8.08.2020 14:00
Quelle: schweizerbauer.ch - mge
Graubünden
«Weniger Biodiversität wegen Wolf»
Die Junglandwirte (Jula) haben sich mit der Grosstierproblematik auseinandergesetzt. Ursin Gustin ist Bündner und Landwirt. Die Junglandwirte setzen sich dafür ein, dass Grossraubtiere reguliert werden können.

«Schweizer Bauer»: Sie sind bei den Jula. Was haben Sie für einen Hintergrund?
Ursin Gustin: Ich bin fast 30 Jahre alt, und ich führe zusammen mit meiner Familie einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb in Graubünden, in Donat, den ich von meinen Eltern übernommen habe. Ich wollte nie etwas anders als in der Landwirtschaft arbeiten, darum habe ich die landwirtschaftliche Ausbildung gemacht.

Und dann?
Im Anschluss bin ich fünf Monate nach Australien gegangen, um auf einer Farm zu arbeiten. Zurück in der Schweiz habe ich die Betriebsleiterschule und auch die Meisterprüfung gemacht. Wir haben 26 Brown-Swiss-Milchkühe und Jungvieh.  Unser Betrieb ist ein Stufenbetrieb, welcher sich von 1000 m bis unter den Piz Beverin auf 2200m hochzieht. 

Was läuft  in der Region Graubünden in Sachen Grossraubtiere?
In Graubünden, insbesondere in der Region Surselva und in Mittelbünden sind die Probleme gross. Der Wolf ist diesen Sommer wieder sehr aktiv. Das war absehbar. Wir hatten schon sechs Rudel, und mittlerweile ist ein weiteres in der Region Albulatal bestätigt worden, und die bestehenden Rudel Nachwuchs bekommen.

Haben Sie schon mal Tiere durch einen Riss verloren?
Uns ist aufgefallen, dass unsere Tiere, die wir im Gebiet Piz Beverin weiden lassen, vermehrt ausgebrochen sind. Die Zäune waren zum Teil komplett demoliert. Man erkannte deutlich, dass die ganze Herde durch den Zaun gebrochen war und vor etwas geflohen sein muss. Wir kennen das erst seit zwei Jahren. Einen Schaden am Tier hatten wir auf unserem Betrieb glücklicherweise noch nicht, aber wir halten ja auch keine Kleintiere.

Gibt es eine offizielle Haltung der Junglandwirte zum Thema Grossraubtiere?
Wir haben vor einiger Zeit ein Positionspapier ausgearbeitet. Für uns ist ganz wichtig, dass es die Möglichkeit gibt, Grossraubtiere zu regulieren. Der Umgang muss funktionieren. Auffällige Grossraubtiere, welche lernen, Zäune zu überwinden und geschützte Herden zu gefährden oder die Siedlungen zu nahe kommen, sollten unmittelbar eliminiert werden können. Nur so kann das Zusammenleben mit den Grossraubtieren nachhaltig funktionieren. Der Kanton oder das kantonale Amt sollten basierend auf regionalen Gegebenheiten und Vorfällen entscheiden können, und bestimmen, wer die Regulierung vornehmen muss; Wildhut, Jäger oder speziell ausgebildete Personen. 

Sind Sie auch Jäger?
Nein.

Revidiertes Jagdgesetz

Die Räte beschlossen im vergangenen Jahr, den Schutz der Wölfe und anderer Arten zu lockern. Die Behörden sollen die Bestandesregulierung erlauben dürfen, ohne dass Wölfe Schaden angerichtet haben und ohne dass zuvor Schutzmassnahmen ergriffen werden müssen. Auch in Jagdbanngebieten sollen Wölfe abgeschossen werden dürfen.

«Für den Bundesrat ist das revidierte Jagdgesetz ein typisch schweizerischer Kompromiss», sagte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Das Erlegen von Wölfen ist laut Sommaruga weiterhin an mehrere Voraussetzungen geknüpft: Die Kantone müssen verhältnismässig vorgehen und dürften zum Beispiel nicht in ein Wolfsrudel eingreifen, das sich fernab von Schafherden oder Dörfern aufhält. Zudem müssen die Kantone gegenüber dem Bund vorgängig begründen, weshalb Abschüsse erforderlich sind. Am 27. September kommt das revidierte Jagdgesetz zur Abstimmung.

Was für Argumente gibt es, um die Stadtbevölkerung von der Notwendigkeit der Regulierung zu überzeugen? 
Umweltschutz und Biodiversität sind auch der Stadtbevölkerung wichtig. Aber mit einer hohen Wolfspräsenz sind auch diese gefährdet. Das sagen sogar Umweltschützer und Mitarbeiter aus den Naturpärken. Es werden Ziegen eingesetzt, um die Verbuschung der Alpweiden zurückzudrängen. Aber es gibt erste Landwirte, die ihre Tiere wegen der Risse nicht mehr zur Alp geben wollen. Das ist für die Biodiversität, den Naturschutz und für unsere Landschaft eine riesige Einbusse. Denn Ziegen und Schafe gehen dorthin, wo Kühe und Rinder nicht mehr hinkommen, und halten die Flächen frei. Würden diese Flächen verbuschen, gingen bedeutende Lebensräume verloren.

Es gibt aber Entschädigungen in Form von Geld für Verluste durch Risse.
Ja, aber es wird nur für Tiere, welche durch den Wolf gerissen worden sind, entschädigt. Der Schaden, der die ganze Herde betrifft, ist nicht gedeckt, beispielsweise, wenn andere Tiere abstürzen oder trächtige Tiere wegen Stress verwerfen. Auch die Bergung kommt dazu. Vielen Landwirten geht es schlussendlich nicht mal um das Geld. Es ist einfach unheimlich frustrierend, wenn man tote Tiere zusammenlesen muss.

Das Gesetz

Gemäss Bundesgesetz ist der Abschuss von Wölfen aus einem Rudel zulässig, wenn im Streifgebiet innerhalb von vier Monaten mindestens 15 Nutztiere getötet worden sind. Jedoch muss sich das Rudel im selben Jahr fortgepflanzt haben. Abgeschossen werden darf maximal die Hälfte der neu geborenen Wölfe. Auch für Einzelwölfe kann der Kanton Abschussbewilligungen erteilen, wenn im Streifgebiet mindestens 35 Nutztiere innerhalb von vier Monaten oder 25 Nutztiere innerhalb eines Monats getötet werden. Oder aber wenn mindestens 15 Nutztiere getötet werden, nachdem im Vorjahr bereits Schäden durch Wölfe entstanden sind. Zu beachten ist: Dass bei der Beurteilung Nutztiere unberücksichtigt bleiben, die in einem Gebiet getötet werden, in dem trotz früherer Schäden durch Wölfe keine zumutbaren Schutzmassnahmen ergriffen worden sind.  

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE