1.06.2015 07:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Götz, lid
Fütterung
Mehr Effizienz statt maximale Leistung
Die Nachfrage nach Lebensmitteln tierischen Ursprungs steigt, aber die Ressourcen sind beschränkt. Ein Lösungsweg sind effizientere Produktionssysteme.

„Die Ressourceneffizienz ist der Megatrend in der Schweizer Nutztierhaltung“, sagte Bernard Lehmann, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft, kürzlich an einer Tagung, die von der ETH Zürich, Agroscope und den Vetsuisse-Fakultäten Zürich und Bern organisiert wurde. Der Faktor Boden, die Entstehung von Treibhausgasen und die Reduktion von Antibiotika zur Tiergesundheit setzten der Produktion Schranken, so Lehmann.

Als treibende Kräfte der Nutztierhaltung nannte er die Ansprüche der Konsumenten nach naturnah produzierten Nahrungsmitteln, nach Biodiversität und nach hohen Tierschutzstandards. In diesem Umfeld sieht der ehemalige ETH-Professor die Herausforderungen für die Forschung, innovative Lösungen bereit zu stellen.

Nicht nur maximale Leistung zählt

Die Botschaft ist offensichtlich bei den Forschenden angekommen. „Es gibt auch andere Kriterien als maximale Leistung“, sagt Rupert Bruckmaier von der Vetsuisse Fakultät der Uni Bern. Und die Forscher müssen zur Lösung der Aufgaben zusammenarbeiten, sagt Michael Kreuzer vom Institut für Agrarwissenschaften der ETH.

Ein Beispiel, wie die Forschung sich der Ressourcenknappheit stellt, gibt Peter Stoll von Agroscope, Institut für Nutztierwissenschaften in Posieux. Die Zucht auf magere Schlachtschweine führt dazu, dass die Anforderungen an den Eiweissbedarf und damit an den Aminosäurengehalt steigen. Deswegen ist es gängige Praxis, die Zusammensetzung der Mastfutter von Zeit zu Zeit anzupassen, was das Futter in der Regel verteuert.

Soja-Importe reduzieren

Bis anhin ist man davon ausgegangen, dass man das Futter dem neuen Genotyp anpassen muss. „Hier ist ein Paradigmenwechsel notwendig“, sagt Stoll. Man müsse sich ernsthaft die Frage stellen, ob es nicht angebracht sei, den Genotyp an das Futter anzupassen. Einerseits ist es so, dass bei einem Manko oder bei einer Imbalanz von Aminosäuren im Futter sich die Mastleistung verschlechtert.

Doch hat der Tierernährungsforscher bei genauerem Hinsehen festgestellt, dass einzelne Tiere trotz Unterversorgung mit Aminosäuren ein ganz normales Wachstum aufweisen. Ihre N-Effizienz ist klar besser als diejenige von Kontrolltieren, die normal versorgt werden. Der Forscher vermutet, dass es in der Schweizer Schweinepopulation ein erhebliches Potential an Schweinen gibt, die wesentlich weniger Aminosäuren benötigen.

Er empfiehlt deswegen, auch in der Zucht solche Tiere durch Selektion zu fördern. Dies liesse sich ganz pragmatisch ohne jeglichen Zusatzaufwand durch ein Absenken des Proteingehaltes des Futters an den Prüfanstalten erreichen. Damit würden automatisch die Schweine besser abschneiden, welche den Stickstoff auf Grund ihrer genetischen Veranlagung besser verwerten. Der Rohproteingehalt des Schweinefutters liesse sich sukzessive senken. Für Stoll besteht sogar die Chance, die Proteinversorgung von Mastschweinen in der Schweiz ohne Sojaimporte sicher zu stellen.

„Braucht die Kuh Kraftfutter?“

Die Schweiz ist von Natur aus für Wiesen und Weiden prädestiniert. Etwa 70 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Schweiz sind Grünflächen. Sie liefern ein artgemässes Wiederkäuerfutter. Tatsächlich ist es so, dass in der Schweiz etwa 80 % der Milchmenge aus Grundfutter produziert wird; der Rest aus anderen Futtermitteln, vor allem aus Kraftfutter. „Braucht die Kuh Kraftfutter?“, fragt Josef Gross von der Vetsuisse Fakultät der Uni Bern.

Auf hohe Leistung gezüchtete Kühe können in den ersten Laktationswochen den Nährstoffbedarf nicht decken. Anstatt weniger Milch zu geben, mobilisieren sie ihre Körperreserven. Das belastet den Stoffwechsel und kann ihre Gesundheit und ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Gerade in kritischen Phasen, insbesondere zu Laktationsbeginn und bei hohem Leistungspotential, ist eine rein auf Gras basierte Fütterung auf eine entsprechende Ergänzung angewiesen, hält Gross fest.

Ausserdem hat in solchen Phasen das Kraftfutter eine grössere Wirkung als gegen Ende der Laktation. Ähnlich wie Stoll Schweine züchten möchte, die das Protein besser verwerten, so empfiehlt Gross, Kühe zu züchten, die das Raufutter besser verwerten. Das sei möglich, da es grosse Unterschiede zwischen den Kühen gäbe – selbst bei hohen Leistungen.

Fitness und Gesundheit werden immer wichtiger

In der Milchviehzucht werden Fitness und Gesundheit immer wichtiger, führt Birgit Gredler von der Qualitas AG aus. Die Zuchtverbände kombinieren immer mehr Merkmale in einem Gesamtzuchtwert. So haben sie dort die Merkmale der Milchproduktion wie Milchmenge und Milchgehalt durch die Merkmale Nutzungsdauer, Zellzahl und Fruchtbarkeit ergänzt. Je nach Rasse werden die Merkmale verschieden stark gewichtet.

Braunvieh Schweiz bietet auch einen Fitnesswert und seit dem Jahre 2014 einen Gesamtzuchtwert Weide an. Bei allen Rassen stehen den Züchtern Zuchtwerte für über 30 Merkmale zur Verfügung, sagt Gredler. Diese sollen es dem Züchter ermöglichen, Prioritäten und Schwerpunkte zu setzen. Sowohl Schweizer Braunvieh als auch Swiss Fleckvieh zielen im Gesamtzuchtwert auf eine robuste Raufutterkuh. Auch bei der Milchviehzucht zeigt sich, dass die Leistung allein nicht ausschlaggebend ist. Es gilt, verschiedene Merkmale einzubeziehen gemäss der Empfehlung von Bernard Lehmann: „Anstatt Schnellschüsse abzufeuern, lieber einen kühlen Kopf bewahren und Schritt für Schritt vorgehen.“

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