2.06.2020 07:55
Quelle: schweizerbauer.ch - Isabelle Schwander
Thurgau
«Aufgeben war nie eine Option»
Als Ursi Ausderau vor über fünf Jahren Witwe wurde, musste sie sich neu orientieren. Sie machte ihr Hobby zum Beruf.

Die Bäuerin freuts: Die Blache für «Ursi’s Backstube» ist eingetroffen: «Damit kann ich für alle besser sichtbar den Weg zum Hof signalisieren», sagt Ursi Ausderau. Der Hof, auf dem die Bäuerin lebt, befindet sich dorfauswärts. Die Durchgangsstrasse in unmittelbarer Nähe ist dicht befahren. Ursi Ausderau ist seit fünfeinhalb Jahren Witwe,  ihr Mann Peter starb an einem Herzschlag. Peter Ausderau hatte bereits 2003 von der Milchwirtschaft auf Mutterkuhhaltung umgestellt,  ein weiterer wichtiger Betriebszweig war Tabakanbau. «Ich denke gerne zurück an diese Zeit, insbesondere an den freundschaftlichen Zusammenhalt unter den Tabakbauern.» Dieses Kapitel sei  abgeschlossen, nun hätten andere Dinge für sie Priorität. 

Sehr arbeitsintensiv

Den Betrieb, den sie verpachtet hat, wird heute von ihrem Schwiegersohn bewirtschaftet, was sie als einen Glücksfall bezeichnet. «Die Tabakkulturen waren doch sehr arbeitsintensiv, und daneben arbeitete mein Mann im Teilpensum bei der Post. In diesen Jahren half ich stets mit und konnte mich nicht so intensiv meiner Leidenschaft, dem Backen, widmen wie dies heute der Fall ist.»Nach dem Tod ihres Mannes fand die heute 59-jährige Ursi Ausderau in einem starken Familienverbund, vor allem bei ihren beiden erwachsenen Söhnen, der Tochter und den Schwiegereltern, die in ihrer Nachbarschaft leben, den nötigen Rückhalt.

Als eine weitere Zäsur beschreibt sie den Bruch eines Handgelenkes im Winter 2018, der sie monatelang zur Untätigkeit zwang. In dieser schwierigen Zeit sei ihr vieles durch den Kopf gegangen, aber aufzugeben, wäre nie eine Option für sie gewesen. Der Aufbau ihres Betriebszweiges mit «Ursi’s Backstube», mit einem reichhaltigen Angebot an Broten und Backwaren, habe ihr wesentlich geholfen, sich neu zu orientieren und Kraft  zu entwickeln. 

Gut  verankert

Backen im Landfrauen-Stil ist ihre Leidenschaft. In den 1980er-Jahren besuchte Ursi Ausderau die Bäuerinnenschule am Strickhof und in den letzten Jahren Backkurse am Bildungs-und Beratungszentrum Arenenberg. «So habe ich meinen Kenntnissen den nötigen  Feinschliff  verliehen.» Ursi Ausderau bezeichnet es als Vorteil, dass sie in der Gemeinde gut verankert ist durch die Kontakte zur Kirchgemeinde, die Zugehörigkeit zur Turnriege sowie zur örtlichen Landfrauen-Sektion. Vor der Corona-Krise war die Kirchgemeinde für sie ein wichtiger Kunde, den sie mit reichhaltigen Apéro-Buffets belieferte. Sie ist zuversichtlich, dass dies bald wieder der Fall sein wird. Bereits vor 20 Jahren schloss der Lebensmittelladen im Dorf: Dies habe ihr zusätzliche Motivation gegeben, es mit Brot und Backwaren ab Hof zu versuchen.

Separate Räume 

Sie belieferte in den letzten Jahren Konfirmationen, Hochzeiten und Geburtstage,  erfüllte individuelle Kundenwünsche und erreichte bereits einen Bekanntheitsgrad in der Region. In diesem Frühling setzte sie noch stärker auf den Verkauf ab Hof und auf Selbstbedienung. Dienstags und samstags bietet sie diverse Brotsorten an.

Einer der Söhne, Michael, ist Polier und Zimmermann, er  übernahm sämtliche Umbauarbeiten und realisierte im einstigen Garagenraum eine Backstube mit Verkaufsraum. «Wenn ich den Teig bearbeite, bin ich ganz in meinem Element. Ich schätze es sehr, dass ich zuhause arbeiten kann und meine eigene Meisterin bin.» Sie betont, dass für die Backstube ein Bewilligungsverfahren nötig war. «Alle Gerätschaften für das Backen hatte ich ja bereits, nur fehlte mir bislang die zufriedenstellende Lösung für eine völlig vom Wohnraum getrennte Backstube und für einen Verkaufsraum. Nun kann ich mit gutem Gewissen dahinterstehen.»

Freude an Enkeltochter

Getreu ihrer Devise beim Backen «gut Ding will Weile haben», möchte sie ihre Ideen für Anlässe auf dem Hof zuerst reifen lassen. Nebst dem Engagement für ihr Backhandwerk ist sie seit 15 Monaten begeisterte Grossmutter: Für Enkelkind Alina steht in der Küche der Klapphochsitz bereit, der in der Familie Ausderau von Generation zu Generation weiter benutzt wird. 

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