14.01.2020 11:44
Quelle: schweizerbauer.ch - blu
Deutschland
Menschenkette gegen Rindertötung
In der Region Aachen (D) sollen wegen einer Herpesvirus-Infektion mehrere hundert Rinder getötet werden. Bauern und Bürger wehren sich gegen die vom Veterinäramt angeordneten Tötung. Diese diene nur Exporteuren, sagen die Protestierenden.

Wie agrarheute.com berichtet, sollen sich am Sonntag über 600 Menschen auf dem Familienbetrieb Giesen im Landkreis Aachen zusammengefunden haben. Das Bovine Herpesvirus 1 (BHV1) wurde im vergangenen Jahr amtlich nachgewiesen, die Ursache der Ansteckung ist aber unklar. 

Keine Symptome

Nun hat gemäss topagrar.com das Veterinäramt der Stadt Aachen auf zwei Milchviehbetrieben die Tötung von 800 Kühen, Jungrindern und Kälbern angeordnet. Die Bauern haben sich dagegen gewehrt. Wie die freien Bauern Nordrhein-Westfalen mitteilten, ist die Massentötung bis zur gerichtlichen Entscheidung ausgesetzt.

Mit der Tötung soll eine Ausbreitung der Krankheit verhindert werden. Gemäss den betroffenen Bauern zeigen die Tiere aber keine Symptome. Deshalb zogen sich vor Gericht. Andere Bauern, deren Rinder ebenfalls getötet werden sollen, haben sich der Klage angeschlossen.

Alle 550 Tiere des Betriebes Giesen sollen geschlachtet werden, weil in ihrem Blut Antikörper gegen Rinderherpes gefunden worden sind, schreiben die Aachener Nachrichten. «Die Krankheit ist aber nie ausgebrochen, unsere Tiere sind gesund», ruft die Tochter des Bauern den Sympathisanten zu.

75'000 unterzeichneten Bürgerinitiative

Gegen die drohenden Schlachtungen hat sich auch eine Bürgerbewegung organisiert. Rund 75'000 Personen haben die Bürgerinitiative «Rinder Retten» unterzeichnet. Deren Sprecherin vermutet, dass es bei der Tötung um Handelsvorteile für Exporteure von Rindern geht.

Bereits im vergangenen Jahr wurden sieben Herden getötet. Es traue sich zukünftig kein Landwirt mehr, Rinder artgerecht auf der Weide zu halten, so die Sprecherin zu topagrar.com. «Wir beschützen diese Rinder vor Bürokratenwahnsinn», sagte Landwirt Karl-Heinz Krebs, Sprecher der Freien Bauern Nordrhein-Westfalen, die zu der Aktion aufgerufen hatten.

Verbände weit weg von Bauern

Die Freien Bauern schlugen eine fünfjährige Quarantäne unter strengen Auflagen und Kontrollen vor. Der lokale Bauernverband hingegen erachtete die Tötung als unvermeidbar und rechtmässig. Das verärgert die protestierenden Bauern. «Sie vertreten unsere Interessen schon lange nicht mehr», sagt Karl-Heinz Krebs zu den «Aachener Nachrichten». 

Sein Kollege Reinhard Jung wird noch deutlicher. Die Bauernverbände seien nah an den Politikern und dem Geld und weit weg von seinen Mitgliedern. «Spätestens seit den grossen Traktordemonstrationen im vergangenen Herbst ist klar, dass sich die Landwirte vom Bauernverband nichts mehr sagen lassen», macht er klar.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen bei einem Ausbruch mit dem Bovinen Herpesvirus Typ 1 sind gemäss agrarheute.com klar geregelt. Der betroffene Betrieb unterliegt speziellen Vorschriften der Sperre. Zudem kann die zuständige Behörde die Tötung der seuchenkranken oder seuchenverdächtigen Rinder anordnen.

Gesetzgebung soll ändern

Politiker aus der Region haben sich dem Fall angenommen. Sie wollen sich dafür einsetzen, dass die beiden Rinderherden nicht getötet werden. «Die Tötung ist kein gesetzliches Muss, sondern nur eine Kann-Bestimmung, um die handelspolitischen Vorteile zu erhalten», sagt Ute Nussbaum, Vorsitzender der CDU in Aachen-Oberforstbach. Auf EU-Ebene sei eine Lockerung der Vorgaben konkret geplant. 

Eine Änderung der europäischen Gesetzgebung, die nach derzeitigen Plänen im April 2021 umgesetzt werden soll, sieht vor, dass in Ausnahmefällen und unter strengen Auflagen zukünftig eine Impfung gegen das Rinderherpes-Virus erlaubt werden soll. Der Status als BHV1-freie Zone wäre nicht gefährdet. Fraglich ist, ob die Änderung für die beiden Betriebe noch rechtzeitig kommt.

Die Abkürzung BHV1 steht für den Bovine Herpesvirus 1 und kann bei Rindern schwere Erkrankungen der oberen Atemwege und Entzündungen der Genitalien auslösen. Eine Besonderheit bei beiden Verlaufsformen dieser Infektionskrankheit besteht darin, dass ein einmal infiziertes Tier lebenslang Virusträger bleibt. Diese Tiere erscheinen gesund, tragen jedoch das Virus in sich und können es jederzeit unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. bei Stresssituationen wie Kalbung, Stallwechsel etc.) wieder ausscheiden und so weiterverbreiten. Das macht die BHV1-Sanierung in Rinderbeständen relativ schwierig, CVUA auf seiner Website. BHV1 verursacht insbesondere als «Handelserkrankung» durch Restriktionen im Hinblick auf die Vermarktung von Rindern wirtschaftliche Verluste. 

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