15.01.2015 08:40
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Grossbritannien
Ratten bedrohen Vogelparadies
Im britische Überseegebiet Südgeorgien haben Pinguine und andere Vögel gefährliche Feinde: Millionen Ratten und Mäuse. Mit Gift wollen Naturschützer den Nagern den Garaus machen - und so einen schweren Fehler des Menschen ausbügeln.

Die Insel Südgeorgien war einmal ein Paradies für seltene Seevögel. Bis zu 100 Millionen könnten darauf gelebt haben, schätzen Wissenschaftler. Damit zählte die Insel im Südatlantik zu den wichtigsten Lebens- und Bruträumen auf hoher See überhaupt.

Königspinguine, Wanderalbatrosse, Kapsturmvögel und viele andere fanden im Meer reichlich Nahrung und konnten ungestört ihre Jungen aufziehen. Dann kam James Cook - und mit seinem Schiff die Ratten.

90 Prozent der Vögel ausgerottet

«Die Insel ist nur noch ein Schatten ihrer selbst», sagt Tony Martin, der an der Universität im schottischen Dundee über die Wiederherstellung von Lebensräumen forscht. Denn Ratten und Mäuse sind auf der Hauptinsel des britischen Überseegebiets Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln zur Plage geworden.

Viele Vogelarten seien schlicht wehrlos gegen die Eindringlinge, die ihre Eier und Küken fressen. «Sie haben mehr als 90 Prozent der Vögel ausgerottet, die Kapitän Cook vorgefunden hat», schätzt der Professor. 1775 hatte der berühmte Entdecker Südgeorgien und die umliegenden Inseln für Grossbritannien in Besitz genommen.

Am Rad der Zeit drehen

Martin und sein Team wollen die Zeit auf Südgeorgien zurückdrehen. Wenn es nach Plan läuft, ist das Land bereits im Frühjahr ratten- und mäusefrei. 2011 verteilten die Artenschützer erstmals Giftköder auf einem Teil der rund 3800 Quadratkilometer grossen Insel, 2013 übersäten sie ein zweites Gebiet mit den tödlichen Leckerbissen. Nun soll die letzte Phase den Schädlingen endgültig den Garaus machen.

Doch das klingt einfacher, als es ist. Per Schiff müssen drei Helikopter und Treibstoff durch raue See nach Südgeorgien gebracht werden, berichtet Martin. Und die Helfer müssen gründlich arbeiten: «Es muss ein Köder für jede einzelne Ratte erreichbar sein», betont der Projektleiter. Tonnenweise Rattengift im Naturparadies klingt nicht gerade schonend.

Tötet es auch Vögel? «Ja», gibt Martin zu, «aber deren Populationen erholen sich - die der Ratten und Mäuse nicht.» Die Regionalregierung des Überseegebiets hat dazu einen Bericht veröffentlicht. «Der Nutzen der Nagerentfernung für die ganze Insel überwiegt bei weitem die kurzfristigen Auswirkungen auf eine kleine Zahl von Arten», heisst es dort.

Vögel siedeln sich wieder an

Wie sich das Gift 2011 und 2013 auswirkte, liess sich beobachten, weil die Insel durch Gletscher in Abschnitte geteilt ist. «Die Ergebnisse waren grossartig», sagt Martin. Nicht nur blieben die Nager weg. Es siedelten sich auch wieder Vögel an, darunter die Spitzschwanzente Anas georgica georgica, die nur dort vorkommt. Überleben könnten die seltenen Arten auf kleineren Nebeninseln.

Südgeorgien ist keine Ausnahme, wie ein Blick in den jüngsten Jahresbericht der Naturschutzorganisation Island Conservation zeigt. Auf der Bahamas-Insel Booby Cay sind Ratten ein Problem, von den kanadischen Inseln Murchison und Faraday wurden sie vertrieben, auf der australischen Lord Howe Island bedrohen sie mindestens 13 Arten. Eine Erfolgsgeschichte ist demnach die Aleuten-Insel Hawadax, die noch vor einigen Jahren ganz den Eindringlingen gehörte und sich jetzt erholt.

Kosten von fast zehn Millionen Euro

Auf einen ähnlichen Erfolg hoffen Tony Martin und der South Georgia Heritage Trust, der die fast zehn Millionen Euro teure Aktion hauptsächlich aus privaten Spenden finanziert, auch im Fall Südgeorgiens. Am 24. Februar stechen die Helfer voraussichtlich von Stanley auf den Falklandinseln aus in See, ab Mitte Februar wollen sie Gift verteilen. Das wird mehrere Wochen dauern.

Ob die Schädlinge dann wirklich alle tot sind, kann man erst etwa zwei Jahre später halbwegs sicher sagen. Ebenso wichtig wird dann sein, eine neue Invasion zu verhindern - schliesslich könnten die Tiere von vorbeifahrenden Schiffen springen und schwimmen. Wenn alles gut geht, dann sollen sich die Vögel nach und nach wieder vermehren. Irgendwann, hofft Tony Martin, werden es wieder 100 Millionen sein. «Aber das werde ich nicht mehr erleben.»

Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln

Millionen von Pinguinen und kaum Menschen: Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln gehören zu den abgelegensten Ecken der Erde. 1775 hat Entdecker James Cook das Gebiet für die britischen Krone in Besitz genommen, es ist bis heute britisches Überseegebiet. Die wichtigsten Fakten:

- Südgeorgien ist nicht durchgehend bevölkert. Zur Hochblüte des Walfangs lebten einmal 2000 Menschen auf der Insel. Heute gibt es zwei Forschungsstationen. Im Sommer sind ausserdem zwei Regierungsvertreter plus Ehepartner und bis zu vier Kuratoren eines kleinen Museums dort.
- Pro Jahr bringen rund 30 Ausflugsschiffe etwa 2000 Besucher auf die Insel. Schiffe dürfen nicht einfach anlegen, Anmeldung und Genehmigung sind erforderlich.
- Die mit Abstand grösste Insel Südgeorgien ist rund 170 Kilometer lang und an der breitesten Stelle rund 40 Kilometer breit.
- Im antarktischen Sommer sind drei Viertel der Hauptinsel mit Schnee, Eis und Gletschern bedeckt, im Winter ist alles verschneit.
- Die Insel ist bergig. Elf Berge sind höher als 2000 Meter, der höchste, Mount Paget, ist 2934 Meter hoch.
- Die Falklandinseln sind 1390 Kilometer weit entfernt, die Südspitze Südamerikas 2150 Kilometer.
- Argentinien erhebt Anspruch auf das Gebiet. Während des Falklandkriegs war Südgeorgien 1982 vorübergehend von Argentinien besetzt.

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