15.10.2019 18:49
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Agropreis
Mit Nüssen neuen Markt erschlossen
Fünf Bauern aus Weite SG haben sich zusammengeschlossen und im St. Galler Rheintal eine professionelle Walnussproduktion etabliert. In einem überregionalen Projekt haben sie ein für die Schweiz einzigartiges Knackzentrum gebaut. -> Mit Video

Gegensätze prägen das Gemeindegebiete von Wartau. Einerseits eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft in der Ebene, die im Rhein ihren Abschluss findet, und andererseits viele Wiesen und Weiden, die sich den Berghang emporwinden. In der Region wird vor allem viel Gemüse und Saatmais produziert. Fünf Bauern haben sich vor fünf Jahren dazu entschlossen, etwas ganz Neues zu etablieren – eine professionelle Walnussproduktion.

Pflanzliche Ernährung

Die Idee ging von einer Hochstammbaum-Pflanzaktion der Gemeinde Wartau aus. «Nussbäume wären doch was für uns», sagt Heinz Müller, einer der Initiatoren des Projekts. Zusammen mit seinen Kollegen fuhr er ins Thurgau machte sich bei der Baumschule Gubler ein Bild der Walnussbäume. Voller Überzeugung kehrten sie ins Rheintal zurück. «Wir suchten nach einem weiteren Standbein. Denn wie sich die Gemüseproduktion in den nächsten Jahren entwickelt, ist auch im Hinblick auf die Pflanzenschutz-Initiativen ungewiss», erklärt der Agronom. 

Der Trend zu mehr pflanzlicher Ernährung sowie die nach wie vor steigende Nachfrage nach regionalen Nahrungsmitteln bestärkte die Landwirte zusätzlich, den Schritt zu wagen. Denn bis jetzt werden praktisch alle in der Schweiz erhältlichen Walnüsse importiert. «Dass es dank der  Hochstammobstgärten zu einer optischen und ökologischen Aufwertung der Landschaft kommt, ist ein zusätzlicher Pluspunkt», hält Müller fest.

1500 Bäume auf 10 ha

Es gab jedoch noch einige Hürden zu überwinden. Zwar wachsen in der Schweiz zahlreiche Walnussbäume, doch über einen professionellen Anbau verfügte die Schweiz bis 2014 nicht. Deshalb reisten sie mehrmals nach Grenoble (F). Im grössten Anbaugebiet Europas konnten sie Kontakte mit Produzenten und der Forschungsanstalt für Nussanbau knüpfen. Auch informierten sie sich vor Ort über die Mechanisierung. 

2014 wurden schliesslich auf zwei Parzellen die ersten 150 Bäume gepflanzt. Bis 2019 ist die Fläche auf 10 Hektaren angewachsen. Insgesamt wachsen dort rund 1500 Bäume. Doch bis diese in Vollertrag kommen, braucht es Geduld. Frühestens nach neun Jahren ist es so weit. Und der Aufbau der Nussbaumparzellen war kostspielig. In die Pflanzungen wurden rund 120'000 Franken investiert, in diesem Jahr folgten weitere 190'000 Franken in eine Erntemaschine, eine Waschlinie und die Erweiterung der bestehenden Maiskolbentrocknungsanlage.  

40 Jahre Ertrag

«Es ist ein Risiko, das ist uns bewusst. Doch wenn es alles gut läuft, liefern die Bäume während mindestens 40 Jahren Ertrag», hält Müller fest. Für die Nussbäume sprach auch, dass im Vergleich zu anderen Früchten weniger Handarbeit anfällt. In den ersten drei Jahren müssen sie von Hand zurückgeschnitten werden. Später erfolgt der Schnitt maschinell. 

Die Herausforderungen beim Anbau liegen beim Wachstum der Bäume. «Die Bäume sind im Vollertrag, wenn sich die Kronen berühren, also eine geschlossene Laubwand bilden. Zwischen den Bäumen liegt je nach Sorte ein Abstand zwischen 8 bis 12 Meter. Und weil sie ein forsches Wachstum an den Tag legen, ist es wichtig, dass der Stamm die Krone tragen kann», erklärt Müller. Auch der oft auftretenden Föhn kann für die Bäume gefährlich werden. Von Krankheiten blieben sie bisher verschont. «In der Regel sind sie pflegeleicht. Die Blattfleckenkrankheit, der Bakterienbrand, der Apfelwickler und die Nussfliege sind aber potenzielle Gefahrenherde», fährt er fort.

Zusammenarbeit

Um die Zusammenarbeit unter den Landwirten sowie Anschaffungskosten zu regeln, haben sie im Herbst 2017 die einfache Gesellschaft Nugewa (Nussgesellschaft Wartau) gegründet. Diese regelt den Maschineneinsatz, das Waschen und Trocknen sowie das Vermarkten der Nüsse. «So halten wir die Wertschöpfung auf unseren Betrieben», hält Müller fest. Die Trocknung erfolgt beispielsweise in der bestehenden Saatmaistrocknungsanlage von Michael Dütschler. 

Nach dem professionellen Anbau folgt nun der zweite innovative Abschnitt des Projekts: die Schaffung eines Walnusskompetenz-Zentrums. Das Ziel der Bauern ist es, den grössten Teil der Nüsse als Kerne in den Handel zu verkaufen. Dazu haben sich Landwirte aus dem Kanton Graubünden, der Innerschweiz und die Nugewa-Produzenten aus dem nahen Rheintal zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen.

Ausländischen Nüsse substituieren 

Im bündnerischen Malans bei Landquart wird eine Knackmaschine aus den USA noch in diesem Jahr den Betrieb aufnehmen. «Das ist in der Schweiz  bisher einzigartig und nicht so einfach zu kopieren», erklärt Heinz Müller. In das Knackzentrum fliessen auch öffentliche Gelder, da es sich um ein Projekt zur regionalen Entwicklung (PRE) handelt. Die Bauern sind durch Anteilsscheine und Darlehen finanziell engagiert.

Dank dieser Anlage sind die Landwirte überzeugt, einen Teil der ausländischen Nüsse substituieren zu können. Potenzial ist vorhanden, die meisten Nüsse stammen aus Frankreich und Chile. 2018 waren die Mengen im Rheintal mit mehreren hundert Kilo noch klein. 

Richtpreis bei 6 Franken

In den kommenden Jahren wird  der Ertrag stetig steigen. 2027 sollten sämtliche Bäume im Vollertrag stehen. «Dann erwarten wir auf unseren Flächen pro Jahr insgesamt zwischen 33 bis 55 Tonnen getrocknete Nüsse», hält Heinz Müller fest. Die Nugewa-Mitglieder können mit einem Richtpreis von rund 6 Franken pro Kilo getrocknete Nüsse rechnen.  

Die Nugewa vermarktet ihre Nüsse selbst. Der grösste Teil wird in Malans zu halben Kernen und Nussbruch verarbeitet.

Bündner Nusstorte 

Letzterer soll in Bündner Nusstorten  Eingang finden. Bisher wurde ausländischer Bruch eingesetzt. Dies soll sich ändern. Drei Bäckereien aus dem Kanton Graubünden haben Absichtserklärungen unterzeichnet.  Ein weiterer Teil der Ernte wird zusammen mit der St. Galler Saatzuchtgenossenschaft zu kalt gepresstem Nussöl verarbeitet. Der Rest soll als ganze Nuss, also mit Schale, Käufer finden. Momentan sucht die Nugewa keine weiteren Produzenten «Wir müssen nun zuerst den Markt weiter sondieren», erklärt Müller.

Sollten sie den Agropreis gewinnen, würden sie das Preisgeld in die Bewässerung der Bäume investieren. Denn die steinigen und sandigen Böden in Wartau trocknen rasch aus. Um regelmässig hohe Erträge zu erwirtschaften, ist aber auf eine gleichmässige Wasserversorgung der Bäume zu achten. 

Hat Sie das Projekt überzeugt? Dann geben Sie dem Projekt Ihre Stimme für den Leserpreis. Den Teilnahmetalon finden Sie unterhalb der Karte. Mit ein wenig Glück gewinnen Sie einen Preis.

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