15.12.2015 10:10
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
St. Gallen/Graubünden
Calanda-Wölfe: Kontroverse um Abschüsse
Die Kantone St. Gallen und Graubünden wollen zwei Wölfe aus dem Calanda-Rudel abschiessen. Die Wölfe hätten ihre Scheu vor den Menschen verloren, begründen sie. Doch Umweltorganisationen widersprechen. Um die Abschüsse ist eine Kontroverse entbrannt. Mit Umfrage

Nur der gezielte Abschuss zweier Wölfe mache das Rudel wieder scheu und halte die Tiere von Siedlungen fern, argumentierten die beiden Kantone Ende November. Das aus etwa zehn Tieren bestehende Rudel verhalte sich «zunehmend problematisch». Immer öfter wagten sich einzelne Wölfe in Siedlungen vor - zum Teil bis in Gehege und Ställe.

Abschüsse für WWF «keine Lösung»

Als Gegenmassnahme haben St. Gallen und Graubünden beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) eine Abschussbewilligung für zwei Wölfe beantragt. Nur so könne «ein Zusammenleben dieser Grossraubtiere in der Kulturlandschaft auch in Zukunft möglich sein». Das BAFU will noch vor Weihnachten über den Antrag entscheiden, wie eine Sprecherin auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda sagte.

Doch es regt sich Widerstand: WWF und Pro Natura kritisierten in einer Stellungnahme, der geplante Abschuss von Jungwölfen sei «keine Lösung». Die Gefahr für die Menschen sei minimal. Dass Wölfe, ähnlich wie Füchse oder Rehe, nahe an Siedlungen kommen, sei nicht ungewöhnlich und müsse nicht unbedingt problematisch sein.

Warnung vor Überreaktionen

Unterstützung erhielten WWF und Pro Natura vom Bündner Fotografen Peter A. Dettling, der mehrere Wolfsbücher veröffentlicht hat und sich seit 2013 mit der Calanda-Wolfsfamilie befasst. Dettling warnte vor Überreaktionen der Behörden. Solche Experimente am Calanda könnten das Gegenteil bewirken.

Durch Wolfsabschüsse könnten die Konflikte verstärkt werden und die Nutztierrisse zunehmen. Laut Dettling besteht die Gefahr, «dass am Calanda die Familienstruktur der ersten Schweizer Wolfsfamilie existenziell zerstört» wird. Die Wölfe seien in der Schweiz gesetzlich geschützt.

Wurden Wölfe angelockt?

Verstärkt wurde die Kritik durch Berichte aus Vättis SG: Gemäss dem «Tages-Anzeiger» äusserten Bürger aufgrund eigener Beobachtungen den Verdacht, Wölfe würden mit Schlachtabfällen in die Nähe des Dorfs gelockt. Auf diese Weise sollten Vorfälle mit Nutztieren provoziert und die Grundlage für Abschüsse geschaffen werden.

Der Leiter des Amts für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St. Gallen, Dominik Thiel, widersprach dieser These. Der Kanton habe bereits 2014 in der Nähe von Vättis zwei Luderplätze verboten - so werden jene Stellen genannt, an denen Jäger mit entsprechender Bewilligung Füchse anlocken dürfen.

Ziegen und ein Kalb gerissen

Die Jagdverordnung des Bundes erlaubt den Abschuss von Wölfen, falls die Tiere aus eigenem Antrieb regelmässig in Siedlungen oder in Siedlungsnähe auftauchen. Der Entscheid des BAFU über die beantragten Wolfsabschüsse dürfte davon abhängen, ob diese Bedingung im Calanda-Gebiet gegeben ist.

Rudel mit etwa zehn Tieren

Das erste Wolfsrudel der Schweiz lebt seit 2012 im Gebiet des Calanda-Ringelspitz-Massivs im Grenzgebiet zwischen St. Gallen und Graubünden. Laut Dominik Thiel besteht das Rudel aus etwa zehn Wölfen: einem Elternpaar mit vier Jungen sowie drei bis fünf Jungen vom letzten Jahr.

Klar ist, dass der geplante Abschuss von Calanda-Wölfen nichts mit Rissen von Nutztieren zu tun hat. Laut Dominik Thiel hat das Rudel in diesem Jahr sieben Ziegen und ein Kalb gerissen. Das seien nicht genug Risse, um einen Abschuss zu begründen, sagte Thiel der Nachrichtenagentur sda.

Thema im Kantonsrat

Im St. Galler Kantonsrat waren die Calanda-Wölfe schon wiederholt ein Thema. In einem am 1. Dezember eingereichten Standesbegehren der SVP heisst es, das Wolfsrudel sei für die Land- und Alpwirtschaft eine unerträgliche Belastung. Die Sömmerung und die Haltung von Schafen und anderen Nutztieren werde immer aufwendiger.

Mit dem Vordringen der Wölfe in Wohn- und Nutzgebiete häuften sich die Konflikte. Ziel des Vorstosses ist eine Änderung des Schweizer Jagdgesetzes, damit der Wolf wie andere Wildtiere gejagt werden darf. In die gleiche Richtung zielt eine von 31 Kantonsräten unterzeichnete Interpellation «Wolfspopulation muss reguliert werden».

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