11.02.2020 17:40
Quelle: schweizerbauer.ch - Interview: Anja Tschannen
Freiberger
«Zuchtreglement für alle gleich»
Der Rückzug des Junghengstes Cartoon du Padoc vom laufenden Stationstest durch den Schweizer Freibergerverband (SFV) sorgt für Unstimmigkeiten unter den Züchtern. Die Geschäftsführerin Marie Pfammatter bezieht Stellung zu den zahlreichen offenen Fragen.

"Schweizer Bauer":Wieso wurde das Pferd Cartoon du Padoc zurückgezogen?
Marie Pfammatter: Das Reglement des Schweizer Freibergerverband bezüglich der weissen Abzeichen wurde nicht eingehalten.

Die Hengsselektion war am 11. Januar, der Start des Stationstest erfolgte am 20. Januar. Waren die neun Tage zwischen Selektion und Start des Stationstest nicht ausreichend, um das Pferd, wenn nötig zurückzuziehen? 
Es ist wahr, der Verband hat nicht reaktiv und sofort gehandelt. Das ist ein Fehler und tut uns leid. Nach der Hengstselektion gab es viele Reaktionen und Kritik, eigentlich wie jedes Jahr. Das ist nichts Neues, wenn es ums Klassement geht. Das erste Treffen des Komitees, an dem Bilanz über die Hengsselektion gezogen wird, war unglücklicherweise erst am 30. Januar. Dort wurde der Vorstand mit heftigen Diskussionen bezüglich Cartoons du Padoc überrascht. Es gibt immer Entscheide in Glovelier, die umstritten sind. Bilanz gezogen wird jeweils an der folgenden Vorstandssitzung. Und diese war auf den 30. Januar angesetzt. Es gab bis dato keinen offiziellen Antrag, das Pferd sei nicht reglementskonform.

Gemäss unseren Recherchen wurde an der Vorstandssitzung beschlossen, eine Stellungnahme mit der Entschuldigung zur «Fehlentscheidung» der Zuchtkommisson zu verfassen. Gleichzeitig sei beschlossen worden, dass Cartoon den Stationstest beenden darf. Eine solche Stellungnahme wurde nicht publiziert. Stattdessen wurde am 6. Februar eine ausserordentliche Sitzung einberufen und der Entscheid verworfen. Wieso wurde so vorgegangen? 
Es ist wahr, an der ersten Sitzung hat man zugunsten des Pferdes mit all seinen Qualitäten entschieden. Aber die Option, das Pferd zurückzuziehen, war schon in der Diskussion.

Wieso hat man sich für die zweite Option entschieden?
Der Vorstand ist verpflichtet, Reglemente und Weisungen einzuhalten. Was wäre gewesen, wenn sich der Vorstand gegen das Reglement entschieden hätte? Durch das Studium aller Reglemente sind wir auf den Punkt gestossen, dass der SFV Vorstand keine Kompetenz hat, sich über das Reglement der weissen Abzeichen zu stellen. Dies wurde von der Delegiertenversammlung 2016 in Kraft gesetzt. Wir hatten rechtlich keine andere Möglichkeit und sahen uns gezwungen, den Hengst zurückzuziehen.

Albrecht Dreier und Dominique Odiet haben den Hengst durchgewunken. Stellt der Verband mit dem Rückzug des Hengstes - trotz Experteneinschätzungen - nicht die Glaubwürdigkeit der Zuchtkommission und damit auch des ganzen SFV in Frage?
Ja, bei der Kontrolle der weissen Abzeichen hat man in Anbetracht des überragenden Eindrucks dieses Hengstes den Spielraum etwas strapaziert und die Toleranz etwas breit ausgelegt. Jedoch wurde die rechtliche Grundlage der weissen Abzeichen nicht eingehalten, was die Kläger als starkes Argument zu nutzen wussten.

Weisse Abzeichen

Weisse Abzeichen an den Gliedmassen werden bis unter die Falte des Vorderknies / Sprunggelenks akzeptiert; in Fällen, bei denen diese Limite überschritten wird, werden die Anwärter wegen übermässiger weisser Abzeichen nicht zugelassen. In diesem Fall werden die Zuchtwerte nicht berücksichtigt. 

Sondern nur in dem Fall:

• Wenn die weissen Abzeichen an den Gliedmassen die Falte des Vorderknies / Sprunggelenks erreichen, wird der Zuchtwert (ZW) einbezogen. Wenn er unter oder gleich 120 ist, kann das Pferd zugelassen werden. Wenn hingegen der ZW 120 übersteigt, wird der Anwärter wegen übermässiger weisser Abzeichen ausgeschlossen. 

Siehe auch Reglement "Weisse Abzeichen" in den Downloads

Chantal Juillard wurde als Vize-Präsidentin an der zweiten ausserordentlichen Vorstandsitzung bei den Diskussionen und der Abstimmung über den Ausschluss von Cartoon vor die Tür gesetzt. Schlussendlich wurde sie mit vollendeten Tatsachen konfrontiert. Ist ein solches Vorgehen üblich und gerechtfertigt?
Es ist doch üblich in einem Kollegialgremium, dass Direktbetroffene bei Geschäften in den Ausstand treten. Die Familie Juillard wurde aber in keiner Weise diskreditiert in dieser Diskussion.

Wie steht der SFV zur sofortigen Demission des Präsidenten der Zuchtkommission?
Es ist sehr schade. Niemand wollte das so. Albrecht Dreier wurde auch nicht zu einem solchen Schritt gedrängt. Die Entscheidung, per sofort zu demissionieren, hat er selbser getroffen. Der SFV verliert einen weitsichtigen Kenner der Freiberger-Rasse, der stets zum Wohle der Freibergerzucht gehandelt hat. 

Wie steht der SFV zur Demission des Präsidenten der Förderungs- und Vermarktungskommission?
Das hat nichts mit der Geschichte rund um Cartoon du Padoc zu tun. Er hat die Demission bereits vor den Diskussionen bekannt gegeben und wird sein Amt auch noch ordnungsgemäss bis zur Delegiertenversammlung am 16. April ausüben.

Wie sieht es nach einem solchen Vorgehen des Vorstandes mit der Glaubwürdigkeit gegenüber den Züchtern aus?
Frage zurück: Wie würde es mit der Glaubwürdigkeit gegenüber den Züchtern aussehen, wenn sich der Vorstand gegen geltende Reglemente, Weisungen und Bestimmungen widersetzen würde? Meiner Meinung nach ist es sehr schade für das Pferd, die Rasse und auch das Image, dass es dazu gekommen ist. Die Botschaft des Vorstandes an die Züchter ist jedoch klar. Es wird dadurch ein Zeichen gesetzt, nämlich, dass das Zuchtreglement für alle gleich ist und gilt, auch für dieses sehr schöne Pferd. Es ist wichtig, das Reglement durchzusetzen, schon nur aus Respekt gegenüber all denen Züchtern, deren Pferde jemals wegen zu viel Weiss zurückgewissen worden sind.

Ist das Vorgehen und Handeln des SFV im Falle Cartoon du Padoc angemessen und angebracht?
Wir haben einen Fehler gemacht und dürfen diesen nicht kleinreden. Ob es eine gute Entscheidung war, Cartoon zu disqualifizieren, darüber lässt sich streiten. Aber es ist für die Zucht und den Verband die richtige Entscheidung. Für das Pferd ist es schade. Auch für die Züchter ist es schwierig, vor allem weil der Entscheid so spät kommt. Wichtiger ist sich aber nun die Frage zu stellen, was man machen kann, damit so etwas nie wieder passiert.

Und was?
Der Verband muss reaktiver werden. Die erste Kommissionssitzung muss künftig noch vor dem Start des Stationstestes gemacht werden. Und der enorme Druck auf die Leute, die in Glovelier arbeiten, namentlich die Zuchtkommission, muss eliminiert werden. Dass das darf so nicht weitergehen. Wir wissen aber noch nicht, wie wir das am besten lösen. Aus diesem Grund zieht der Verband in Erwägung, dass Selektionieren betreffend Grösse und weisse Abzeichen in Zukunft von externen Experten (beispielsweise Veterinär, Richter anderer Rasse oder dergleichen) beurteilen zu lassen. Dazu wird sich der Vorstand mit dem Thema beschäftigen. Sobald ein entsprechender Vorschlag vorliegt, wird es an die Züchterschaft kommuniziert.

Was geschieht jetzt mit dem Pferd?
Die Besitzer wurden über den Entscheid schriftlich informiert und aufgefordert, das Pferd abzuholen. Sie weigern sich aber, bis geklärt ist, wer die Kosten trägt.

Was für Kosten?
Jeder Hengstbesitzer trägt die Kosten, die während des Stationstest (40 Tage) anfallen selber. Die Kosten sind je nach Pferd sehr individuell. Zu den fixen Kosten für die Pension von 50 Franken pro Pferd und Tag kommen variable Kosten für tierärztliche und genetische Untersuchungen dazu. Der SFV ist gewillt mit die Familie Juillard eine einvernehmliche Lösung zu suchen.

Wie sehen Sie die Zukunft des SFV?
Das ist meine ganz persönliche Meinung und ich kann nicht für meine Arbeitskollegen sprechen. Eine solche Geschichte darf nie wieder vorkommen. Ich bin überzeugt, dass diese Geschichte rund um Cartoon du Padoc auch eine Chance und Möglichkeit ist, um nach vorne zu schauen und Anpassungen vorzunehmen. Die Anpassungen müssen aus der Basis kommen. Ich würde mir wünschen, dass die Streitereien, die Missgunst, der Neid, dass all die negative Energie genutzt würde, um gemeinsam in die gleiche Richtung zu schauen und die Rasse vorwärts zu bringen. Denn wir haben schlussendlich alle die gleiche Leidenschaft, die uns verbindet: das Freibergerpferd. 

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