6.03.2014 07:09
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Meier
Milchproduktion
Weiden und Eingrasen — bringts das?
Viele Milchviehhalter lassen ihre Kühe tagsüber oder in der Nacht auf die Weide. Parallel dazu grasen sie ein. Dieses Verfahren wird nun in einem Systemvergleich unter die Lupe genommen. Als Referenz dient die Vollweide.

70 Kühe der Rassen Brauvieh, Holstein und Swiss Fleckvieh stehen im Stall des Gutsbetriebs des Berufsbildungszentrums Natur und Ernährung (BBZN) in Hohenrain LU. Seit Anfang 2014 sind sie in drei Herden unterteilt, die Betriebsleiter Josef Estermann separat füttert.

Der Grund ist ein neuer Systemvergleich. Schon 2008 bis 2010 wurden am Hohenrain die beiden Milchproduktionssysteme Vollweide und Stallfütterung verglichen. «Damals resultierte mit der Vollweideherde ein Arbeitsverdienst von 25 und mit der Leistungsherde einer von 16 Franken pro Stunde», blickt Hansjörg Frey zurück. «Bei grösseren Herden würde die Hochleistungsstrategie allerdings besser abschneiden.»

Vollweide selten möglich

Der Lehrer und Berater am Hohenrain zog damals allerdings noch eine andere Bilanz: «Die meisten Schweizer Milchviehhalter bewirtschaften keine arrondierten Betriebe. Vollweide ist für sie keine Option.» Im neuen Systemvergleich wird deshalb eine weit verbreitete Produktionsweise mit einbezogen: Tag- oder Nachtweide, kombiniert mit Eingrasen.

Konkret werden drei Systeme verglichen:

  • Vollweide mit saisonaler Abkalbung. Die Kühe sind im Dezember und im Januar galt und werden mit Ökoheu gefüttert. Ab der Abkalbung bis zum Weidebeginn erhalten sie Grasssilage, in der Vegetationsperiode wird nur geweidet.
  • Weide und Eingrasen, maximal 150kg Kraftfutter pro Kuh und Jahr. Weide entweder am Tag oder über Nacht, kombiniert mit Eingrasen. Die Ration im Winter besteht aus einem Drittel Maissilage, einem Drittel Grassilage und einem Drittel Heu. Die Kühe erhalten nur in der Startphase ein Energieausgleichsfutter.
  • Weide und Eingrasen, maximal 1000kg Kraftfutter pro Kuh und Jahr. Weide, Eingrasen und Winterration wie oben, aber die Kühe erhalten ganzjährig zusätzlich ein Proteinausgleichsfutter.

«Die Vollweide und die Variante mit maximal 150kg Kraftfutter erfüllen die Anforderungen an die graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion (GMF)», hat Frey ausgerechnet, «unseren Systemvergleich haben wir allerdings vor Bekanntgabe der AP 14—17 geplant.»

Je 12ha Hauptfutterfläche

Auf dem Gutsbetrieb Hohenrain werden die drei Herden bereits nach den neuen Vorgaben gefüttert. In jeder Herde sind braune, rote und schwarze Kühe. Bezüglich Zuchtwert Milch sind die Herden vergleichbar. Jeder stehen 12ha Hauptfutterfläche zur Verfügung. Bei der Vollweideherde wächst auf dieser ausschliesslich Gras, bei den anderen beiden Herden noch 1ha Silomais. Die Futterflächen bleiben über drei Jahre den Herden zugeordnet.

«Wenn die Futterfläche nicht ausreicht, muss ich die Anzahl Kühe reduzieren», sieht Josef Estermann eine grosse Herausforderung. Er ist gespannt, wie sich die unterschiedliche Kraftfuttermenge auf die Weideleistung und den Grundfutterverzehr auswirken wird: «Es könnte schon sein, dass die Kühe, die mehr Leistungsfutter erhalten, das Gras weniger sauber abweiden.»

Arbeitswirtschaftliche Fragen

Hansjorg Frey hat derweil andere Fragen im Visier: «Wir wollen die drei Systeme bezüglich Effzienz und Arbeitswirtschaftlichkeit vergleichen. Weitere Kriterien sind die Nachhaltigkeit und die Sozialverträglichkeit.» Gerade arbeitswirtschaftliche Fragen seien auf dem Gutsbetrieb aber schwer zu beantworten: «Wenn drei Herden im selben Stall stehen, können die Arbeitsstunden beim Füttern oder Melken nicht exakt einer Herde zugeordnet werden. Deshalb wollen wir noch andere Betriebe in den Systemvergleich einbeziehen und suchen nun 36 Bauern, die am Versuch teilnehmen und eines der Verfahren über drei Jahre anwenden wollen.»

Der Systemvergleich wird durchgeführt vom BBZN und der HAFL in Zusammenarbeit mit Agroscope, dem Inforama, dem BBZ Arenenberg TG, den  SMP  und dem Bund.

36 Pilotbetriebe gesucht

Gesucht werden 36 Pilotbetriebe in den Regionen Bern, Luzern und Thurgau: pro Region je vier für jedes der drei Verfahren. Interessierte Vollweidebetriebe dürfen heute maximal 300kg KF pro Kuh und Jahr füttern. Wer bei Weide/Eingrasen/150kg KF mitmacht, sollte nicht mehr als 500kg KF pro Kuh und Jahr füttern. Für die Variante mit 1000kg KF muss der momentane KF-Verbrauch pro Kuh und Jahr zwischen 800 und 1200kg liegen. Die Betriebsleiter werden dreimal im Jahr besucht und erhalten im Gegenzug Auswertungen zu Fütterung, Tiergesundheit, Futterbau, Produktionskosten sowie Betriebs- und Arbeitswirtschaft. sum

Weitere Informationen sind erhältlich bei Franziska Akert, Telefon 031 910 29 67, franziska.akert@bfh.ch

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