27.09.2018 06:04
Quelle: schweizerbauer.ch - Heini Hofmann
Ziegen
Es darf wieder gemeckert werden
Beim Jammern über aussterbende Nutztierrassen sollte man sich bewusst sein, dass dies im Zusammenhang mit dem Konsum steht. Die Ziegen verkamen zur Marginalie der Nutztierszene. Doch das Blatt hat sich gewendet.

Die Geissen sind wieder im Kommen, ja sie sind momentan sogar die einzige Nutztierart mit Wachstumsrate. «Wenn es dir langweilig ist, so kauf dir eine Ziege!», sagt ein geflügeltes Wort. Nicht umsonst stammt der Ausdruck «kapriziös» von der Ziege (lateinisch: capra). 

Doch ausgerechnet in der Schweiz, dem Land von Heidi und Geissenpeter, hatten die Meckertiere einen schweren Stand. Ihre Gesamtzahl schrumpfte von einem einst stolzen Maximum von 420 000 Tieren im Jahre 1896 auf weniger als einen Sechstel. Nun hat sich der Bestand wieder auf über 80 000 Tiere in der Obhut von rund 8000 Haltern erhöht. Aber es fehlt der Ziegenhaltung an Unterstützung; fünf der acht einheimischen Rassen sind bereits gefährdet. 

Die Wiege der Ziege

Problematisch ist der Produkteabsatz, weil Ziegenprodukte lediglich Nischen- und Saisonprodukte sind. Dem gegenüber stehen der wirtschaftliche Druck und die Auflagen von aussen wie jene des Tierschutzes sowie die mangelnde Unterstützung durch Grossverteiler, Gastronomie und Konsumentenschaft. Das Ausland liefert Ziegenprodukte ganzjährig und billiger, allerdings wesentlich weniger tierschutzkonform erzeugt. Was «Geiz ist geil» konkret bedeutet, spüren die Ziegen unter allen Nutztieren am meisten. 

Dabei könnte Helvetien eigentlich stolz sein; es gilt als die Wiege der Ziege. Die wichtigsten Kulturrassen sind hier beheimatet, und es gibt kaum ein anderes Land auf der Welt, das Ziegenzucht betreibt und nicht schon Zuchttiere aus der Schweiz importiert hätte. Zudem weisen die Ziegen unter allen einheimischen Nutztierarten – abgesehen von Kaninchen und Geflügel – das grösste Rassenspektrum auf. 

Rassenerhalt

Zwar haben neuere Untersuchungen über den Verwandtschaftsgrad anhand von Mikrosatelliten-Analysen gezeigt, dass sich die acht unterschiedlich gefärbten einheimischen Ziegenrassen genetisch nur ganz minim unterscheiden. Trotzdem ist der Erhalt der Rassenvielfalt sinnvoll, um divergierende Veranlagungen für spätere Zuchtprogramme zu erhalten.

Dass der Schweizerische Ziegenzuchtverband, obschon die Geissen eigentlich Gebirgstiere sind, vor über hundert Jahren, 1906, ausgerechnet in Zürich, und zudem noch am 1. April aus der Taufe gehoben wurde, ist kein Aprilscherz. Der gesamtschweizerische Zusammenschluss erfolgte dann aber sage und schreibe erst 1992.

Veränderte Vorzeichen

Eine solch zentrale Organisation wie heute gab es für die Meckertiere also früher noch nicht. Die Tierzucht damals war auch nicht computergestützt, sondern eine Frage des Augenmasses. Vorläufer der Zuchtgenossenschaften waren Ziegenhalter-Genossamen und Hirtschaften, und die damaligen Zuchtbuchführer wurden respektvoll Geissvögte genannt. 

Fein säuberlich in deutscher Frakturschrift und erstaunlich ehrlich machten sie ihre Eintragungen, so beispielsweise in einem Rheintaler Rodel: «Dorli wurde nach Österreich exportiert; Grund des Verkaufs: schlechtes Milchtier». Oder sichtlich stolz wurde notiert: «Mit Hunden kämpft die schöne Flöte voller Mut durch Sprünge in den Bauch». Während heute nur noch die Milchleistung zählt, waren damals auch Schönheit und Mut gefragt. Unterteilt wurden die Geissen in verschiedene Kasten: Dieweil die Stall- oder Heimziegen als Milchlieferanten im Tal blieben, zogen die Alpen- und Hirteziegen auf die Berge, die ersteren den ganzen Sommer über, die andern mit täglicher Heimkehr.

Solch gewaltige Marschleistungen waren der Milchleistung natürlich abträglich, weshalb heutzutage die Dorf- oder Hirteziegen höchstens noch als Tourismus-Gag anzutreffen sind. Heute heisst die Realität: Nutztiere sind lebende Projektionen menschlicher Bedürfnisse und daher ständigem Wandel unterworfen. So wie im Lauf der gesellschaftlichen Entwicklung die einstigen Arbeitspferde zu Sport- und Freizeitkumpanen und die bewährten Karrer-, Metzger- und Käsereihunde von Zugtieren zu Flanierbegleitern mutierten, haben auch Ziegen eine Nützlichkeitsmetamorphose durchgemacht.

Problemkumulierung

Früher hatten die «Schmalspurkühe des armen Mannes» – als wichtige Exponenten der Selbstversorgung – für viele Arbeiter- und Bauernfamilien die Funktion der dritten Säule im Haushaltbudget. Deshalb waren ihre ökonomische Wertschätzung und ihr sozio-kultureller Stellenwert hoch. Heute sind Ziegen im landwirtschaftlichen Nebenerwerb (seltener im Haupterwerb) Lieferanten saisonaler Spezialitätenprodukte, weshalb sie auf effizientes Marketing durch ihre Interessenvertreter und solidarisches Konsumverhalten der Agglomerationsgesellschaft angewiesen sind. Doch hier hapert es.

Das hatte zur Folge, dass auch die innerlandwirtschaftliche Unterstützung schrumpfte. Der Absatz der Schlachtgitzi ist zu wenig gewährleistet, was deren Preis in den Keller treibt. Dies lässt befürchten, dass die (nicht für die Zucht benötigten) Zicklein gleich nach der Geburt getötet werden, um so die Milch baldmöglichst wieder zu nutzen. Zudem hat auch die Agrarpolitik 2011 die Ziegen stiefmütterlich behandelt. Sogar Forschung und Lehre in der landwirtschaftlichen und tierärztlichen Ausbildung dispensierten sich zunehmend vom Thema Ziege. All das führte zur Marginalisierung dieser einst von allen geliebten Tierart.

Geissen fielen durch

In der Nutztierforschung kamen die Meckertiere, wenn überhaupt, allenfalls stellvertretend fürs Rindvieh als billige «Modellkühe» zum Einsatz. Noch peinlicher: Gesamtschweizerisch sind die Ziegen, weil unrentabel, sogar aus allen Landwirtschaftsschulen verschwunden. Dabei wären gerade die Meckertiere ein besonders gutes Beispiel, um der Konsumgesellschaft aufzuzeigen, dass eine Nutztierart nur dann überlebt, wenn ihre Produkte konsumiert werden.

Doch jetzt hat sich erfreulicherweise das Blatt gewendet: Man hat gemerkt, dass die Landwirtschaft bezüglich Ziegen zu lange Wein gepredigt und Wasser getrunken hat und dass ein landwirtschaftliches Bildungszentrum nicht nur über die Haltung von Meckertieren reden, sondern diese auch aktiv vorleben muss. Zwei Landwirtschaftsschulen in klassischen «Geissenkantonen» haben nun erfreulicherweise diese Lethargie durchbrochen und haben sich wieder zu einer Ziegenhaltung entschlossen, nämlich zuerst Visp im Wallis und im Frühling 2014 dann auch der Plantahof in Graubünden.

Es wäre so einfach

Aber eben: Weil die Ziege ein Nutztier ist, lebt sie vom Absatz ihrer Produkte. Das Blatt zu wenden liegt also in der Hand einerseits der Landwirtschaft und andererseits aber auch der Konsumentenschaft und all jener, die diese mit Tierprodukten ab dem Einkaufsregal oder auf dem Esstisch bedienen respektive sie via Informationen beeinflussen. Denn vordergründiges, selbstentschuldigendes Tierschutzdenken allein genügt nicht; es bedarf – ganz besonders im Zeitalter des Geiz-ist-geil-Denkens – auch des Tatbeweises im Privathaushalt und in der Gastronomie.

Ziegenprodukte sind nun mal saisonal und müssen auch so konsumiert werden. Was sich ganzjährig an ausländischen Produkten in den Regalen der Grossverteiler findet, ist nie unter analog strengen und naturnahen Richtlinien erzeugt worden; denn ohne hormonelle Eingriffe und industrielle Methoden gibt es keine Ganzjahres-Ziegenprodukte. Ergo muss die Botschaft an die Konsumenten lauten: Einheimische Geissenprodukte kaufen und konsumieren, und zwar dann, wenn dafür Saison ist. Damit wäre sowohl den Ziegen als auch ihren Haltern geholfen. Vielleicht braucht es in diesem Land tatsächlich wieder etwas mehr Heidigeist und Geissenpetermentalität.

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