8.06.2015 11:15
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Wallis
Wolf frustriert Schäfer
Immer mehr Walliser Schafhalter geben ihr Metier wegen dem Wolf auf. Die Frustration sei gross, sagt Rinaldo Pfammatter, Schafzüchter aus Ried-Brig.

Der 40-jährige Lokführer und Hobby-Schafzüchter ist in Sorge um seine 45 Schwarznasenschafe, besonders um die drei neugeborenen Lämmchen und sein Lieblingsschaf Seline. Mitte Juni beginnt die Alpsömmerung, und im Val d»Hérens hat ein Wolf schon 20 Schafe gerissen.

Hirt aus dem Baskenland angestellt

In Ried-Brig ist es zurzeit zwar ruhig. Soweit bekannt, streift kein Wolf durch die Gegend. Das kann sich aber rasch ändern, denn ein Wolf kann leicht eine Tagesdistanz von 40 Kilometern zurücklegen.

Auf der genossenschaftlich geführten Alp Rosswald/Steinenalp auf 2200 bis 3000 Metern über Meer werden insgesamt 600 bis 700 Schwarznasenschafe von rund 30 Schäfern gesömmert. Pfammatter und seine Kollegen haben für die drei Sommermonate einen jungen Hirten aus dem französischen Baskenland mit einem Hütehund angeheuert.

Bund vermisst konstruktive Zusammenarbeit

Reinhard Schnidrig vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) begrüsst die Zusammenlegung von Schafherden. Nun müssten die Schäfer nur noch die Bereitschaft zum Arbeiten mit Herdenschutzhunden haben, dann liessen sich die Schäden durch Wölfe mit Garantie sehr stark reduzieren. Viele Schäfer verweigerten aber nach wie vor eine konstruktive Zusammenarbeit.

Pfammatter hat diese Argumentation schon oft gehört, wendet aber ein, dass Theorie und Praxis zwei verschiedene Paar Schuhe seien: «Wir hätten  Schutzhunde anschaffen können. Doch wir hatten das Gefühl, es ist verantwortungslos, einem 20-jährigen Burschen, der zum ersten Mal auf dieser Alp ist, noch zwei Maremano-Hunde in Obhut zu geben», sagt er.

Konflikte mit Wanderern und Bikern

Der Hobby-Schäfer weiss, wovon er spricht: Er besitzt seit 2012 einen Sachkundenachweis für Herdenschutzhunde. Die Erfahrungen, die man auf der Alp Rosswald in jenem Sommer mit zwei Herdenschutzhunden gemacht habe, seien leider aber nicht sehr positiv ausgefallen. Es habe im Gegenteil fast jeden Tag Probleme mit den Hunden und Konflikte mit Wanderern und Bikern gegeben. Eine Bewilligung für die Haltung eines oder mehrerer Maremano-Hunden, von denen jeder 80 Kilogramm wiegt, sei zudem nur schwer zu bekommen. Die meisten seiner Kollegen wohnten wie er mitten im Dorf, und die Nachbarn würden wohl sofort Einsprache erheben.

Laut Daniel Steiner, dem Präsidenten des Oberwalliser Schwarznasenschafzuchtverbandes, haben rund 14 Prozent der Züchter wegen der Wolfproblematik aufgehört. Der Aufwand für den Herdenschutz sei vielen einfach zu gross geworden, sagt er.

Teil der Oberwalliser Identität

Für die Oberwalliser Bevölkerung ist das Schwarznasenschaf ein Teil ihrer Identität. Die Rasse ist einzigartig, und ProSpecieRara hält sie für ebenso schützenswert wie den Wolf. Das Schwarznasenschaf gilt als widerstandsfähig und ist grösser als andere Schafe, weshalb es sich besonders für die stotzigen Hanglagen im Oberwallis eignet. Seine weiche Wolle wird ebenso verarbeitet wie das Fleisch.

«Die Kinder akzeptieren, dass ein Teil der Lämmchen geschlachtet werden», sagt Pfammatters Frau. Was die Eltern der 5-jährigen Tochter und dem 7-jährigen Sohn aber nicht zumuten wollen, ist der Anblick von blutenden Lämmern, denen die Gedärme aus dem Körper heraushängen und die vielleicht Stunden lang leiden mussten. 

Wolfspaar soll Nachwuchs erhalten haben

Und - was wäre, wenn ein Wolf einmal ein Pferd oder ein Kind angreifen würde? In der Augstbordregion soll ein Wolfspaar Nachwuchs erhalten haben. Rinaldo Pfammatter und sein Bruder Renato, der den Heimbetrieb des Vaters mit 50 Kühen übernommen hat, befürchten deshalb, dass es dort diesen Sommer ein «Massaker» geben wird.

«Unsere Schafe sind aber schon auf den Frühlingsweiden nicht geschützt», blickt Pfammatter besorgt hinüber zum dreifachen Elektro-Wolfsschutzzauns, den er um das steil abfallende Wiesenbord gezogen hat, wo seit März ein Drittel seiner Schafe weiden. Ein Wolf könne einfach durch den Zaun hindurch springen, meint der Schäfer.

Zäune laut BAFU ebenfalls tauglich

Dem widerspricht Schnidrig, Chef der Sektion Wildtiere im BAFU. Die Zäune, richtig aufgestellt und elektrifiziert, seien durchaus auch ein taugliches Mittel, um Herdenschutz zu betreiben. Aber nur in den wenigsten Fällen auf den Sömmerungsalpen. Das Gelände sei dort zu weitläufig und schwierig zum Einzäunen. Hier brauche es Hirten, Umtriebsweiden und Herdenschutzhunde.

Pfammatter schaut nachdenklich Richtung Tal, zeigt auf die gegenüberliegenden Weiler und kommt zum Schluss: «Das Wallis und die Schweiz sind so dicht besiedelt. Der Wolf hat hier anders als in Alaska, Kanada oder Ostrussland keinen Platz. Wir wollen den Wolf nicht ausrotten, aber wir sind nicht das Naturreservat der städtischen Bevölkerung.»

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