4.11.2013 07:16
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Neuseeland
Mistkäfer: Hoffnungsträger einer Nation
Der Erfolg der neuseeländischen Landwirtschaft führt dazu, dass auf den Weiden immer mehr Mist anfällt. Importierte Mistkäfer sollen diesen nun in Humus verwandeln.

In den letzten vier Wochen wurde in den neuseeländischen Medien eine Menge Mist gezeigt. Fast alle Fernsehsender zoomten in Kuhfladen hinein und einige Zeitungen brachten Nahaufnahmen von frischem Kuhmist auf den Titelseiten. Der Grund für das mediale Interesse an den tierischen Exkrementen war eines der grössten Freisetzungsprojekte der letzten Jahre: Seit Ende September wurden sowohl auf der Nord- als auch auf der Südinsel je 500 Mistkäfer in die Freiheit entlassen.

Seit 2008 ein Thema

Das war der vorläufige Höhepunkt der "Dung Beetle Release Strategy Group" (DBRSG), der Mistkäfer-Freisetzungs-Strategiegruppe. Die Wissenschaftler, Biologen und Landwirte der DBRSG beschäftigen sich bereits seit 2008 mit dem Thema. Sie sorgten denn auch dafür, dass im Februar 2011 einige Mistkäferarten eingeführt und in speziellen Forschungsanstalten unter kontrollierten Bedingungen auf ihre Mistzersetzungseignung unter neuseeländischen Verhältnissen untersucht und vermehrt wurden.

Bevor die Käfer freigesetzt werden konnten, musste die DBRSG eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorlegen. Denn bisher haben die Inselbewohner mit Freisetzungsversuchen nicht nur gute Erfahrungen gemacht.

Wenn Einwanderer zur Plage werden

So wurde zum Beispiel um 1840 herum das Possum aus Australien eingeführt. Dieses kletternde Beuteltier sollte ursprünglich den Aufbau einer Pelzindustrie ermöglichen. Doch die Pelzproduktion erwies sich als wenig lukrativ, das Possum büxte aus und verwilderte. In den neuseeländischen Regenwäldern fühlt es sich ausgesprochen wohl, natürliche Feinde fehlen. Schätzungen gehen davon aus, dass sich derzeit mindestens 50 Millionen Possums über die heimische Flora und Fauna hermachen.

Ähnlich sieht es bei den Hermelinen aus. Auch sie wurden zur Plage: Sie wurden in den 1880er Jahren eingeführt, um die zuvor ebenfalls eingeführten, sich explosiv vermehrenden Kaninchen im Schach zu halten. Doch dann entdeckten die Hermeline, dass kleine bodenbewohnende Vögel, wie z.B. der Kiwi, eine leichtere Beute sind als die flinken Kaninchen. Weshalb inzwischen sowohl Kaninchen als auch Hermeline die Artenvielfalt in Neuseeland bedrohen.

Sämtliche Nutztiere importiert

Auf den neuseeländischen Inseln gab es ursprünglich überhaupt keine grossen Säugetiere. Auch sämtliche Nutztiere sind importiert. Als die Siedler mit Schafen, Rindern und Ziegen einwanderten, liessen sie nicht nur ihre Freunde und Verwandten in der Heimat zurück, sondern auch die Begleiter ihrer Nutztiere. Zum Beispiel die Mistkäfer. Das ist ungünstig, weil die natürlich auf Neuseeland vorkommenden Mistkäfer auf die Umwandlung von Pflanzenresten im Wald fokussiert sind.

Sie kümmern sich nicht um die Exkremente der 6,4 Millionen Milchkühe, 3,7 Mio. Rinder, 31 Mio. Schafe und 1 Mio. Hirsche, die derzeit auf Neuseelands Weiden grasen. Solche Mistzersetzer wären aber dringend nötig, denn aktuell sind rund 7 Mio. Hektaren Weideland mit Mist übersät. Und trotz dem idealen, meist gemässigten Klima dauert es in Neuseeland bis zu sechs Monate, bis sich der Mist zersetzt. Die Hoffnung einer Nation ruht auf Mistkäfern.

Den Fliegen Konkurrenz machen


Das soll sich ändern. Auf den ausgesetzten Mistkäfern ruht die Hoffnung einer ganzen Nation. Die Farmer hoffen, dass sich der Mist möglichst rasch in Staub auflöst. Die Kühe machen beim Fressen um jeden Fladen einen Bogen. Und je schneller die Fladen verschwinden, desto schneller wächst das Gras nach und desto mehr kann gefressen werden. Eine raschere Zersetzung der Fladen bedeutet also eine bessere Futterverwertung und verspricht folglich mehr "Money".

Die Umweltschützer hoffen, dass dank der effizienteren Mistzersetzung die Gewässerbelastung verringert wird. Heute leiden viele Flüsse und Seen Neuseelands unter der hohen Nährstofffracht der intensiv genutzten Weiden. Indem die Käfer den Mist in den Boden bringen, sollten sich auch die Erosionsschäden reduzieren, die in manchen Regionen ein grosses Problem darstellen. Die Normalbevölkerung wiederum hofft, dass die Mistkäfer den (ebenfalls mistzersetzenden) Fliegen Konkurrenz machen. Damit sie beim Barbecue auf dem Land künftig nicht mehr von Fliegen umschwärmt werden.

Frühere Freisetzungen brachten wenig Erfolg

DBRSG-Projektleiter Andrew Barber ist beinahe euphorisch: "Ich glaube wirklich, dass die Mistkäfer das Potential haben, Neuseelands weidebasierte Landwirtschaft zu revolutionieren." Er erwartet nicht nur eine höhere landwirtschaftliche Produktion bei tieferen Umweltkosten, sondern auch positive Auswirkungen auf die Landschaft: "Unsere Enkel werden nicht glauben, dass die Weiden einst mit Mist bedeckt waren."

Ob die grossen Hoffnungen in die kleinen Käfer tatsächlich in Erfüllung gehen, wird sich erst noch weisen müssen. In den 1960er Jahren wurden bereits einmal Mistkäfer in Neuseeland freigesetzt. Doch der grosse Mistkäfer aus Mexiko (Copris incertus) nahm seine Arbeit offenbar nicht sehr ernst. Er hielt offenbar häufig Siesta und hat sich bislang kaum vermehrt.

Auch zwei aus Australien eingeschleppte Mistkäferarten setzten sich nicht durch. Laut DBRSG sind sie zu klein und schmächtig, um dem Mist Herr zu werden. Die neu ausgesetzten Arten "Onthophagus taurus" und "Onthophagus binodus" scheinen diesbezüglich vielversprechender. Die erstgenannte Art kommt auch auf Schweizer Alpweiden und in den Südtälern der Schweiz vor. Mistfladen gibt es dort allerdings immer noch.

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