3.10.2018 14:54
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Schneiter
Blog
«Alpabfahrt ist gut fürs Gemüt»
Esther Schneiter ist zurück auf schweizerbauer.ch. Nach den Blogs aus Neuseeland, von der Alp Meienfall im Diemtigtal und der Alp Pfidertschegg im Eriz, wird Esther in den kommenden Monaten wieder aus ihrem Leben als Lehrerin, Landwirtin und Lernende berichten.

Es ist Samstagmorgen, Ariane hat frei und so erledigen Töbu und ich die Stallarbeiten. Glücklicherweise hat es keinen Bodenfrost und wir können die Kühe zeitig auf die Weide treiben. Denn am Samstag ist der Tag der Alpabfahrt. Ich helfe meinen Verwandten, die ihr geschmücktes Vieh von Schangnau, via Eriz auf die Schwarzenegg treiben.

«Erjasstes» Land

Vorher wollen wir unsere zehn verbliebenen Rinder von der Pfidertschegg nach Oberlangenegg auf die Herbstweide treiben. Wir haben viel Pachtland, aber das am weitesten entfernte, eben in Oberlangenegg, ist Eigentum. Der Urgrossvater von Töbu hat es damals beim Jassen gewonnen. Nun sollen die Rinder dort den vierten Aufwuchs abgrasen.

Hydrosaat würde von Tieren weggeschleckt

Wenn es möglich ist, wollen wir mit dem Viehtransporter bis auf die Egg am Ende der neuen Strasse fahren und dort die Rinder verladen. Das geht viel schneller, als wenn wir sie ein Stück nach untern treiben müssen.

Zudem wurde am Donnerstag die steile Böschung mit Hydrosaat bespritzt. Die Tiere würden den Geruch lieben und davon schlecken wollen. Natürlich ist dies nicht das Ziel, denn das würde viel Schaden anrichten. Und alles Auszäunen ist ein grosses Stück Arbeit. 

Premiere mit dem Viehtransporter

So lenkt Töbu den Traktor mit der grossen Viehbänne über die Kuppen, wo Furten entstehen. Bei der ersten Wendemöglichkeit macht er kehrt um und versucht auch die Strasse in Abwärtsrichtung zu passieren. Haarscharf geht es und das hinterste Ende des Transporters schleift nur zwei Mal kurz auf dem Boden. Wir wagen das Abenteuer, Töbu fährt hoch bis auf die Egg.

Letzte Rinder verlassen die Pfidertschegg

Kurz wird ein trichterförmiger Zaun erstellt, der die Rinder direkt in die Viehbänne lenkt. Erstaunlicherweise, oder vielleicht auch weil sich die Rinder an den Transporter gewohnt sind, rennen sie wortwörtlich rein. Wir müssen nur noch die Tore schliessen.

Und schon habe ich zum ersten Mal Hühnerhaut. Ich weiss nicht, ob es wegen der Freude aufgrund der neuen Strasse und somit der Erleichterung ist. Oder wegen der kräftigen Bise, die durch Mark und Bein weht. 

Töbu bekommt einen Gehilfen

Urs, der letztjährige Angestellte, ist auch auf der Pfidere. Er will mit dem Motormäher die Weiden «nachputzen». Mit dabei hat er den achtjährigen Livio. Er möchte den Tag mit Töbu verbringen. So fahren wir drei mit dem Traktor los, diesmal schleift das Hinterteil des Transporters deutlich mehr. Glücklicherweise wird kein Schaden angerichtet und so ist die Premiere geglückt.

Traditionelle Alpabfahrt fürs Gemüt


Im Eriz verlasse ich die zwei Jungs und fahre weiter nach Schangnau zu Siegenthaler’s. Während wir unsere Tiere schnellschnell in den Transporter verladen um ins Tal zu bringen, stecken sie unglaublich viel Arbeit und Herzblut in ihre Alpabfahrt. Jede Kuh, der Stier und jedes Kalb wird im Vorfeld säuberlich geschoren. Sämtliche Tiere werden gewaschen.

Den Kühen wird wunderschöner Blumenschmuck auf die Hörner gebunden und die Treicheln um den Hals gelegt. Die Rinder und Kälber tragen Glocken. Natürlich geht bei der Züglete der Stier vorne weg. Das Pferd mit Wagen als Schlusslicht darf nicht fehlen.

Dreieinhalb Stunden voller Freude

Mir ist es sehr wohl bewusst, dass der Aufwand enorm gross ist. Und dennoch geniesse ich die 17 Kilometer Fussmarsch in vollen Zügen. Besonders bemerkenswert ist für mich das eingespielte Team. Sei es von den Leuten, aber auch mit den Tieren. Die Kühe wissen genau, was auf sie wartet, teilen ihre Kräfte ein und geben das Tempo an.

Am Anfang wollen die Rinder rennen, die Kühe trotten gemütlich voraus und «bremsen» so die jüngeren Generationen. Wer behauptet, die Treicheln seien schlecht für die Kühe, der war noch die bei einer solchen Alpabfahrt dabei. Ich bin mir sicher, dass es auch die Tiere geniessen. Für mich war es jedenfalls ein Hühnerhautmoment.

Zügeln zum Dritten

Kaum zu Hause, treiben wir die Kühe ein. Onkel Kurt melkt und so haben wir Zeit, sieben Jährlinge in den Stall zu holen. Wir müssen die Glockenriemen lockern, denn alle haben fleissig zugelegt. Anschliessend bringe wir sie auf die Herbstweide in den Bruch. Livio hilft natürlich mit. Wir müssen die Hauptstrasse überqueren. Livio stellt das reflektierende Warndreieck an den Strassenrand und wartet daneben geduldig, bis er die Strasse queren kann. 

Die Autofahrer sind unglaublich

Ich kann das Gefühl kaum beschreiben, wenn ich zusehen muss, dass kein einziges Auto abbremst, wenn ein achtjähriges Kind neben einem Warnschild steht. Es ist Angst, aber auch Wut. Kurz stelle ich mir vor, was alles passiert sein könnte, Hühnerhaut breitet sich auf meinen Armen aus. Sofort verdränge ich den Gedanken, helfe beim Zusammentreiben der Kälber und bin froh, dass nichts passiert ist.

Müde, glücklich und zufrieden

Es ist bereits dunkel, als wir beim Znacht sind. Ich bin müde, aber glücklich und zufrieden über den gelungenen Tag. Ich weiss, dass die Alpauf- und Abfahrt mit dem Transporter viel einfacher, effizienter, und wenn man den Stundenlohn miteinrechnet, auch günstiger ist. Vielleicht kann ich Töbu aber dennoch überzeugen, dass die fertige Strasse im Frühjahr mit einem Alpaufzug eingeweiht werden sollte. Fürs Gemüt eben.

Unser Betrieb

Auf unserem Hof leben im Sommer zirka 25 Kühe (im Winter zirka 40 Kühe), 30 Rinder und 15 Kälber. Der Talbetrieb liegt im Bach, Gemeinde Fahrni. Hier produzieren wir auch das Futter für den Winter. Den Sommer, rund 100 Tage, verbringen wir auf der Alp Fiedersegg im Eriz. Die Tiere grasen nachts auf der Weide. Tagsüber sind sie im Stall, wo sie sich ausruhen können und vor Insekten und der Hitze geschützt sind.

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