15.04.2019 12:06
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen
Tierwohl
Diesen Schweinen ist es sauwohl
Mit dem neu entwickelten Haltungssystem der Wiesenschwein AG können Mastschweine ihre natürlichen Bedürfnisse ausleben. Das System kann als Ergänzungsbau bei bestehenden BTS/RAUS-Ställen hinzugefügt werden. -> Mit Videos

«Wiesenschwein ist ein Haltungssystem, bei dem wir versuchen, den Schweinen ein artgerechtes Leben zu ermöglichen, indem sie ihre Grundbedürfnisse vollumfänglich befriedigen können», erklärt Olivier Hess, Gründer der Wiesenschwein AG.

«Nur so können wir in zwei Generationen Nutztiere noch gut verantworten», fährt der Pionier fort. Die Idee dabei ist, bestehende Label-Ställe mit der Wiesenschweinapplikation aufzurüsten. «Denn ich will nicht nur fünf Alpenschweine glücklich machen, sondern erreichen, dass möglichst viele der über 2 Millionen Mastschweine in der Schweiz auf unserem System laufen und ein würdiges Leben führen», erklärt Hess. 

Jederzeit wühlen können

Konkret heisst dies, dass ein Label-Stall um folgende vier Hauptelemente ergänzt wird:

  • Einen permanent zugänglichen Wühlbereich 
  • eine grosse überdachte Wühlarena
  • eine Suhle/Schwimmsuhle 
  • eine Wiese mit Bäumen. 

Der permanent zugängliche Wühlbereich wird im bereits bestehenden Balkon (Auslauf) des CNF-Stalles eingerichtet, er steht den Schweinen jederzeit zur Verfügung. Angrenzend an den CNF-Auslauf befinden sich die überdachte Wühlarena inklusive der Suhle/ Schwimmsuhle mit Zugang zur Wiese. Die Freilaufflächen der Wühlarena und der Wiese sind den Tieren zeitlich begrenzt zugänglich. So können sie täglich von mehreren Schweinegruppen abwechselnd genutzt werden.  

System ist automatisch

«Die Schweine haben dadurch viel Bewegungsfreiraum, ohne unrealistisch grosse Flächen zu benötigen. Das System ist also skalierbar und für viele Schweineproduzenten umsetzbar», begründet Hess. Doch wer nun denkt, den ganzen Tag Schweine hin und her jagen zu müssen und Tore zu öffnen und zu schliessen, der irrt sich.

Die Wiesenschweinapplikation läuft quasi vollautomatisch. Was es braucht ist Futter und einen Piepston. Alles andere ist klassische Konditionierung oder zumindest fast. 

Auf Ton konditioniert

Die Schweine werden im Wiesenschweinsystem gruppenweise bewegt, deshalb erhält jede Schweinegruppe oder Bucht einen individuellen Ton (mit drei verschiedenen Frequenzen). Die Schweine werden während dem Füttern auf ihren Ton konditioniert – immer wenn das Piepsen ertönt, gibt es Futter. Diese Konditionierung ist elementar, um die ganze Gruppe steuern zu können. 

«Rund drei Tage dauert es, bis sich die Schweine den Ton merken können und darauf reagieren», weiss Franz Studer. Der Landwirt aus Schüpfheim LU ist der Erste, der die Wiesenschweinapplikation auf seinem Betrieb anwendet. Zehn Buchten an je 30 Mastschweinen hat Studer. «Jede Gruppe ist jeweils am Morgen und am Nachmittag für rund eine Stunde auf der Freilauffläche», sagt der Betriebsleiter. 

Moderne Technik nutzen

Nach dem Freilauf ertönt der gruppenspezifische Piepston, die Schweine springen zu den Futtertrögen in ihrem Stall zurück und das Tor schliesst sich automatisch hinter ihnen. Dies aber erst, wenn alle drinnen sind. Und um das kontrollieren zu können, braucht es eben doch noch etwas mehr als Fressen und Pawlow’s Konditionierungstheorie.

Nämlich ein ausgeklügeltes System an moderner Technik; sprich Scanner, Kameratechnologie, eine App und spezielle Ohrenmarken. Über die Ohrenmarke, die jedes Tier trägt, können Scanner und der Bildalgorithmus des Kamerasystems mit einer nahezu 100%-igen Sicherheit erkennen, ob wirklich jedes Schwein zurück im Stall ist.

Erst wenn dies gewährt ist, schliesst sich das Tor und die Klappe der nächsten Bucht öffnet sich. «Wer einen neuen Stall mit der Wiesenschweinapplikation bauen will, muss arbeitstechnisch täglich mit einer Stunde Mehraufwand rechnen. Pro Mastplatz muss mit 700 bis 900 Franken zusätzlichen Kosten gerechnet werden», klärt Studer auf. Das will entschädigt werden. «Tut es auch. Und zwar mit einem deutlich höheren Marktpreis als für normale Schweine», fährt er fort 

Landwirt offeriert Preis

Verkauft werden die Wiesenschweine direkt an Coop, Traitafina und an einige regionale Anbieter. Die Wiesenschwein AG versteht sich als Bindeglied zwischen Landwirt und Abnehmer. Sie fühlt sich ebenfalls mitverantwortlich in der Kommunikation mit dem Konsumenten. 

Da die Innovation direkt aus der Landwirtschaft kommt, ist es wichtig, die Nachfrage nach Wiesenschweine-Fleisch richtig einzuschätzen und das Angebot dementsprechend zu planen. Somit ist jedes vom Landwirt produzierte Wiesenschwein mit einem Abnahmevertrag gesichert. Die Wiesenschweine haben keinen Börsenpreis, sondern der Landwirt macht eine Offerte. Anschliessend werden die Tiere mit einem Jahresfixpreis verkauft.

Konsument muss kaufen 

Zurzeit läuft die Wiesenschweinapplikation nur auf dem Pionierbetrieb von Franz Studer. «Wir wären seitens der Technologie und der Automatisation bereit, dass andere Landwirte auch Wiesenschweine produzieren können», sagt Hess. Er betont aber auch: «Die Wiesenschwein AG ist keine Händlerin, sondern Bindeglied zwischen Tierwohl und Konsument. Wir helfen den Landwirten bei der Technik und der Planung. Die Weideschweinapplikation kann nur genutzt werden, wenn die Konsumenten Gefallen an einer solchen Tierhaltung haben und dementsprechend Wiesenschweinefleisch kauft.» 

«Das macht mir Freude»

Das erste Wiesenschweinefleisch wird ab 22. April in ausgewählten Coopläden (Pilatusmarkt Kriens, Schenkon, Löwencenter Luzern, Seewen Markt), dem Fooby Store Lausanne, der Biosphäre Markt AG  und der Traitafina AG erhältlich sein.  

Auch wenn die Wiesenschweinapplikation erst in den Kinderschuhen steckt, ist für Studer klar: «Die Schweine können ihre natürlichen Triebe ausleben, wie ich es bisher gar nicht gekannt habe. Das macht mir, den Schweinen Freude und den Konsumenten Freude», so der Schweinehalter. «Die Spaziergänger laufen nicht einfach vorbei, sondern schauen zwanzig Minuten den Schweinen zu. Ich kann meinen Berufsstolz besser ausleben, weil ich sehe, dass ich da wirklich etwas Gutes mache.»

Die Grundbedürfnisse eines Schweines

  • Bewegung: Wildschweine verbringen einen beachtlichen Teil des Tages mit der Futtersuche. Dabei bewegen sie sich und legen grosse Distanzen zurück. Auch Hausschweine haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang.

  • Wühlen: Schweine sind bekannt fürs Wühlen. Und zwar sehe ausgiebig: nämlich fast ein Viertel der Zeit, in der sie wach sind.

  • Neugierde: Schweine sind sehr neugierig und verspielt. Das gilt besonders für Mastschweine, da es sich um Jungtiere handelt

  • Schwimmen & Suhlen: Schweine sind gute Schwimmer. Meistens schwimmen sie aber nur, um ihr Revier zu wechseln. Sie schwimmen durch Flüsse und auch weite Strecken über Seen. Die Suhle dient als  Abkühlung.
     
  • Spielen: Stark ausgeprägt ist bei allen Schweinen der Spieltrieb.

  • Futter aufnehmen:  Wildschweine sind keine Vegetarier, denn sie fressen auch Eier, Insekten, Aas und Jungtiere, zum Beispiel Vögel oder Mäuse. Ihr Speiseplan ändert sich mit den Jahreszeiten. ats
SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE