6.03.2015 11:35
Quelle: schweizerbauer.ch - Sanna Bührer Winiger
Milchwirtschaft
Die Nähe gibt den Kälbern Kraft
Die Kälber saugen lassen und die Kühe trotzdem melken? Eine Exkursion aufs Gut Rheinau zeigte, dass dies möglich ist. Es braucht aber viel Tierbeobachtung und eine geschickte Hand bei der Wahl der Ammenkühe.

Ein sanftes «Muh» des Muttertiers, ein paar suchende Schritte des jungen Kalbs – viel mehr braucht es nicht, bis das volle Euter und der passende hungrige Kälbermagen zueinandergefunden haben. Nur in wenigen Fällen ist menschliche Führung nötig. Eine gute Stunde oder auch länger bleiben die beiden zusammen, dann wird die Kuh in den Melkstand geschickt und ausgemolken.

Zu dritt eine Amme

Zweimal täglich spielt sich dieses Prozedere ab und wird im Kälberleben so weitergehen, allerdings mit wechselnden Milchspenderinnen. Wer sich zur Amme eignet und es gut mit Kälbern kann, bekommt nach zwei, drei Monaten zum eigenen noch ein fremdes Kalb dazu. Die übrigen   Fleckviehkühe kehren wieder in die Herde zurück und werden nur noch gemolken. Ältere Kälber, die Milch nur als Ergänzung zum Raufutter erhalten, teilen sich zu dritt eine Amme, die nicht zusätzlich gemolken wird.

In der Regel sind Kühe und Kälber während der ersten ein bis zwei Tage nach der Geburt rund um die Uhr zusammen, dann werden sie in abgetrennten, aber benachbarten Schlägen gehalten und nur zur Fütterungszeit zusammengelassen. Im grosszügig konzipierten Freilaufstall verfügen Kühe wie Kälber über viel Platz.

Kein Besaugen

Die Nähe der Muttertiere ermöglicht es den Kälbern, mit weniger Stress, ohne gegenseitiges Besaugen und mit einer optimalen Entwicklung zu guten Raufutterverwertern aufzuwachsen. Auch Durchfall tritt bei den Jungtieren deutlich weniger auf.

Mutter- und Ammenkuhhaltung auf einem Milchwirtschaftsbetrieb: Die Erfahrungen auf dem Gut Rheinau in Rheinau ZH zeigen, dass dies erfolgreich möglich ist. Andreas Wälle ist auf diesem Grossbetrieb Landwirt und Mitbetriebsleiter und bringt rund fünfzehn Jahre Erfahrung in dieser seltenen Art der Milchviehhaltung und -aufzucht mit – so selten, dass sogar Interessierte aus Österreich und Deutschland zur Exkursion des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL am 24. Februar angereist waren.

Gezielte Ammenwahl

Die Teilnehmenden zeigten sich denn auch neugierig, ob die Rechnung milchmässig für den Landwirt aufgehe. Ob die Kälber die Milch aus der Kuh oder aus dem Nuckeleimer trinken würden – er erhalte in jedem Fall nur einen Teil der Milch, zeigte Andreas Wälle auf. Der Aufwand mit Tränken und Waschen der Nuckeleimer falle jedoch weg.

Dafür ist ein Mehr an Tierbeobachtung nötig und auch die Bereitschaft, auf die Eigenheiten der Tiere einzugehen. Gerade bei der Bestimmung der Ammen braucht es Geschick, denn nicht jede Kuh lässt gerne fremde Kälber saugen. Ist die Zuordnung einmal gemacht, zeigen sich die Kälber rasch standorttreu. Sie haben meist keine Hilfe nötig, ihre Amme zu finden.

Sind die Kühe in einen regelmässigen Melkrhythmus eingebunden, halten sie beim Ausmelken auch keine Milch zurück. Schlechte Erfahrungen hat Andreas Wälle nur gemacht, als er versuchsweise Mütter und Kälber im Sommer gemeinsam weiden liess. Was dann an Milch noch zum Melken übrig blieb, war punkto Nährstoffe nicht mehr zu gebrauchen.

Kälberaufzucht auf dem Gut Rheinau

Bei der muttergebundenen Kälberaufzucht gibt es verschiedene Modelle – je nach Stallsystem oder Vorliebe der Betriebsleitung. Auf dem Gut Rheinau stehen für die kalbenden Kühe drei Boxen zur Verfügung. Dort bleiben Mutter und Kalb während den ersten 24 bis 36 Stunden zusammen. Danach wechselt die Mutter wieder in die Herde zurück, während die Kälber separat in einer Gruppe gehalten werden. Zweimal pro Tag – morgens und abends – führt Landwirt Andreas Wälle Mutter und Kalb zum Säugen zusammen.

Danach werden die Mütter, wenn noch Milch in den Eutern ist, normal gemolken. Schritt für Schritt werden die Kälber ans Fressen von Raufutter gewöhnt, bis sie schliesslich im Alter von vier bis fünf Monaten keine Milch mehr erhalten. Im Sommer stellt Wälle sein System etwas um, dann sind Kalb und Mutter gemeinsam –plus ein oder zwei fremde Kälber – den ganzen Tag auf der Weide. Nicht immer wird ein Kalb von der eigenen Mutter aufgezogen, sondern von einer Amme. Diese säugen dann nebst dem eigenen auch fremde Kälber. Michael Wahl, lid

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