14.07.2015 15:30
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Grossbritannien
Grausam oder Tradition? Fuchsjagd-Debatte bewegt
Seit mehr als zehn Jahren ist es in England und Wales verboten, Füchse von Hunden totbeissen zu lassen. Die Regierung wollte ein Detail des Gesetzes ändern - und hat damit eine Grundsatzdebatte neu entfacht, in der es nicht nur um Tierschutz geht. Die für Mittwoch vorgesehene Abstimmung ist kurzfristig abgesagt worden.

Reiter in roten Jacketts und weissen Hosen, umgeben von einem fröhlichen Hunderudel: Bilder von britischen Fuchsjägern wirken etwas aus der Zeit gefallen, aber irgendwie romantisch. Sie stehen im krassen Gegensatz zu Fotos von halb zu Tode gehetzten, von aggressiven Hunden zerbissenen Füchsen, die dem wohl umstrittensten Sport Grossbritanniens zum Opfer gefallen sind.

«Ekelhafter Blutsport»

Die Fuchsjagd mit Hunden ist in ihrer herkömmlichen Form eigentlich seit mehr als einem Jahrzehnt verboten. Vom Tisch war das Thema nie, die vielen Schlupflöcher erzürnen seitdem Tierschützer.

Derzeit schlagen die Wellen wieder besonders hoch. Ex-Beatle Paul McCartney hat sich eingemischt, seine Tochter Stella McCartney, der Sänger Morrissey und die Verhaltensforscherin Jane Goodall. Sie sind sich einig: Die Fuchsjagd ist ein «ekelhafter Blutsport».

Aufweichung des Verbots

Worum geht es? Vor gut zehn Jahren trat in England und Wales ein Jagdgesetz in Kraft, das verbietet, die Tiere mit Hunden zu jagen. Es gab ein politisches Erdbeben. Demonstranten stürmten das Parlament, 400'000 Menschen protestierten in London, aufgebrachte Fuchsjagdfreunde nannten das Gesetz eine «Kriegserklärung» an jahrhundertealte ländliche Traditionen.

Nun hat die Regierung einen Teil des Gesetzes zur Debatte gestellt - und schon vor einer geplanten Abstimmung eine Schlappe hinnehmen müssen. Statt wie bisher nur zwei Hunde sollte wieder ein ganzes Rudel die Füchse aufstöbern dürfen. Das Totbeissen der Füchse wäre verboten geblieben. Es klang wie eine Kleinigkeit, zumal die Regeln damit denen in Schottland angepasst worden wären.

Bauern hätten wählen können

Für den Vorschlag warb unter anderem die Countryside Alliance, ein Land-Verband mit etwa 100'000 Mitgliedern. Die Änderung bedeute, dass Bauern wählen könnten, «wie sie die Fuchspopulation auf die effektivste und humanste Art verwalten», sagte deren Direktor Barney White-Spunner. Mehrere Hunde seien effektiver als zwei.

Tierschützer fürchteten mit der für Mittwoch geplanten Abstimmung im Unterhaus die Wiedereinführung der alten Jagdmethode durch die Hintertür. Das «wichtige Gesetz» würde «zahnlos», steht in einem offenen Brief, den viele Prominente unterschrieben haben. «Die Regierung versucht, das Jagen über eine List wieder einzuführen», befürchtete Tom Quinn vom Verein gegen grausame Sportarten.

Schotten bringen Revision zu Fall

Daraus wird erst mal nichts: Die Abstimmung wurde am Dienstag kurzfristig abgesagt. Weil die Abgeordneten der schottischen Nationalpartei (SNP) dagegen stimmen wollten, hätte der Vorschlag praktisch keine Chance gehabt. Normalerweise halten die Schotten sich heraus, wenn es um Gesetze geht, die sie gar nicht betreffen. Mit ihrer Entscheidung zeigen die SNP-Abgeordneten ihre politische Stärke.

Schottische Nationalpartei lässt Muskeln spielen

Das gilt auch für Schottland - dort sind aber mehr Hunde erlaubt. Die britische Regierung hatte vorgeschlagen, das englische und walisische Gesetz dem schottischen anzupassen und eine offene Abstimmung geplant. Dort dürfen mehrere Hunde eingesetzt werden, das Totbeissen ist aber verboten.

Grund für die Absage ist, dass die 56 Abgeordneten der schottischen Nationalpartei SNP angekündigt haben, gegen die Änderung zu stimmen. Der Vorschlag hatte damit praktisch keine Chance mehr, weil ein Teil der regierenden Konservativen ebenfalls dagegen stimmen wollten. Die seit der britischen Unterhauswahl starke SNP-Fraktion liess damit erstmals die Muskeln spielen und brachte der Regierung eine Niederlage bei. Bisher hatten diese sich in der Regel enthalten, wenn Gesetze sie nicht betrafen. SNP-Chefin Nicola Sturgeon sagte, wenn es eine Gelegenheit wie diese gebe, «die Regierung daran zu erinnern, wie schmal ihre Mehrheit ist, dann ist das eine Gelegenheit, die wir ergreifen.» sda

Es ist eine Niederlage für Premierminister David Cameron, der das Jagdverbot ablehnt. «Ich war immer ein entschiedener Unterstützer von ländlichen Sportarten», schrieb er vor der Parlamentswahl im Frühjahr im Magazin der Countryside Alliance. «Es ist meine feste Überzeugung, dass Menschen die Freiheit haben sollten, zu jagen, deswegen teile ich den Frust vieler Menschen über das Jagdgesetz.» «Ich finde die Position der SNP völlig opportunistisch und anderweitig kaum erklärbar», sagte Premierminister David Cameron am Dienstag in London über die SNP-Abgeordneten.

Eine Klassenfrage?

Sprengstoff liegt in der Debatte, weil viele das Thema Fuchsjagd für eine Klassenfrage halten. «Es geht um Dandys, um Menschen, die sich für Dandys halten oder armselige Typen, die nach der Gesellschaft von Dandys lechzen», schreibt etwa «Observer»-Kolumnistin Barbara Ellen. Sie sei selbst auf dem Land aufgewachsen, und dort sei niemand für die Jagd gewesen.

Studien und Umfragen, die ihre Sicht der Dinge belegen, haben beide Seiten vorzuweisen. Einer YouGov-Umfrage vom Januar zufolge sind 51 Prozent der Briten für das Verbot der Jagd mit Hunden, 33 Prozent dagegen. Auf dem Land ist die Mehrheit demnach knapper, aber mit 49 zu 39 Prozent trotzdem halbwegs deutlich.

Eine Umfrage des Instituts ComRes im Auftrag der BBC kam zu einem deutlicheren Ergebnis: Demnach sind sogar drei Viertel der erwachsenen Briten dafür, das Verbot der Fuchsjagd mit Hunden beizubehalten.

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