8.10.2013 08:24
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Meier
Milchvieh
Der Bauer melkt, und das Kalb säuft
Auch in der Milchviehhaltung können die Kälber an der Kuh saugen. Dafür müssen aber Arbeitsabläufe und Stallbauten angepasst werden. Wie man das macht? Darüber gehen die Meinungen auseinander.

Normalerweise werden die Kälber in der Milchviehhaltung kurz nach der Geburt von der Kuh getrennt. Es gibt aber Bauern, die die Kälber teilweise bei der Kuh saugen lassen, diese aber dennoch melken. «Die Nachfrage nach so produzierter Milch steigt», erzählte Edna Hillmann von der ETH an der Agridea-Tagung «Plattform Tierschutzfragen». Besonders in Deutschland und auch in der Schweiz seien die Konsumenten zunehmend sensibilisiert auf Tierschutzanliegen, sie würden die Trennung von Kuh und Kalb nicht verstehen.

Zwischen 6 und 80 Kühe

Es gibt auch in der Schweiz Betriebe, auf denen die muttergebundene Kälberaufzucht praktiziert wird. Marion Zumbrunnen hat im Rahmen ihrer Masterarbeit an der ETH acht Schweizer und drei süddeutsche Bauern besucht, die die Kälber säugen lassen. Drei weitere Bauern aus der Schweiz wurden per Fragebogen oder telefonisch befragt. Sie wirtschafteten alle biologisch, hatten zwischen 9 und 180 ha LN und hielten zwischen 6 und 80 Milchkühe.

Die muttergebundene Kälberaufzucht praktizierten sie teils erst seit einem, teils schon seit 28 Jahren. Als vorteilhaft empfanden die meisten, dass der Arbeitsaufwand geringer und die Haltung natürlich und artgerecht sei. Doch stelle das System höhere Anforderungen an die Tierhalter, warnten fünf der Befragten bei der Befragung durch Zumbrunnen.

Laktationsleistungen tiefer

Diese betonte an der Agridea-Tagung, dass es kein einheitliches System gebe, um Säugen und Melken zu kombinieren: «Die Kälber können vor, während oder nach dem Melken saugen. Auf zwei Betrieben haben sie rund um die Uhr Zugang zur Kuh, auf einem nur tagsüber, und zwei Landwirte lassen alle Kälber an einigen Ammenkühen saugen, während die restlichen Kühe nur noch gemolken werden.»

Bei fünf Betrieben wurde die Milchmenge erhoben. Bei ihnen allen fehlte im Vergleich zur Standardlaktation der «Peak» im zweiten Laktationsmonat. Diese Milch haben die Kälber weggesoffen, was dazu führt, dass die die Laktationsleistungen auf den untersuchten Betrieben deutlich tiefer lagen.

Zugang zur Kuh steuern

Das System der muttergebundenen Kälberaufzucht bedingt entsprechend angepasste Ställe. Einerseits müssen die Kälber saugen, andererseits die Kühe ungestört fressen und gemolken werden können. «Wir haben gemeinsam mit dem Thünen-Institut einen Versuchsstall konzipiert, bei dem die Selektionstore nur für die Kälber durchlässig waren. Die Kühe wurden von Hand durch ein zweites Tor getrieben. Das funktioniert gut», erzählte Hillmann.

Im Versuchstall wurden verschiedene Verfahren der Kälberaufzucht verglichen: eines, bei dem die Kälber rund um die Uhr zur Kuh können; eines, bei dem sie nur zweimal täglich vor dem Melken saugen dürfen; und eines, bei dem die Kälber am Automaten getränkt werden.

Viel saufen, wenig fressen

Ein Ergebnis liess die Forscher aufhorchen: Kälber, die rund um die Uhr zur Kuh können, besaugen sich nicht gegenseitig. Dafür saufen sie viel, nämlich rund 16 Liter pro Tag. Sie nahmen gleich viel zu wie die Kälber, die traditionell am Automaten mit 16  Liter Milch pro Tag getränkt wurden. Verglichen mit Kälbern, die nur 8 Liter Milch pro Tag erhielten, wogen die Kälber mit freiem Zugang zur Kuh beim Absetzen mehr. 

Die grosse Milchmenge führte allerdings dazu, dass sie nach dem Absetzen schlechter frassen, wodurch sie ihren Gewichtsvorsprung zum Teil wieder einbüssten. «Von Kühen, die ihre Kälber säugen, kann man deutlich weniger Milch abliefern», betonte Hillmann. Es könne zudem Probleme geben, weil die Kühe ihre Milch beim Maschinenmelken nicht mehr geben würden. «Ob die muttergebundene Aufzucht rentiert, weiss man noch nicht.» Bezüglich Kälbergesundheit unterschieden sich die Verfahren nicht.

ASR regelt Milchwägung

Damit eine Milchkontrolle auf Betrieben mit muttergebundener Kälberaufzucht möglich ist, hat die Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter ihr Reglement angepasst: So müssen die Kälber nach dem letzten Melken vor der Kontrolle separiert werden, damit das folgende Gemelk vollständig gewogen werden kann.

Trotzdem bestehen rechtliche Grauzonen bezüglich der Milch aus muttergebundenen Aufzuchtsystemen. So verlangt QM Milch, dass nur vollständige Gemelke abgeliefert werden dürfen. Was aber, wenn das Kalb vorher schon einen Teil des Euters geleert hat? Diese und weitere Fragen will Hillmann in einem nächsten Projekt klären.

Die Praxisbeispiele und die Versuchsergebnisse zeigen, dass eine individuelle Lösung für jeden Betrieb gefunden werden muss. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau  baut deshalb eine Plattform auf, auf der sich praktizierende und interessierte Bauern austauschen können.

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