28.12.2018 06:01
Quelle: schweizerbauer.ch - czb
Ziegen
Nie unter Zeitdruck enthornen
Das Enthornen von Gitzi erfordert viel Fingerspitzengefühl. Deswegen bilden der Ziegenzuchtverband und der Beratungs- und Gesundheitsdienst Züchter aus. Bei der Tierärzte-Gesellschaft stösst das aber auf Kritik.

ornstichverletzungen, namentlich im Bereich der Euter, sind schmerzhaft, arbeitsintensiv und kostspielig. Weil Milchziegen aber überwiegend in Laufställen gehalten werden, führt auf grossen Milchziegen-Betrieben häufig kein Weg daran vorbei, die Aufzuchtgitzi innert drei Wochen nach der Geburt zu enthornen. Dabei werden die Hornanlagen mit einem Brennkolben und unter Vollnarkose ausgebrannt.

Viele Jungtiere kommen im Januar und Februar zur Welt, weshalb der Schweizerische Ziegenzuchtverband (SZZV) und der Beratungs- und Gesundheitsdienst für Kleinwiederkäuer (BGK) Anfang nächsten Jahres gemeinsam organisierte Wiederholungskurse zur Optimierung der Gitzienthornung anbieten.

Ziegenzüchter, welche einen Sachkundenachweis vorweisen können, dürfen Gitzi selbst enthornen, was bei der Tierärzte-Gesellschaft auf Kritik stösst. Für sie ist nicht nur die Abgabe der dazu benötigten Narkosemittel problematisch, sondern auch die verhältnismässig grosse zu verbrennende Fläche auf dem Kopf der Tiere und die Lage des Gehirns direkt unter der Stirn, so eine Medienmitteilung der Gesellschaft Schweizer Tierärzte (GST).

Hornlose und Enthornte 

Auch Martin Knöpfel, der in Oberaach TG einen ehemaligen Kuhstall zu einem Laufstall für rund 60 genetisch hornlose und enthornte Milchziegen umgebaut hat, verfügt über einen Sachkundenachweis. Er bestätigt, dass das Enthornen von Gitzi sehr anspruchsvoll ist – darauf verzichten kann er aber nicht.

«Würde die Enthornung verboten, müssten wir zumindest eine Standortbestimmung vornehmen, die alle Optionen offenlässt», meint er. Bis zum Punkt, die Ziegenhaltung aufzugeben – obschon er dazu eigentlich schon zu viel investiert habe.

Er spricht aber von einem vertrauensvollen Verhältnis zu seinem Bestandestierarzt. Dieser ist es auch, der das Narkosemittel in exakt abgemessener Dosierung aufgrund des genauen, von Knöpfel erhobenen Gewichts in Spritzen abfüllt. «Die Dosierung ist sehr heikel und muss stimmen, weshalb die Vertrauensbasis zum Tierarzt so wichtig ist», betont Knöpfel.

Aufgrund der dünnen Schädeldecke können Gitzi nicht wie Kälber unter Teilnarkose enthornt werden, sondern nur unter Vollnarkose. Eine ruhige Hand ist unerlässlich, will man verhindern, dass der Brennkolben zu tief in den Schädel gedrückt wird. Dann gilt es mit dem geübten Auge zu erkennen, wann der gesamte Hornansatz verödet ist.

Keine Uhr dabei

Darum ist für Knöpfel besonders wichtig, sich zum Enthornen genügend Zeit zu reservieren. «Man darf nie unter Zeitdruck arbeiten, nie noch schnell vor dem Mittagessen enthornen, sondern nur bei grosszügiger Zeitreserve nach hinten, selbst wenn nur ein oder zwei Gitzi zu enthornen sind», betont Knöpfel.

Er trägt daher nicht mal eine Uhr bei sich, weder am Armband, noch in Sichtweite, noch auf dem Mobiltelefon – was nebenbei auch gewährleistet, dass er nicht durch Anrufe abgelenkt wird. Knöpfel spricht daher von «einer gefühlten halben Stunde», dass die Gitzi nach erfolgreicher Operation und nachdem sie in einer strohgefüllten Box und unter einer Wärmelampe langsam erwachen und kurz darauf schon wieder in ihre Herde integriert werden können.

 «Sie verhalten sich sofort wieder ganz normal, trinken Wasser und Milch trinken, als wäre nichts geschehen», ergänzt auch Ehefrau Nicole Knöpfel, die wenn ihr Mann enthornt immer mit dabei ist. Zwar müsse man nach der Operation noch Schmerzmittel verabreichen. «Bauern, für die eine Ziege nicht nur ein Nutztier ist, sehen, ob ein Tier Schmerzen hat oder nicht», betont Nicole Knöpfel.

Zwitter und unfruchtbar

Auf genetische Hornlosigkeit zu züchten, ist bei Gämsfarbigen Gebirgsziegen nur beschränkt, bei anderen Rassen fast gar nicht möglich. «Bei genetisch hornlosen Ziegen gibt es häufiger Zwitter und Unfruchtbarkeit als bei gehörnten Tieren», weiss Martin Knöpfel. Das bestätigt auch SZZV-Präsident Stefan Geissmann. Er ergänzt ausserdem, dass der Verband die Enthornung von Gitzi zwar nicht aktiv fördert.

«Vor allem grosse Milchziegen-Betriebe, die wirtschaftlich arbeiten, sollen aber weiterhin die Möglichkeit haben, ihre Gitzi nach allen Regeln der Sorgfalt selbst zu enthornen», fordert er, zumal ihm keine Todesfälle oder ernsthafte Komplikationen durch unsachgemäss ausgeführte Enthornung bekannt sind. Dagegen sind ihm schwere Hornstichverletzungen bekannt, von denen auch Martin Knöpfel berichtet hat. Knöpfel: «Wir hatten mal eine Ziege, der bei einem Hornstoss ein so tiefes Loch in den Bauch geschlagen wurde, dass wir sie nach einer Notoperation zwar noch weiter melken aber nicht mehr decken konnten.» 

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