12.10.2017 17:20
Quelle: schweizerbauer.ch - Martin Raaflaub
Agropreis
Mit Algen einen neuen Markt besetzen
Familie Etique aus der Ajoie produziert als erster Schweizer Anbieter Spirulina-Algen. Wegen ihrer gesundheitsfördernden Effekte steigt die Nachfrage stetig an. Für die Produktion werden bestehende Anlagen genutzt.

Spirulina gehört zu den Cyanobakterien. Früher hat man diese Organismen Blaualgen genannt, obwohl nicht alle blaugrün sind. Spirulina enthält hohe Mengen an Beta-Carotin, Vitaminen und Mineralstoffen, insbesondere Eisen, in besonders gut absorbierbarer Form. Die lindernde Wirkung bei allergischen Erkrankungen ist durch mehrere Studien belegt.

Dank diesen Erkenntnissen steigt das Interesse an Spirulina-Produkten in Europa. In der Schweiz wird die Nachfrage bisher hauptsächlich mit billiger Ware aus Asien befriedigt. Eine frische, qualitativ hochwertige Schweizer Spirulina stösst in eine Marktlücke, davon ist Familie Etique überzeugt.

Ein Generationenprojekt

Das Projekt beschäftigt beide Generationen auf der Ferme «Les Petits Prés» in Montignez JU in der Ajoie. Mathieu Etique und sein Vater Claude betreiben die Produktionsbecken und die Ernte- und Verarbeitungsanlagen. Seine Partnerin Morgane Mathieu verarbeitet den aus dem Wasser gefilterten grünen Brei zu getrockneten, festen Spiralen. Bruder Raphael wird die Biogasanlage, die die Energie liefert, betreiben. Morgane und ihre Schwiegermutter Françoise sind zuständig für Abpackung und Verkauf der Produkte. Morgane investiert zudem viel Zeit in den Internetauftritt und das Facebook-Profil.

Die Spirulina-Algen werden in Wasserbecken produziert, idealerweise bei einer Wassertemperatur von 37 Grad und einem basischen pH-Wert 10. Die Alge wächst enorm schnell, bei idealen Konditionen kann sie ihre Masse in einem Tag verdoppeln. Als «Futter» nutzt sie einen löslichen Mehrnährstoffdünger sowie Natriumbikarbonat als Kohlenstoffquelle. Beides wird einfach ins Wasser zugegeben. Alle zwei Tage wird geerntet. Dabei wird das Wasser durch einen Filter gepumpt. Auf dem Filtertuch sammelt sich eine grüne Masse. Ähnlich wie in einer Alpkäserei wird das Tuch mit der Algenmasse unter einer Presse entwässert, nachher in einem Vakuumtrockner vorgetrocknet.

Bestehende Anlagen

Die spinatähnliche Masse wird auf ein Trocknungsgitter aufgetragen, wo sich die Spirulina-Fäden dekorativ kringeln. Nach der weiteren Trocknung im Trockenschrank werden die Spirulina-Fäden, die mittlerweile die Konsistenz von Spaghetti haben, geschnitten und abgepackt. Das fertige Produkt ist so zwei Jahre lang haltbar. Die Spirulina-Produktion ist in den Betrieb ideal eingepasst. Sie nutzt das Treibhaus, das für die Anzucht der Tabaksetzlinge gebaut wurde, aber für diese nur während zwei Monaten im Jahr genutzt wird.

Da die Tabaksetzlinge auf dem Betrieb Etique auf in Wasser schwimmenden Anzuchtplatten aufgezogen werden, waren auch die Wasserbecken auf dem Betrieb schon vorhanden. Nur die Bodenheizung und eine Isolation mussten eingebaut werden. Die Heizung nutzt die Abwärme der noch zu erstellenden Biogasanlage. Die Lage des Betriebs in der wenig besiedelten Ajoie, dicht an der Grenze zu Frankreich, macht jegliche andere Nutzung der Abwärme illusorisch.

Wissen aus Frankreich

«Auf die Idee brachte uns vor zwei Jahren unser Futtermittelberater», erinnert sich Mathieu Etique. «Ich hatte noch nie von Spirulina gehört. Als Erstes verbrachte ich einige nächtliche Stunden mit Youtube-Videos, um mir grundlegende Kenntnisse anzueignen.» Darauf folgten Besuche bei Spirulina-Produzenten in ganz Frankreich. Befriedigt stellten sie fest, dass sie in der Schweiz die einzigen sind, die sich für Spirulina interessieren.

Die Eltern Françoise und Claude eigneten sich in vom Verband «Spiruline de France» angebotenen Kursen das nötige Produktionswissen an. Im Mai 2017 wurden die Wasserbecken ausgerüstet, im Juni wurde das Wasser mit den Spirulina-Algen beimpft, im Juli konnte zum ersten Mal geerntet werden.

Qualität und Frische

«Das Projekt Spirulina reiht sich in die Philosophie unserer Familie ein: Tun, was (noch) kein anderer tut», erklärt Mathieu Etique. «Mein Grossvater baute die erste Trocknungsscheune in der Ajoie, mein Vater stellte den ersten Trocknungsofen für den Virginia-Tabak auf.»  Jetzt, wo sich das Produktelager langsam füllt, steht der Aufbau des Absatzes an. «Im Vordergrund steht der Aufbau eines Direktabsatz-Kundenkreises mit Auslieferung per Post», erklärt Mathieu Etique. Dem Preisdruck und dem Image der dort angebotenen chinesischen Ware mit ihren tiefen Preisen und Kompromissen bei der Qualität will Mathieu Etique ausweichen und konsequent auf Qualität und Frische setzen.

«Unser Produkt differenziert sich klar: durch seine natürliche, grüne Farbe und den frischen Geschmack und Geruch.» Bei der geringen täglichen Dosis von 3 bis 5 g (entspricht etwa einem Kaffeelöffel) relativiert sich auch der Preis von 20 Franken für die 100-Gramm-Packung, denn diese reicht für einen Monat aus. 

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