28.07.2015 06:14
Quelle: schweizerbauer.ch - AgE
Deutschland
Milchkühe werden nicht „verheizt“
Der in dem ARD-Fernsehbeitrag Exclusiv im Ersten: „Verheizt für billige Milch - Das Leiden der deutschen Turbokühe“ erhobene Vorwurf, wonach Milchkühe auf den Höfen „verheizt“ würden, hat der Deutsche Bauernverband (DBV) zurückgewiesen.

In seinem „Faktencheck“ stellt der DBV fest, dass die Kühe der beiden Hauptrassen Holstein-Friesian und Fleckvieh 2014 im Schnitt rund 9'000 kg beziehungsweise 7'400 kg Milch gaben. Damit habe sich die Milchleistung in den letzten zehn Jahren bei den Holstein-Kühen um rund 8% und bei den Fleckviehkühen um rund 11% erhöht. Im Gegenzug sei das durchschnittliche Alter bei beiden Rassen trotz gestiegener Leistung stabil geblieben.

Milchleistung und der Krankenstatus nicht voneinander abhängig

Das sei zum einen das Resultat einer verstärkten Zucht auf Fitness, zum anderen sei dieses Ergebnis durch sorgfältiges Herdenmanagement und einen höheren „Kuhkomfort“ erreicht worden. Untersuchungen von Milchviehherden aus Mecklenburg-Vorpommern zeigen laut DBV zudem, dass die Milchleistung und der Krankenstatus nicht voneinander abhängig sind. Die Landesanstalt für Landwirtschaft und Fischerei (LALLF) in Mecklenburg-Vorpommern habe mit einem umfassenden Datensatz, weltweit einem der Genauesten, aufgezeigt, dass mit höherer Herdenleistung Kühe sogar länger gemolken und damit auch älter würden.

DBV-Vizepräsident Udo Folgart wies in der Sendung ebenfalls die These des Fernsehreporters Edgar Verheyen zurück, wonach die Kühe heute unter einem höheren Krankenstand leiden würden. Leistungsfähige Kühe seien nicht häufiger krank. „Mit höherer Herdenleistung nimmt sogar die Nutzungsdauer der Kühe zu. Die verschiedenen Auswertungen beweisen, dass Kühe, die mehr Milch gaben, sogar gesünder sind als Kühemit geringerer Leistung“, hob Folgart hervor. Die durchschnittliche Lebensdauer der Kühe sei unverändert geblieben.

Gut 80 Prozent der Milchbauern gaben auf

Der DBV-Milchpräsident betonte ausserdem gegenüber dem SWR, dass es dagegen einen erheblichen Strukturwandel bei den Betrieben gegeben habe. In der Zeit der staatlichen Milchquote hätten seit 1984 mehr als 80 % Prozent der Milchbauern ihre Milchproduktion aufgegeben. Der Tierbestand habe demgegenüber heute mit rund 4,3 Millionen Kühen wieder das Niveau von Anfang der 2000er Jahre erreicht.

Folgart wies ausserdem darauf hin, dass sichdie Zuchtziele bei den Kühen in den letzten Jahren sehr verändert hätten. Heute werde auf Robustheit, Nutzungsdauer, Fruchtbarkeit, Eutergesundheit und auf Hornlosigkeit gezüchtet. Im Zuge der Spezialisierung der Betriebe sei in früheren Jahren in der Züchtung zunächst sehr auf Milchleistung geachtet worden. „In den vergangenen Jahren hat ein Umdenken eingesetzt, so dass Tiergesundheit und Lebensdauer heute im Vordergrund unserer Zuchtwertschätzungen stehen“, erklärte Folgart.

Er verwies darüber hinaus auf die Fortschritte bei der Haltung der Kühe. Die heutige Haltung in komfortablen Laufställen mit modernen Melkanlagen sei deutlich tier- und umweltgerechter als die Haltungsbedingungen früherer Jahre. Die jährlichen Investitionen in Stallbauten in Milliardenhöhe seien für das Tierwohl, die Tiergesundheit und die Arbeitserleichterung eingesetzt worden.Mit der Spezialisierung und damit Professionalisierung seien die Erkenntnisse über die optimale Haltung und Fütterung der Kühe erheblich verbessert worden.

Drei Viertel der Milchkühe in Laufställen

Der Rheinische Landwirtschafts-Verband (RLV) warf der ARD einen „pauschalen Rundumschlag“ vor. Unter anderem sei ausgeführt worden, „die“ Bauern setzten auf hohe Milchmengen und nähmen dafür Krankheiten in Kauf. Kaum überraschend habe ein veganer Tierrechtler die Milchviehhaltung grundsätzlich abgelehnt, und der Vertreter des Veterinäramtes, der es eigentlich hätte besser wissen müssen, sei in der Sendung nur mit schlechten Beispielen zu Wort gekommen, kritisierte der RLV.

Er wies darauf hin, dass zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen mit Unterstützung des Düsseldorfer Landwirtschaftsministeriums vereinbart worden sei, die Zucht auf Hornlosigkeit weiter voranzubringen. Kaum ein Markt in der Zuchtbranche entwickle sich mittlerweile so rasant wie die Hornlosgenetik. Darüber hinaus hob der RLV hervor, dass in dem Bundesland inzwischen mehr als drei Viertel aller Milchkühe die Vorteile moderner und grosszügiger Laufställe genössen.

Dass Milchkühe heute dank Kuhkomfort und gutem Management auch bei hoher Leistung fit seien, das könne, wer wolle, vor Ort authentisch nachvollziehen. Der jüngste Fernsehbeitrag habe viele Landwirte vor den Kopf gestossen, so der RLV. Ausgewogene öffentlich- rechtliche Berichterstattung sehe anders aus.

Kritik an Fütterungsart

In der betreffenden Fernsehsendung, die am Dienstag vergangener Woche von derARD ausgestrahlt wurde, stellten die Reporter heraus, dass die jährliche Milchleistung der deutschen Kühe von 1960 bis heute von durchschnittlich 4'000 kg auf 8'000 kg pro Tier gestiegen sei. Hervorgerufen sei das vor allem durch eine Hochleistungszucht und eine verstärkte Fütterung mit Kraftfutter. Die Folge für die Tiere: 1960 seien sie noch durchschnittlich acht Jahre alt geworden, heute nur noch 5,5 Jahre.

Zudem sagten Veterinäre, vor allem die Art der Fütterung mache die Tiere krank, so die Fernsehreporter. In jedem Jahr verlasse etwa ein Drittel aller Milchkühe die deutschen Bestände, weil diese Tiere krank seien. Rund 5% aller Kühe verendeten sogar im Stall.

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