6.07.2016 08:55
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Deutschland
Verbot für Milch euterkranker Kühe
Nach Ansicht von Wissenschaftler Albert Sundrum sollte Rohmilch mit mehr als 400'000 Zellen pro Milliliter im Tagesgemelk nicht vermarktet werden dürfen. Dies entspricht rund ein Zehntel des heutigen Milchaufkommens. Er übt scharfe Kritik an Agrarökonomen und ihrem Vertrauen in den Markt.

Für die Einführung von strengeren Qualitätskriterien bei der Milchproduktion hat sich der Nutztierwissenschaftler Prof. Albert Sundrum von der Universität Kassel ausgesprochen. So könnten der Milchpreis stabilisiert und gleichzeitig unerwünschte Nebenwirkungen für Umwelt und Tiere reduziert werden.

Milchangebot schlagartig reduzieren

Sundrum schlägt vor, die Politik sollte die Milch von Kühen, die „nachweislich aus einem erkrankten Euter stammt“, vom Markt zu nehmen. Dadurch könnte die aktuelle Angebotsmenge schlagartig reduziert werden, hielt der Tiergesundheitsexperte vergangene Woche in einer Pressemitteilung fest.

Konkret sollte sich nach seinem Vorschlag die Mehrheit der Politiker darauf verständigen, dass die Milch von Kühen, die mehr als 400'000 Zellen pro Milliliter im Tagesgemelk aufweise und die damit nachweislich aus einem erkrankten Euter stamme, vom Markt zu nehmen sei. Bei dieser Grenze müsste schätzungsweise die Milch von bis zu 10% der Milchkühe vom Markt genommen werden.

Durchhalteparolen nicht hilfreich

Statt weiterhin einen ruinösen Wettbewerb um die geringsten Produktionskosten zu befördern, sei es an der Zeit, einen Wettbewerb um die besseren Produkt- und Prozessqualitäten einzuleiten, erklärte Sundrum. Was bisher von Seiten der Politik an Qualitätsinitiativen auf den Weg gebracht werde, zum Beispiel die Tierwohl-Initiative, laufe unter anderem deshalb ins Leere, weil sie den Wettbewerb zwischen den Betrieben um qualitativ höhere Leistungen explizit ausschliesse.

Den Agrarökonomen anderer Universitäten, die sich kürzlich in einem Papier strikt gegen staatliche Markteingriffe und für einen „marktwirtschaftlichen Weg zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise“ ausgesprochen hatten, wirft Sundrum vor, „mit vagen Durchhalteparolen“ den Kräften des Marktes zu vertrauen und darauf zu setzen, dass vorrangig diejenigen Betriebe überdauern würden, welche am kostengünstigsten produzieren könnten.

Milchpreise steigen langfristig nicht an

Betriebsaufgaben aufgrund nicht kostendeckender Marktpreise seien in der Landwirtschaft genauso unvermeidlich wie in anderen Branchen, räumt der Nutztierfachmann ein. Allerdings spricht ihm zufolge sehr viel dafür, dass auch langfristig die Milchpreise nicht wesentlich ansteigen werden.

Laut Sundrum sind die Produktionskapazitäten weltweit derart ausgeweitet worden, dass jeglicher Preisanstieg schnell wieder abflachen dürfte, sobald der in Reaktion darauf erfolgende Anstieg der Produktion höher ausfällt als der Zuwachs bei der Nachfrage. Durchhalteparolen seien folglich weder begründet noch hilfreich. Vielmehr verhinderten sie eine grundlegende Analyse der Hintergründe und die dringend erforderlichen Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, welche diese Entwicklung überhaupt erst hervorgebracht hätten.

Markgläubige ignorant

Nach Ansicht von Sundrum ignorieren die Befürworter einer marktwirtschaftlichen Anpassung, dass der Markt auch in der Vergangenheit viele Betriebe nicht daran gehindert hat, sei es aus Gründen der Pfadabhängigkeit oder der Alternativlosigkeit, in der Produktion zu bleiben, auch wenn sie diese nicht so kosteneffizient wie Mitkonkurrenten realisieren konnten. Vor allem aber ignorierten Marktgläubige, dass der Wettbewerb in einem nicht länger hinnehmbaren Mass auf Kosten von unerwünschten internen und externen Effekten ausgetragen werde.

Wenn schon Betriebe aufgeben müssten, dann sollten es dem Kasseler Wissenschaftler zufolge vorrangig solche sein, die ihre Produktion auf Kosten von Gütern des Gemeinwohls praktizieren. Bereits heute trage die Milchviehhaltung in einem erheblichen Mass zur Umweltbelastung bei. Schon jetzt werde mehr als jede zweite Kuh mehr als einmal pro Jahr krank, und schon jetzt würden die Bürger Milch von Tieren trinken, die zu einem hohen Anteil subklinisch euterkrank seien. Nicht kostendeckende Preise und der forcierte Strukturwandel würden diesen Trend noch weiter verschärfen.

Die Agrarökonomen, die für einen Marktkurs plädieren, müssen sich laut Sundrum der Frage stellen, welchen Sinn es machen soll, wenn Betriebe, die Milch mit schlechten Produkt- und Prozessqualitäten erzeugen, weiterproduzieren können, während andere, die hochwertige Milch produzieren, ausscheiden müssen.

Hier gehts zum Originaldokument

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE