20.09.2018 08:45
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Niederlande
Wo die Kühe baden
Die Leserreise des «Schweizer Bauer» führte in den nördlichen Teil Mitteleuropas. In Holland wird die Milchproduktion optimiert. So auch auf dem Betrieb der Familie Stokman. Dank einem speziellen Konzept gilt sie als Vorzeigebetrieb. -> Mit Video

Wasser, Kanäle, grüne Wiesen und viele Kühe – das ist typisch für die Provinz Friesland im Nordosten der Niederlande. Das hektische Treiben der grossen Städte wie Amsterdam, Rotterdam, Den Hag oder Utrecht ist weit weg. 

In Koudum, einem rund 2'700 Einwohner zählenden Dorf, befindet sich der Milchwirtschaftsbetrieb der Stokman. Die Familie hatte nebst den zahlreichen Gruppen aus der Landwirtschaft einen hohen Besuch auf ihrem Hof. Königin Maxima schritt im September 2015 durch die Stallungen und schaute sich das Konzept der Bauernfamilie genau an. 

«Einkaufsgemeinschaft» beim Roboterkauf

Die Geschichte der Familie reicht bis in die 1960er-Jahre zurück. 1964 siedelte Anton Stokmanns Vater nach Westfriesland und legte den Grundstein des Betriebes. 1978 wurde der Stall erstmals neu gebaut. 1985 übernahm der Sohn den Betrieb des Vaters. Anton Stokman weitete die Milchproduktion rasch aus und vergrösserte die Herde auf 120 Kühe. Gemolken wurde noch in einem 2x6 Fischgerätemelkstand. 

1996 wollte der findige Bauer seinen Betrieb weiter optimieren. Deshalb wollte er sich zwei Melkroboter anschaffen. «Doch diese waren zu teuer. Deshalb suchte ich andere Landwirte. Zusammen kauften wir 10 Roboter von Lely und realisierten einen besseren Preis», erklärt Stokman mit einem Lächeln.

Wasserteich und Hügel


11 Jahre später folgte ein grosser Schritt für den Betrieb. Der Stall wurde neu gebaut und wies nun 300 Plätze auf, aufgeteilt in zwei Teile mit je 150 Tieren. Neu stehen vier Melkroboter auf demHof. Auch bezüglich Tierhaltung ging er für die Niederlande neue Wege. «Was gut für die Kuh ist, ist auch gut für den Bauern», lautet das Motto des Milchbauers. Die Kühe der Stokmans können selbst entscheiden, was sie tun möchten. So können sie während 120 Tage auf die Weide, sie haben auch freie Wahl beim Melken – bis maximal 5 Mal pro Tag können sie den Roboter aufsuchen. 

Daneben steht den Kühen auch ein Bad zur Verfügung. Der Einstieg wird mit einer flachen Rampe erleichtert. Der Teich ist bis zu einem Meter tief. Gehen die Kühe wirklich ins Wasser? «Ja, natürlich. Aber nicht alle Tiere lieben das Nass», weiss Stokman. Daneben hat er auf einer Weide einen Hügel mit dem Aushub des Stalles errichtet. Offenbar mögen die Kühe die Erhöhung. Die Spuren und Wege auf dem Hügel sprechen eine deutliche Sprache.

40% weniger Ammoniak

Im Stall sind die die Boxen mit einem Wasserbett ausgestattet. So benötigt der Bauer gemäss eigenen Angaben weniger Einstreumaterial. Und wichtiger: Das Tierwohl wird erhöht, Knie und Sprunggelenkte sind besser vor Verletzungen und Abnützung geschont. Halbjährlich werden die Klauen geschnitten, zudem betreten die Holsteinkühe einmal wöchentlich ein Klauenbad. Mit Mortellaro habe er keine Probleme, versichert Stokman. Wichtig für die Tiere ist auch die Zufuhr von frischer, aber zugfreier Luft. 

Bezüglich Emissionen hat die Bauernfamilie einiges getan. Die Spalten des Spaltenbodens sind mit einer Art überlappenden Plastikkappen verschlossen. Diese schliessen, sobald Kot und Harn in die Grube unter dem Stall durchgeflossen sind. Dadurch konnten die Ammoniak-Emissionen um über 40% reduziert werden. Der gerillte Untergrund hat zudem den Vorteil, dass die Tiere weniger ausrutschen.

Vorzeigebetrieb

Die Milch von Anton Stokman geht an die Molkerei FrieslandCampina und wird dort unter anderem zum McDonalds-Produkten verarbeitet. Dank der Reduktion von Emissionen und der Erhöhung des Tierwohls wurde der Betrieb vom Fast-Food-Unternehmen als Flagship-Betrieb (Vorzeigebetrieb) ausgezeichnet.

4 Laktationen

Um die Effizienz auf dem Betrieb weiter zu erhöhen, sind die Kühe mit einem GPS-Sender mit eingebauten Mikrofon ausgestattet. Nebst den Tritten wird so auch aufgezeichnet, wie oft eine Kuh wiederkaut und wie viel sie wiegt. Bei jedem Melken werden Farbe, Temperatur, Fett, Protein, Laktose, Leitfähigkeit und Zellzahl in der Milch bestimmt. Die Kühe werden hauptsächlich mit Gras- und Maissilage gefüttert. Nach der Computeranalyse wird die Grundration für jede Kuh mit Kraft- und Leistungsfutter ergänzt.

Eine Kuh erreicht im Schnitt vier Laktationen. Die weiblichen Kälber werden zwei Wochen nach der Geburt auf einen Aufzuchtbetrieb gebracht. Kurz vor dem Kalben, nach 24 Monaten, kehren sie zurück. Für die Zucht werden nur die Rinder eingesetzt. Diese werden mit gesextem Sperma belegt. «Die Kühe besamen wir nur mit Mastrassen», erklärt Stokman. Diese Jungtiere verlassen den Betrieb ebenfalls nach 2 Wochen.

«Wir konkurrieren weltweit»


Auf 100 der 135 ha Landwirtschaftsfläche wächst Gras. Davon sind rund 40 ha Weide. Den Betrieb führt er zusammen mit seinem Sohn Arjan. Zudem haben sie einen Angestellten. Die durchschnittliche Milchleistung liegt bei etwas weniger als 9'000 Kilo. Die Jahresproduktion beträgt somit rund 2.7 Millionen Kilo Milch. Die Milch wird von FrieslandCampina alle 3 Tage abgeholt. Der Preis liegt derzeit bei rund 35 Cent. Der Weidezuschlag beträgt 1.5 Cent, dazu gesellt sich ein Zuschlag von einem Cent pro Kilo für GVO-freie Fütterung. Die Produktionskosten liegen bei etwa 34 Cent pro Kilo.

65 Prozent der Milch exportiert

Nur 35 Prozent der rund 14 Milliarden Kilo Milch bleiben in den Niederlanden. 65 Prozent der Produktion wird exportiert. 45 Prozent der Milch wird nach Europa ausgeführt, hauptsächlich nach Deutschland, Belgien und Frankreich. 20 Prozent der Milch wird in Form von Produkten nach China. Saudi-Arabien und in die USA ausgeführt.

Anton Stokman versucht die Produktion stetig zu optimieren. «Wir konkurrieren weltweit. Wir müssen es besser machen als die Bauern auf der ganzen Welt», betont der Milchbauer. Die Idee, zusammen weniger Milch zu produzieren, ist für ihn keine Option. «Ich bin der Überzeugung, dass wir der Weltbevölkerung nur mit erschwinglichen und nachhaltigen Lebensmitteln helfen können, indem wir ständig das beste verfügbare Wissen verwenden», lautet Stokmans Credo.

Milchproduktion mit Phosphatquoten beschränkt

In den Niederlanden gibt es noch rund 17000 Milchwirtschaftsbetriebe. Mit 300 Kühen gehören die Stokmans zu den grössen Produzenten des Landes. Der durchschnittliche Betrieb hat 80 bis 90 Kühe. Nur 560 Bauen haben mehr als 200 Kühe. Mit dem Quotenende im April 2015 haben die Bauern die Milchmenge massiv ausgedehnt. Lag die Produktion 2014 noch bei 12.5 Mrd. Kilo, so schossen die Milcheinlieferung mit 13.3 Mrd. Kilo in die Höhe. 2016 lag die Produktion bei 13.9 Mrd. Kilo, 2017 gar bei 14.3 Mrd. Kilo. Im ersten Halbjahr 2018 ist die Produktion gesunken.

Dies ist eine Folge der Phosphatregelung. Kurz vor Weihnachten 2017 hat gemäss Topagrar die EU-Kommission den holländischen Milchviehhaltern den Handel mit Phosphatrechten genehmigt. Das neue System ist am 1. Januar 2018 gestartet. Die Milchviehbetriebe erhielten kostenlose Phosphatrechte, deren Höhe sich an der Zahl der am 2. Juli 2015 gehaltenen Milchkühe orientiert. Mit den Massnahmen will die niederländische Regierung den Phosphatausstoss der heimischen Milchproduktion begrenzen und die Wasserqualität verbessern. Will ein Bauer die Produktion ausdehnen, muss er Phosphatrechte kaufen. Pro Kuh liegt der Preis bei 10'000 Euro. Für eine Milchkuh muss der Bauer jedoch «nur» rund 1500 Euro bezahlen. «Statt mit Quoten wird die Milchproduktion nun mit Phosphatrechten beschränkt», moniert Anton Stokman.

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