22.05.2020 07:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Dominik Senn
Pferde
Die Renaissance der Pferdestärke
Erstmals in der Schweiz werden diesen Sommer physische Veränderungen bei Belastungen an Arbeitspferden untersucht. Vorab war eine Auswahl aus vier Pferdemähern zu treffen, welche im Feldeinsatz standen.

«Hüscht» und «Hott» und «Brr», mal ein Tätscheln der acht eingespannten Freibergerpferde, unterlegt vom unaufdringlichen Rattern von vier Pferdemähern der Marken Aebi und Bucher, dazu Rufen und Scherzen der vier Fuhrleute: So hörte sich der Arbeitseinsatz beim Mähen von sechs Hektaren Grasland auf dem Gutsbetrieb Chlosterhof des Stifts in Olsberg AG mit Pächter Ernst Rytz an.

Charakteristisch: Die Fröhlichkeit, Zufriedenheit und Genugtuung ob der Beherrschung der prächtig anzusehenden Gespanne und der Maschinen, Letztere zum Teil Originale aus der Vorkriegszeit.

Was geschieht?

Das Stelldichein der Fuhrleute – mit «Corona-mässig korrekter Abstandswahrung – war von Rytz als Präsident der Interessengemeinschaft Arbeitspferde (IGA) und der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (Hafl) in Zollikofen BE einberufen worden und hatte trotz augenscheinlicher Gemütlichkeit einen ernsten Hintergrund: Es galt, im Hinblick auf eine diagnostische Untersuchung der Arbeit der Pferde für eine Hafl-Masterarbeit diesen Sommer zwei der vier Pferdemäher auszusortieren. 

Zahlreiche Proben

Bei diesem Versuch werden nicht nur mittels Kraftsensoren Zugkräfte gemessen, sondern mittels Blutentnahmen an den Zugtieren Laktosegehalt und Sauerstoffanteil bestimmt und damit die Reaktion auf bestimmte physische Anstrengungen und deren Verarbeitung getestet. Dafür werden zweimalig Proben vor, während und unmittelbar nach sowie 24 Stunden später genommen und ausgewertet.

«Es ist meines Wissens das erste Mal, dass in der Schweiz untersucht wird, was bei Zugarbeiten mit dem Pferd selber geschieht und nicht nur mit der Technik», sagt Rytz.

Auf Resultate gespannt

«Auf die Resultate dürfen wir gespannt sein, denn es geht um zweierlei: die Erkenntnisse in geeignete Technik für Pferdezugmaschinen einfliessen zu lassen und zweitens uns Pferdeliebhabern die verbriefte Gewissheit zu verschaffen, dass die Pferde nicht überbeansprucht werden.» Das Pferd sei Triebkraft der technischen Entwicklung in der Landwirtschaft gewesen, aber jener schliesslich selbst zum Opfer gefallen, erinnert Rytz.

Ab den Dreissigerjahren bis in die Siebzigerjahre habe allein Aebi rund 32000 Pferdemäher hergestellt, Bucher an die 28000, zusammen mit den Marken Fahr und McCormick seien so über 60000 Pferdemäher im Einsatz gewesen, also fast auf jedem Bauernbetrieb einer. 

Nach etwas über drei Stunden reiner Mähzeit waren die sechs Hektaren mit leichter bis mittlerer Hangneigung abgemäht. Gemäss Rytz schafft ein Mäher von 1,95m Arbeitsbreite eine Hektare in rund anderthalb Stunden, ein solcher mit 1,35m benötige bereits etwa drei Stunden. Das «Rennen» machten ein Bucher mit 1,5-m-Hochschnittbalken und ein Aebi mit 1,9-m-Doppelmesserantrieb; ein Aebi mit Pneurädern statt Eisenstollenrädern hatte zu viel Schlupf und ein Bucher mit Hochschnittbalken verlangte dem Gespann vergleichsweise zu viel an Zugleistung ab.

Die beteiligten Fuhrleute stammen übrigens aus fast allen Landesteilen: Meinrad Imbach aus Uster ZH ist seit 25 Jahren eigenständiger Kutscher, Marcel Jäggi aus Winterthur ZH ist Spezialist fürs Holzrücken und Manfred Flückiger aus Zäziwil BE hält regelmässig sechs Arbeitspferde auf Trab. Voller Eifer war zudem der junge Samuel Gugolz aus St. Gallen dabei, der für ein Jahr bei Rytz die Fuhrhalterei lernt.

IG Arbeitspferde

«Das Ziel der 1992 gegründeten IGA ist es, dem Arbeitspferd sowohl in Forstwirtschaft und Landwirtschaft als auch im Tourismus, in der Pflege von Naturräumen, bei Gemeindearbeiten, in der Armee und Polizei, bei pferdegestützten Therapien und Wiedereingliederungen von Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen usw. wieder zu einem höheren Stellenwert zu verhelfen», sagt Rytz.

Den Anschluss an technische Entwicklungen sichert sich die IGA durch die Mitgliedschaft in der Fetcu, der entsprechenden Vereinigung aus 14 Ländern Europas. In der Landwirtschaft kommen alle Bereiche infrage: Mähen, Pflügen, Hacken, Unkrautbekämpfung, Eggen, Düngerausbringung usw. Zur Nachhaltigkeit der Pferdehaltung – das Pferd besorgt sich mit der Arbeit seinen «Treibstoff» selbst – trage auch die gegenüber Traktorenzügen und selbstfahrenden Landmaschinen geringe Bodenverdichtung und damit der erosionsschonende Wasserhaushalt bei.

Ökonomische Vorteile

Auch ökonomisch seien Arbeitspferde im Vorteil: Eine Hektare mähen mit Traktor koste rund 100 Fr., mit Pferdemäher die Hälfte. Das Kohlenstoff-Einsparpotenzial gegenüber einem motorisierten System beträgt (gemäss Agroscope Transfer/Nr. 217 von 2018) für Abfallsammlungen 35%, Holzrücken 30%, Gemüsebau 90%, Mähen von Rasenflächen 40%, Personentransport 60% und für Unterhalt von Grünanlagen 30%. Maschinelle Fixkosten wie Einlösen, Vorführen, Service und Reparaturen fallen dahin. Die Pferdehaltung, inklusive Hufschmied und Futter, belaufe sich auf rund 2500 Franken im Jahr – bei geringen Anschaffungskosten von wenigen Tausend Franken für einen Freiberger. Dass die IGA im Aufwind ist, zeigt auch der Mitgliederbestand: Er hat sich seit acht Jahren verdoppelt. Das Durchschnittalter ist im gleichen Zeitraum von 58 auf 49 Jahre gesunken.

Auf dem 35-ha-Biobetrieb von Ernst Rytz mit Mutterkuhhaltung und fünf Pferden sind 35% ökologische Ausgleichsflächen und jeweils rund 17 ha unter dem Pflug; ein Arboretum mit 50 Kirschbäumen und ein Sortenbaumgarten mit gegen 130 Obstsorten sowie Schweine- und Hühnerhaltung und eine Nusspresse (Kaltpressung mit Schalen) vervollständigen den Betrieb.

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