15.07.2020 17:40
Quelle: schweizerbauer.ch - sda/blu
Deutschland
Bauern froh: Tönnies darf wieder schlachten
Rund vier Wochen nach einem massiven Corona-Ausbruch darf Deutschlands grösster Fleischbetrieb Tönnies an seinem Hauptstandort in Nordrhein-Westfalen wieder schlachten. Die Bauern dürften aufatmen. Der Schweinemarkt wird entlastet.

Die Stadtverwaltung hat den angeordneten Produktionsstopp für die Schlachtung am Mittwoch mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Damit kann das Unternehmen in Rheda-Wiedenbrück bei Gütersloh nach vier Wochen wieder Tiere von Landwirten annehmen und die Produktion schrittweise hochfahren.

Probebetrieb

Für die Zerteilung der Tiere hat die Stadt Rheda-Wiedenbrück vorerst noch keine Genehmigung erteilt. Für diesen Produktionsschritt soll es am Donnerstag zunächst nochmals eine Begehungen der Behörden geben.

Gutachter sollen sich beispielsweise Trennelemente aus Plexiglasscheiben anschauen. Am Freitag soll der Bereich nach Angaben der Stadt zunächst in einem Probebetrieb wieder aufgenommen werden. Tönnies schlachtet am Hauptsitz in Ostwestfalen im Normalbetrieb pro Tag je nach Marktlage zwischen 20'000 und 25'000 Schweine. 30'000 sind von den Behörden genehmigt.

14 Prozent der Schweine

Für die Bauern ist die Wiedereröffnung eine gute Nachricht. Durch den Produktionsstopp in Deutschlands grösstem Schlachtbetrieb hatte sich ein Stau bei den Schweinemästern gebildet. Sie wurden ihre Tiere nicht los, und in den Ställen wurde der Platz eng. Die Vertrags-Lieferanten, rund 20 Prozent, konnten auf andere Tönnies-Standorte im Emsland (Sögel), Schleswig-Holstein (Kellinghusen) und Sachsen-Anhalt (Weissenfels) ausweichen. Die anderen Mäster mussten sich auf dem freien Markt neue Schlachthöfe suchen.

Die Schweinehalter schlugen Alarm. «Dass die Schweinehalter nach zwei Wochen immer noch nicht ansatzweise wissen, wie es weiter geht, ist ein unhaltbarer Zustand,» sagte der Heinrich Dierkes, Vorsitzender der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN), vor zwei Wochen. Gemäss der Politik sei Tönnies systemrelevant, sagte er weiter

ISN-Geschäftsführer Torsten Staack führt gegenüber agrarheute.com aus, was mit der Systemrelevanz gemeint ist. In Rheda-Wiedenbrück werden im Normalbetrieb 12 bis 14 Prozent der deutschen Schweine geschlachtet. Wöchentlich stauen sich gemäss Staack bis zu 100’000 Schweine auf. Gemäss dem «Weser-Kurier» werden in Deutschland pro Woche um die 970’000 Schweine geschlachtet, rund 110’000 davon bei Tönnies. Aufgrund der Schliessung sanken wegen eines Überangebots die Preise für das Schlachtvieh. Weil bei den Mastbetrieben die freien Stallplätze fehlten, fanden die Züchter keine Abnehmer für die Ferkel. 

1400 Arbeiter hatten Corona

Bei Tönnies hatten sich rund 1400 Arbeiter nachweislich mit dem Coronavirus infiziert, die meisten von ihnen Osteuropäer. Die ersten Fälle waren nach Tests Mitte Juni bekannt geworden. Vorübergehend waren deshalb zusätzliche Corona-Einschränkungen des öffentlichen Lebens für den Kreis Gütersloh und auch für den Nachbarkreis Warendorf verhängt worden.

«Dies muss ein Weckruf sein»

Nach dem Neustart bei Tönnies fordert Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) eine Kehrtwende. «Ein 'Weiter so' kann und darf es nicht geben - zum Schutze der Menschen und zum Schutze der Tiere», sagte sie am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. «Wir müssen jetzt die Weichen neu stellen und vom Stall bis zur Ladentheke neujustieren.»

Wenn der Ausfall eines Glieds reiche, die ganze Kette ins Stocken zu bringen, sei das System nicht gesund. «Dies muss ein Weckruf sein.» Tönnies stelle allein etwa 40 Prozent der Schlachtkapazität in NRW. «Man muss sich auch mal angucken, ob wirklich im Akkord geschlachtet und zerlegt werden muss», sagte die Ministerin. Am Freitag beschäftigt sich der Landwirtschaftsausschuss des NRW-Landtags in einer Sondersitzung mit der Lage.

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