kam nicht unerwartet - «und es kam niemand zu Schaden», sagte Feltscher. Gebäude könne man ersetzen, Menschen nicht.

«Wir sind ein alpiner Kanton. Da gehören Steinschläge und Lawinen dazu. Schäden an Gebäuden kann man reparieren und zerstörte Gebäude wieder aufbauen. Dafür ist die Gebäudeversicherung da», sagte deren Direktor.

Vier Deutsche, zwei Schweizer und zwei Österreicher vermisst

Die Bündner Kantonspolizei hat am Freitag weitere Details zu den vermissten Personen nach dem Bergsturz im Bergell bekannt gegeben. Demnach wird immer noch nach vier Deutschen aus dem Bundesland Baden-Württemberg in Deutschland, zwei Personen aus der Steiermark in Österreich und nach zwei Berggängern aus dem Kanton Solothurn gesucht.

Weitere Personenangaben machte die Polizei auf Anfrage nicht. Nicht bekannt ist somit auch, ob es sich um Frauen oder Männer handelt. Für sechs der acht Personen liegt eine Vermisstmeldung vor. Von zwei Personen wird angenommen, dass sie sich zum Zeitpunkt des grossen Bergsturzes im Gebiet oberhalb von Bondo befanden.

Wiederaufbau sichergestellt

«Zweck einer Gebäudeversicherung ist es, dass niemand durch einen Brand oder ein Naturereignis mit einem grossen Schaden an seinem Heim und Hof auch noch seine Existenz verliert.» Deshalb seien die Gebäude zum Neuwert versichert. Dies bedeutet für die Leute in Bondo: Wer sein Haus, Stall oder Maiensäss verloren, wessen Keller voller Schlamm und Geröll ist, wessen elektrische Anlagen zerstört oder Mauern beschädigt wurden, dem bezahlt die Gebäudeversicherung die Rechnung für den Wiederaufbau.

Ein zerstörtes Maiensäss kann so neu aufgebaut werden. «Aber wir bezahlen nur den gleichwertigen Wiederaufbau desselben, das heisst ein Gebäude mit gleichen Ausmassen und gleichem Ausbaustandard», sagte Feltscher.

Kanton deckt Schäden an Kulturen

Bei der Instandstellung der zerstörten Gärten, Felder und Weiden hilft der Kanton. Die sogenannte Elementarschadenkasse deckt auf Antrag 70 Prozent der Schäden an privaten Grundstücken und Kulturen und deren Erschliessung, wie Feltscher erklärte. Die Anträge bearbeitet im Auftrag des Kantons die Gebäudeversicherung.

Weitere 20 Prozent steuert der Fondssuisse, der Schweizerische Elementarschädenfonds, bei. Aus diesen Fonds erhalten aber nicht alle eine Entschädigung: Vermögende und solche mit hohen Einkommen gehen leer aus. Auch die Sachversicherer sind in und um Bondo in den Startlöchern: In den verschütteten Gebäuden kam auch der Hausrat - Möbel, Haushaltsgeräte, Kleider, Spielzeug - zu Schaden. Zu Bruch gingen auch etliche Autos oder die Maschinen und Lager in Betrieben.

Einer der grössten Bergstürze seit über 100 Jahren

Der Bergsturz am letzten Mittwoch im südbündnerischen Bergell ist einer der gewaltigsten in der Schweiz seit deutlich über 100 Jahren. Mit einer Ausnahme handelt es sich sogar um den grössten Materialabgang seit dem Grossereignis in Elm im Kanton Glarus im Jahr 1881.

Schätzungsweise vier Millionen Kubikmeter Gesteinsmaterial donnerten am Mittwoch im unteren Bergell bei Bondo zu Tal. Eine weitere Million Kubikmeter soll am Grenzberg zu Italien, dem Piz Cengalo, noch in Bewegung sein. Das sind Dimensionen, die selbst in der Schweiz, dem Land der Bergstürze, nicht alltäglich sind.

Die Kubatur, die im Bergell abstürzte, wurde seit 1881 nur einmal übertroffen. Das war 1991 beim Bergsturz von Randa im Wallis. Bei zwei aufeinanderfolgenden Ereignissen stürzten damals am Brunegghorn insgesamt 33 Millionen Kubikmeter Material zu Tal. Sieben Pferde und 35 Schafe wurden verschüttet, wie aus einer Übersicht der Bergstürze in den Alpen des Bündner Amtes für Wald und Naturgefahren hervorgeht.

Caritas deckt den Rest


Wer nicht genügend versichert ist nach dem Bergsturz am Pizzo Cengalo, dem hilft die Caritas Schweiz. Sie stehe bereit, in sozialen Härtefällen einzuspringen, teilte das Hilfswerk am Freitag mit.

Die Hilfe erfolge in Ergänzung zu den Leistungen von Versicherungen, Elementarschädenfonds oder Subventionen. Die Übernahme von Restkosten sei möglich zugunsten von Einzelpersonen, Kleinbetrieben, Korporationen und finanzschwachen Gemeinden, heisst es in der Mitteilung von Caritas. Die Organisation ist nach eigenen Angaben deswegen bereits in Kontakt mit den Behörden.

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