15.11.2017 20:42
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bern
«Pilz-Pastor»: Bedingte Strafe
Mehrere Jahre lang hat ein Guru im Kanton Bern mit berauschenden Pilzen gehandelt. Nun hat ihn eine Einzelrichterin am Mittwoch in Bern zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

«Wir gehen in Berufung», kam es unmittelbar nach dem Urteilsspruch wie aus der Kanone geschossen von Pflichtverteidiger Bernhard Rambert.

Und auch der verurteilte Pastor der von ihm gegründeten «Kirche der Heiligen Pilze» zeigte sich ungebrochen kämpferisch. Die Einzelrichterin habe ihn einen Überzeugungstäter genannt. Sie habe ihn aber nicht überzeugen können, dass seine Überzeugung falsch sei, sagte der grossgewachsene hagere Endvierziger und Vater von sechs Kindern gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Geld statt Geist

Zufriedener mit dem Urteil dürfte die Staatsanwältin sein. Sie hatte eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren verlangt. Sie sah in dem Angeklagten einen Mann, dem es weniger um Spiritualität ging als ums profane Portemonnaie.

Der Mann habe gegen «Spenden» Pilze als Sakrament verkauft. Wie viel jemand spendete habe sich auf die Auswahl und Menge der Pilze durch den Guru ausgewirkt. Mit den «Spenden» habe der Mann seinen Lebensunterhalt bestritten.

Opfer statt Täter

Ein simpler Abzocker mit religiösen Allüren, also? Auf gar keinen Fall, befand die Verteidigung, die gleich zu zweit in Bern anrückte. Neben Rambert legte sich auch noch Rechtsanwalt Kurt Mäder für den «Pilz-Pastor» und dessen Mission ins Zeug.

Der Angeschuldigte habe «Pionierarbeit» geleistet, sei eine «Quelle der Kreativität und der Inspiration» - und unschuldiges Opfer eines unglaublichen Justizskandals.

Der Handel mit psilocibin- und psilocinhaltigen Pilzen sei zur Tatzeit zwischen 2004 und 2006 in der Schweiz gar nicht verboten gewesen, argumentierte die Verteidigung.

Erst 2008 habe der Gesetzgeber die psychoaktiven Pilze explizit im Gesetz genannt. Eine Kriminalisierung psychoaktiver Pilze sei aber unbegründet, da sie nicht abhängig machten.

Ganze 14 Monate habe man seinen Mandanten in Untersuchungshaft schmoren lassen, obwohl weder Fluchtgefahr bestanden habe noch der Mann Dinge verheimlicht habe. «Der hat ja gesungen wie ein Vogel», ereiferte sich Rechtsanwalt Kurt Mäder.

Sein Mandant habe nie ein Geheimnis um seine Kirche, seine Mission und seinen Handel mit berauschenden Pilzen gemacht. Alles sei transparent gewesen, akribisch festgehalten in einer Buchhaltung. Sogar Mehrwertsteuern habe der Mann für jeden noch so kleinen Betrag abgedrückt. In Rage geredet und den Tränen nahe, bezeichnete Mäder die 429 Tage im Gefängnis als «klassische Beugehaft».

Doch damit nicht genug. Ganze elf Jahre dauerten die Ermittlungen. Der Angeklagte habe alles verloren, seine Kirche, seine Firmen, seine Existenz. Und dies alles wegen eines Verfahrens, das keinen Nachweis auf strafbare Handlungen erbringe, sagte Mäder.

Straftäter statt Unschuldslamm

Anders als die Verteidigung kam die Einzelrichterin zum Schluss, dass der Angeklagte in einem Gutteil der ihm vorgeworfenen Fälle sehr wohl strafbare Handlungen begangen habe.

Bis um die Jahrtausendwende war der Handel mit berauschenden Pilzen in der Schweiz legal. Nach einem Bundesgerichtsentscheid im Jahr 2001 wurden die Pilze in Liste der Betäubungsmittel als Stoffe mit Suchtpotenzial aufgenommen.

Schär liess die Argumentation der Verteidigung nicht gelten, Pilze seine keine Stoffe. Ein Stoff sei eine bestimmte Materie oder Substanz. Das treffe auch auf Pilze zu. Die Einzelrichterin beurteilte die Pilze zudem als gesundheitsgefährdend.

Anders als die Staatsanwältin sah sie im Angeklagten nicht in erster Linie einen raffgierigen Abzocker; aber die Familie habe von den «Spenden» ganz gut gelebt. Schär bezeichnete den Mann vielmehr als «Überzeugungstäter».

Die Richterin räumte ein, dass in dem Fall einiges nicht rund gelaufen sei. Das dürfte eigentlich nicht geschehen, doch bei der Fülle der Fälle und den umfangreichen Restrukturierungen im Justizwesen könne das passieren.

Der gebürtige Deutsche lebte mehrere Jahre in der Schweiz. 2005 übernahm er einen Gasthof im Schwarzenburgerland. Dort gab er sich mit seinen Jüngern dem Konsum berauschender Pilze hin und vertrieb diese im Internet. 2006 wurde der Mann verhaftet. Heute lebt der «Pilz-Pastor» auf Gran Canaria.

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