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Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Agropreis
Verschmähter kehrt auf Äcker zurück
Hanf war bis vor 100 Jahren in der Schweiz und in Liechtenstein weit verbreitet. Biobauer Andreas Näscher will zusammen mit der AlpenPionier AG Lebensmittelhanf zurück auf die Felder und somit auf unsere Teller bringen.

Die Wirtschaft boomt im Fürstentum Liechtenstein. Überall spriessen neue Gebäude in die Höhe. Banken, Hightech-Unternehmen und neuerdings Krypto-Firmen lassen sich im 160 Quadratkilometer messenden Kleinstaat nieder. Doch auch die Landwirtschaft hat im 37'600 Einwohner zählenden Land ihren festen Platz. Die gut 100 Betriebe bewirtschaften rund 5'300 Hektaren Land. Und sie suchen immer nach Nischen. Einer dieser Bauern ist Andreas Näscher.

Dankbare Pflanze

Der in Mauren wohnhafte Biobauer versprüht viel Tatendrang. Ende August versuchte er, aus einem Hanffeld Blätter für die Teeproduktion zu ernten. «Das lief nicht optimal. Doch so schnell gebe ich nicht auf», sagt er lächelnd. Der Landwirt weiss über die Pflanze nur Positives zu berichten. «Der Hanf ist eine sehr dankbare Pflanze. Sie ist anspruchslos und wächst sehr schnell. Nach 100 Tagen ist er bereits erntereif», erklärt Näscher. Auf rund 10 Hektaren baut er dieses Jahr THC-armen Lebensmittelhanf an. Die Samen, die sogenannten Hanfnüsse, werden zu Nahrungsmitteln verarbeitet. 

Der Hanf hat keine besonderen Ansprüche an die Vorfrucht. Dank seiner Pfahlwurzel besitzt er einen guten Vorfruchtwert. Die Pflanze brauche Feuchtigkeit für die Keimung, aber nur sehr wenig Dünger und sei praktisch krankheitsresistent, so Näscher. Während der Wachstumsphase benötige sie praktisch keine Pflege. «Sie eignet sich deshalb besonders gut für den Biolandbau», fährt er fort. «Und als Eiweisslieferant besitzt der Hanf ein grosses Potenzial», weiss Näscher.  

Keine Direktzahlungen

Der Hanf ist eine zweihäusige Pflanze. Es gibt weibliche und männliche Pflanzen. Die männlichen Pflanzen bestäuben die weiblichen, die wiederum die Samen bilden. Ausgesät wird in der Regel Mitte Mai. Geerntet wird Anfang September mit einem herkömmlichen Mähdrescher. Dabei werden die oberen Teile der rund 1 Meter hohen Pflanze verwertet. Die Samen werden anschliessend getrocknet, gereinigt und eingelagert. Die AlpenPionier AG übernimmt die Vermarktung. 

Der Ertrag pro Hektare liegt bei rund 1400 Kilo getrockneten Hanfsamen. «Die Landwirte erhalten pro Kilo Samen 3.50 Fr. Dazu wird pro Hektare eine Anbauprämie von 500 Franken ausgerichtet», erklärt Näscher die finanziellen Aspekte. Pro Hektare kann damit mit einem Ertrag von rund 5400 Franken gerechnet werden. Für Hanf gibt es aber keine Direktzahlungen. «Entsprechende Gespräche sind im Gang. Spruchreif ist aber noch nichts», fährt Näscher fort.

Der experimentierfreudige Landwirt ist vom Hanf überzeugt. Deshalb will er den Anbau weiter optimieren. Ein Feld bestellte er erst Mitte Juni. «Der Hanf würde sich so als Zwischenkultur noch besser eignen», erklärt Näscher. Auch beim Saatgut sei noch Potenzial vorhanden, betont er.

Gesunde Inhaltsstoffe

Die Hanfpflanze ist  in der Schweiz und Liechtenstein keine Unbekannte. Bis Mitte letztes Jahrhundert war sie oft auf den Feldern anzutreffen. Die Fasern wurden zu Seilen und Stoffen verarbeitet. Kunstfasern haben die natürliche Version verdrängt. Weil einige Hanfsorten auch eine berauschende Wirkung hervorbringen, geriet die Blüte der einjährigen Pflanze als Droge in Verruf.

Die älteste Nutzpflanze der Welt eignet dank ihren Inhaltsstoffen hervorragend als Lebensmittel. Durch den hohen Anteil an Eiweiss sowie an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, vor allem durch das optimale Verhältnis von Omega-6 zu Omega-3 und allen acht essenziellen Aminosäuren, die der Körper nicht selbst herstellen kann, stellen Hanfprodukte eine optimale Ergänzung zur täglichen Ernährung dar. Diese Vorzüge haben die Kanadier zuerst entdeckt und entsprechend Hanf angebaut. Mittlerweile ist der Trend auch in Europa angekommen. 

Vision umgesetzt

In der Schweiz hat sich die AlpenPionier AG mit Sitz in bündnerischen Tschiertschen der Pflanze angenommen. «Ein Bekannter von mir hat Hanföl aus einer Slowenien-Reise mitgebracht. Dies hat mir sehr gut geschmeckt», sagt Emanuel Schütt, einer der Mitbegründer des Unternehmens. Zusammen mit Adrian Hirt und Carlo Weber hatte er eine Vision: Lebensmittelhanf in der Schweiz zu rekultivieren und zurück auf den Teller bringen. 

Nach intensiver Recherche über Lebensmittelhanf und Anbauversuchen haben sie Chancen erkannt. Denn pflanzliche Fette sind in der Ernährung gefragt. Sie holten Naturköchin Rebecca Clopath, Profisnowboarder Nicolas Müller sowie die ehemalige Skiakrobatin und Naturheilpraktikerin Mia Engi mit ins Boot.

Von 10 auf 50 Hektaren

2017 starteten sie das Projekt mit 12 Biobauern. Diese bauten auf 10 Hektaren Hanf, die Erntemenge lag bei 10 Tonnen. In diesem Jahr wurde die Anbaufläche verfünffacht. AlpenPionier hat 30 Bauern in Graubünden, Liechtenstein, St. Gallen und Thurgau mit Anbauverträgen ausgestattet. Die Hälfte der 50 ha wird im Flachland angebaut. 

Schütt sieht für die Pflanze, die auch in Lagen weit über 1000 m.ü.M. prächtig gedeiht, weiteres Wachstum. «Als regionaler Eiweiss- und Öllieferant hat Hanf ein enormes Potenzial. Insbesondere wenn auch noch die Schäben und Fasern verarbeitet werden können», sagt der gelernte Gärtner. Hier müsse man den Markt aber noch aufbauen. Derzeit werden die Stängel gehäckselt.  

Faire Preise für Bauern

Abgesetzt wird die Ernte als Hanfnuss, Öl, Mehl und neuerdings als Teigwaren. Aus einer Hektar Hanf können bis zu 500 Liter Öl und an die 500 Kilo Protein gewonnen werden. Verkauft werden die Produkte über den eigenen Onlineshop, an Messen und Märkten und über rund 50 Wiederverkäufer wie Hofläden, Drogerien oder Feinkostläden. «Unsere Kunden sind mehrheitlich gesundheitsbewusste Konsumenten aus Stadt und Land», umschreibt Schütt die Zielgruppe. 

Im kommenden Jahr soll die Anbaufläche auf rund 70 ha steigen, erklären Näscher und Schütt. «Uns ist es wichtig, den Produzenten faire Preise auszubezahlen», macht Schütt deutlich. Sollten sie den Agropreis gewinnen, würden sie das Preisgeld in die Anbautechnik und die Vermarktung investieren.

Hier gehts zur Website von AlpenPionier


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