5.05.2016 15:14
Quelle: schweizerbauer.ch - Andrea Accola
Graubünden
Südbünden ist kein Bärenparadies
Pro Natura und WWF Schweiz haben ein Bärensymposium veranstaltet. Verantwortliche aus Italien, Slowenien und der Schweiz berichteten von ihren Erfahrungen. Bauern waren allerdings nur am Rande vertreten.

Auf Einladung von Pro Natura und WWF Schweiz tagten am Freitag Fachleute aus Italien, Slowenien und der Schweiz in Landquart GR. Silva Semadeni, Präsidentin von Pro Natura, gab in ihrer Begrüssung der Freude Ausdruck, dass erstmals ein länderübergreifender Erfahrungsaustausch stattfinde.  Am Symposium sollten mit der Bevölkerung, relevanten Akteuren und Fachleuten aus dem In- und Ausland Fragen um die Akzeptanz der Bärenpräsenz in der Schweiz erörtert werden.

Zumindest den Aspekt des Einbezugs aller betroffenen Kreise  erfüllte die Tagung nicht. Eine der  hauptbetroffenen Gruppen, die Landwirtschaft, war mit Ausnahme eines Teilnehmers an der   Podiumsdiskussion  nicht vertreten. Der Verantwortliche für Herdenschutz und Vertreter der landwirtschaftlichen Beratung des Kantons Graubünden fehlten. Sie alle waren gar nicht eingeladen.

Massnahme gescheitert

Miha Krofel von der Uni Ljubljana  berichtete über die Erfahrungen in Slowenien. Im Kerngebiet der Bärenpopulation in den slowenischen Karpaten leben zurzeit 434 Bären. Das ergibt mit 40 Bären auf 100km2 die weltweit höchste Bärendichte. Die Managementmassnahme, die Bären durch Ablenkfütterung in den Wäldern zu halten, bezeichnete er selbstkritisch als gescheitert. Die Bären besuchten trotz allem die Agglomerationen mit ihrem attraktiven Futterangebot. Zudem habe das übermässige Futterangebot zu einer deutlich erhöhten Reproduktionsrate geführt. Obwohl der Bestand der Population mittels legaler Jagd jährlich um 25Prozent  vermindert werde, bleibe er zumindest stabil.

Schwindende Akzeptanz

Von 1999 bis 2002 wurden im Naturpark Adamello Brenta drei männliche und sechs weibliche Jungbären aus der slowenischen Bärenpopulation ausgewildert. Vorgängig wurde eine Machbarkeitsstudie für eine Population von 40 bis 60  Bären erstellt und der Kontakt mit allen betroffenen Regionen gepflegt. Mit den zuständigen Stellen der Schweiz oder des Kantons Graubünden sind solche Absprachen nach Auskunft von Georg Brosi vom Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden nie erfolgt. Eine eindeutige Unterlassungssünde, wenn man heute durch Erfahrung weiss, dass Südbünden zu den regelmässig besuchten Regionen herumstreifender männlicher Jungbären gehört.

Trotz grosser Managementanstrengungen bricht   die Akzeptanz in der Bevölkerung des Trentino drastisch ein. Die Haltung der Menschen gegenüber dem Bären hat sich verschlechtert, das Risiko von Wilderei steigt. Der Wachstumstrend der Population hat sich verlangsamt, und erste Beweise von illegalen Abschüssen liegen vor.

Einen praktischen Nutzen der Bärenpopulation sieht  Claudio  Groff von der Forst- und Wildtierverwaltung Trento in der Medienpräsenz (11 TV-Beiträge, die  Werbung für 361449 Euro entsprechen) und der Möglichkeit von Bärenbeobachtungen für den Tourismus.

Konsequente Prävention 

Georg Brosi vom Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden zieht nach zehnjährigen Erfahrungen der verantwortlichen Organe des Kantons Graubünden Fazit. Der Nutzen der Vergrämung muss infrage gestellt werden. Bären sind sehr lernfähig, können aber den Beschuss durch Gummischrot an einem Komposthaufen nicht mit der generell nicht erwünschen Anwesenheit in den Agglomerationen verbinden. Einzig der Beschussort wird mit dieser Erfahrung verknüpft. Deshalb kommt der kompletten Prävention (Objekt- und Herdenschutz, sicheres Verwahren von potenziellem Futter im gesamten Aktionsraum) höchste Priorität zu. Kristallisiert sich ein Bär als sogenannter Problem- oder gar Risikobär heraus, so muss er in Zukunft schneller entfernt werden. Er ist ein schlechter Imageträger für die Bärenakzeptanz und schürt die Polemik in der Diskussion.

Futtergrundlage fehlt

Der Lebensraum Südbünden ist gemäss Brosi nur bedingt bärengeeignet. Es fehlen das regelmässige Angebot von Laubbaummast (Eicheln, Bucheckern, Kastanien usw.) und der ausreichende Anfall von Fallobst und Beeren, der wichtigsten Futtergrundlage im Herbst.

Sollen für die Präsenz des Bären  – und der Grossraubtiere generell – gangbare Lösungen gefunden werden, so müssen diese unter Mitwirkung aller betroffenen Gruppen erarbeitet werden. Der Ausschluss der Landwirtschaft   ist   nicht zielführend.  Die Schafhalter ihrerseits sind dringend aufgefordert, der anonymen Zahl von 4000 während der Sömmerungszeit verlorenen Schafen ein nachvollziehbares Gesicht  zu geben. Ansonsten bleibt die Argumentation mit dem emotionalen  Wertverlust, der den wirtschaftlichen Schaden übersteigt, Makulatur.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE