25.08.2016 15:43
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Samuel Krähenbühl
Interview
«Hybride gibts am ehesten bei sexuellem Notstand»
In Graubünden wurde eine läufige Hirtenhündin beobachtet, die sich mit einem Wolfsrüden paarte. Kreuzungen seien auch schon in Amerika nachgewiesen, sagt Sven Herzog, Professor für Wildbiologie in Dresden.

«Schweizer Bauer»: Entgegen früheren Prognosen der Experten verhalten sich die Wölfe in der Schweiz anders als erwartet. Namentlich sind die Wölfe weniger scheu und reissen sogar mitten in Dörfern Nutztiere. Ist dieses Verhalten der Schweizer Wölfe gemäss Ihrem Kenntnisstand wolfstypisch?
Sven Herzog: Eines vorweg: Ich würde nicht von einer «Schweizer Wolfspopulation» sprechen. Die Population, also die Fortpflanzungsgemeinschaft ist grenzüberschreitend, d.h. wir haben es mit einer «abruzzo-alpinen» Population zu tun.

Worauf führen Sie die mangelnde Scheu der Wölfe vor Menschen und  menschlichen Siedlungen zurück?
Die geringe Scheu der Wölfe als solche ist zunächst völlig normal. Bereits vor Jahren haben wir prognostiziert, dass es zu dieser Entwicklung kommen wird. Scheu vor dem Menschen hat eine angeborene und eine erlernte Komponente. Wenn der Wolf über Jahre nicht vom Menschen verfolgt, zun Beispiel nicht bejagt wird, lernt er nicht, dass der Mensch gefährlich ist, sondern er lernt, dass in der Nähe des Menschen besonders leicht Nahrung zu finden ist. Warum sollte sich also ein Wolf der Gefahr aussetzen, die mit der Erbeutung etwa eines Hirsches verbunden ist, wenn es auch leichter geht. Die geringer werdende Scheu ist ein Zeichen, dass wir es mit vitalen, anpassungsfähigen Tieren zu tun haben.

Ist ein solches anormales Verhalten von Wölfen auch in anderen Gebieten Europas anzutreffen?
Grundsätzlich ist mangelnde Scheu immer wieder beschrieben, etwa ist in historischen Dokumenten wie z.B. Ortschroniken von sogenannten «Wolfsplagen» die Rede, also von Berichten, dass die Tiere sich zeitweise in grosser Zahl bis in die Siedlungen wagten. Die Gründe hierfür sind meist nicht genau bestimmbar. Eine Hypothese wäre beispielsweise ein zeitweiliger Mangel an Beutetieren oder auch das Auftreten von Kriegen oder Seuchenzügen, während derer der Jagddruck auf den Wolf geringer wurde. Dies wäre einmal interessant zu untersuchen.

Schafhalter sind überzeugt, dass viele europäische Wölfe nicht reinrassig sind, sondern Mischlinge von Wölfen mit Haushunden oder anderen Hundeartigen wie etwa den Wolfsschakalen sein könnten. Gibt es aus Ihrer Sicht Indizien oder sogar Beweise dafür, dass es sich bei vielen Wölfen um Hybriden handeln könnte?
Grundsätzlich sind solche Hybridbildungen zwischen Wolf und Haushund problemlos möglich, es handelt sich ja um ein und dieselbe Art. Allerdings hat der Wolf ein sehr fein abgestimmtes Sozialverhalten, so dass Hybridbildungen wohl am ehesten in Fällen «sexuellen Notstandes», also bei Fehlen eines adäquaten Paarungspartners, auftreten. Inwieweit der Schakal hier eine Rolle spielt, ist eine interessante Frage. Mein Kollege Valerius Geist, der ja ein profunder Kenner nordamerikanischer Wölfe ist, vermutet solche Hybridbildung. Auch aktuelle Untersuchungen aus Nordamerika weisen auf umfangreiche Hybridbildungen zwischen Wolf und Coyote hin. Hier wären für die Schweiz eingehende Untersuchungen von morphologischen und molekularen Merkmalen sowie Kreuzungsexperimente gefragt, um diese Frage seriös zu beantworten.

Wie sieht es aus mit wolfsuntypischen Eigenheiten im Erscheinungsbild der Schweizer Wölfe? Kann aufgrund von phänotypischen Merkmalen eine Unterscheidung zwischen reinrassigen Wölfen und Mischlingen bewiesen werden?
Ein Indiz für solche Hybridisierungen wären beispielsweise die verwachsenen Fussmittelballen. Sie reichen aber als alleiniges Merkmal nicht aus.

In der Schweiz weisen die Behörden die Vermutung, dass es sich bei den Wölfen teilweise um Hybride handeln könnte, zurück. Sie führen hier DNA-Tests  der Uni Lausanne ins Feld. Demnach gebe es keine Hybriden in der Schweizer Wolfspopulation. Kennen Sie die Methoden, bzw. die Datenbank der Uni Lausanne, und wie schätzen sie diese aus wissenschaftlicher Sicht ein?
Die genannte Einrichtung verwendet vermutlich molekulare Marker. Solche molekularen Methoden sind im Grunde sehr aussagefähig. Allerdings sind sie immer nur so gut wie das Referenzmaterial, welches ihnen zugrunde liegt. Es wäre also zu prüfen, welche und vor allem wie viele Individuen diesen Untersuchungen zugrunde liegen.

Was meinen Sie konkret beispielsweise damit?
Nehmen wir beispielsweise an, dass es in einer Population in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder zu Einkreuzungen anderer Teilpopulationen, etwa Haushund, oder Unterarten in die frei lebende Population gekommen ist, dann wäre Referenzmaterial aus genau dieser frei lebenden Population nur sehr bedingt geeignet, die Frage nach der Hybridisation zu beantworten. Oder anders ausgedrückt: Nur wenn ich eine grosse Zahl an Individuen, bei denen ich Hybridbildung in früheren Generationen sicher ausschliessen kann, als Referenz verwende, kann ich mit den daraufhin entwickelten Markern diese Frage beantworten. Weiterhin sollte darauf geachtet werden, dass Labore, die derartige Untersuchungen vornehmen, sich an Ringversuchen beteiligen. Dies bedeutet, dass sie die Qualität ihrer verwendeten Methoden regelmässig dadurch überprüfen, dass identisches Probenmaterial unabhängig und blind in unterschiedliche Labore geschickt wird. Erst wenn alle Einrichtungen zu einem identischen Ergebnis kommen, kann die Methode als zuverlässig gelten.

*Prof. Dr. Dr. Sven Herzog ist Professor für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der Technischen Universität in Dresden D.

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