5.10.2018 17:39
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Wahl, lid
Abstimmung
Bundesgeld für Hornkühe?
Die Hornkuh-Initiative fordert Direktzahlungen für Bauern mit behornten Kühen und Ziegen. Deren Haltung sei aufwendiger und der Bestand nehme ab. Die Hörnerbeiträge sollen über eine Umverteilung im Agrarbudget finanziert werden.

Sollen Bauern für behornte Kühe und Ziegen Direktzahlungen erhalten? Um diese Frage geht es bei der Volksabstimmung vom 23. November. "Ich wollte Kühen eine Stimme geben", erklärte Landwirt Armin Capaul, Vater der Hornkuh-Initiative, Anfang Oktober vor den Medien.

Anzahl Hornkühe unbekannt

In der Schweiz gibt es knapp 700'000 Kühe. Davon sind ca. 80 Prozent Milchkühe und 20 Prozent Mutterkühe. Wie viele Kühe Hörner tragen, weiss niemand, denn eine offizielle Statistik existiert nicht.

Der Schweizer Bauernverband schätzt den Anteil behornter Milchkühe auf 10 Prozent. Eine Umfrage von KagFreiland und der TSM Treuhand GmbH aus dem Jahr 2014 ergab einen “Horn-Anteil“ von 27 Prozent bei Milchkühen. Allerdings beruht diese Zahl auf Angaben von lediglich 1‘200 der rund 20‘000 Schweizer Milchbauern.

Was die Umfrage weiter zeigt: Je grösser die Kuhherde, desto eher sind die Tiere enthornt. Ausserdem gilt: Bauern mit Laufställen enthornen häufiger als solche mit Anbindeställen. Auch punkto Rindvieh-Rasse gibt es Unterschiede: Holstein-Kühe sind meist hornlos, während der Anteil behornter Fleckvieh-Kühe bei 17 Prozent liegt, beim Braunvieh sind es 30 Prozent.

Eine Volksinitiative habe er nie lancieren wollen, betonte Capaul. Er habe immer gehofft, dass das Bundesamt für Landwirtschaft einlenken würde. Capaul hat es in den vergangenen 8 Jahren mit Petitionen versucht, mit Briefen an Bundesrat Schneider-Ammann, er hat Parlamentarier für sein Vorhaben eingespannt. Alles vergebens. Zuletzt sei ihm nur noch die Lancierung einer Volksinitiative geblieben, betonte Capaul. Nach der Einreichung habe er auf einen Gegenvorschlag des Parlaments gehofft – umsonst.

Die Würde bewahren

Gemäss Anet Spengler, Mitglied des Initiativkomitees und Agronomin am FiBL, werden immer mehr Rinder enthornt. Der Anteil betrage fast 90 Prozent (bei Milchkühen rund 75 Prozent, bei Mutterkühen fast alle).

190 Franken pro Kuh, 38 Franken pro Ziege

Der Initiativtext enthält zwar keine Angaben über die Höhe der finanziellen Unterstützung. Gemäss Vorstellungen der Initianten soll der Bund Bauern pro Kuh 190 Franken und für jede Ziege 38 Franken pro Jahr bezahlen.

So viel Geld erhalten die Bauern bereits heute, wenn sie beim RAUS-Programm des Bundes mitmachen ("Regelmässiger Auslauf im Freien"). Die Initianten fordern, dass nur Bauern Hornbeiträge erhalten sollen, die auch beim RAUS-Programm mitmachen.

Schreite diese Entwicklung fort, gebe es bald keine Hornkühe mehr, warnte Spengler. Hörner seien ein lebendiges, stark durchblutetes Organ. "Die Natur hat etwas so Komplexes wie Hörner nicht einfach aus einer Laune heraus gebildet", sagte Spengler. Hörner seien für die Tiere wichtig, sie dienten als Kommunikationsinstrument, der Körperpflege und der Wärmeregulation.

Die Initiative verbiete nicht das Enthornen, betonte Spengler. Man wolle mit ihr aber den Tieren die Würde zurückgeben und Bauern finanziell unterstützen, denn der Umgang mit behornten Tieren verursache einen Mehraufwand sowie Mehrkosten.

Insgesamt rechnen die Initianten mit Kosten in der Höhe von jährlich 15 Mio. Franken. Dem Bund entstünden keine Mehrausgaben, betonen die Initianten. Die Hörnerbeiträge sollen über eine Umverteilung im Agrarbudget finanziert werden.

Schmerzhafter Eingriff

Tamara Fretz, Mitglied des Initiativkomitees, wies darauf hin, dass die Enthornung ein schmerzhafter Vorgang sei. Kälber und Zicklein würden im Alter von etwa 2 Wochen enthornt, indem man ihnen die Hornknospen mit einem 700 Grad heissen Brennstab ausbrenne.

Noch kein Gegenkomitee

Bislang existiert noch kein Komitee, das die Hornkuh-Initiative bekämpft. Die SVP, die FDP sowie die BDP haben sich gegen die Initiative ausgesprochen, noch ausstehend sind die Parolen von EDU, CVP, Grüne und Grünliberale.

Der Bundesrat lehnt die Initiative ab. Der Entscheid für oder gegen behornte Kühe sei ein unternehmerischer Entschluss der Bauern, argumentiert die Landesregierung. Der Bundesrat warnt: Werde die Haltung horntragender Tiere unabhängig vom Haltungssystem gefördert, sei mit einer Zunahme der Anbindehaltung zu rechnen. Weiter betont er, dass es keine Studie gebe, die belege, dass das Enthornen das Wohlergehen der Tiere beeinträchtige.

Der Schweizer Bauernverband hat Stimmfreigabe beschlossen. Ja zur Hornkuh-Initiative sagen: SP Schweiz, Bio Suisse, Demeter, Kagfreiland, Kleinbauern-Vereinigung, Pro Natura, Pro Specie Rara, Schweizer Tierschutz sowie der Zürcher Tierschutz.


"Auch 24 Stunden nach der Enthornung zeigen die Tiere noch Schmerzreaktionen, obwohl sie in der Schweiz immer vor dem Eingriff betäubt und mit Schmerzmitteln behandelt werden", sagte Fretz.

Armin Capaul rechnet mit 80 Prozent Ja-Stimmen sowie der Zustimmung sämtlicher Stände. "Wer kann schon etwas gegen unsere Initiative haben", sagte der Bergbauer aus Perrefitte BE. Man nehme ja niemandem Arbeitsplätze weg oder dergleichen.

Deshalb werden Kühe enthornt

Die grosse Mehrheit der Kühe trägt heute keine Hörner mehr. Ein Grund für das Enthornen ist laut Schweizer Bauernverband das Aufkommen von Laufställen. In diesen können sich die Tiere frei bewegen und Rangkämpfe austragen, was zu Verletzungen führen kann. Auch für Bauern kann von behornten Kühen eine Verletzungsgefahr ausgehen.

Enthornt wird aber nicht nur wegen der Sicherheit, sondern ebenso aus einem wirtschaftlichen Grund: Hornlose Kühe brauchen weniger Platz im Stall, ein Bauer kann also mehr Tiere auf der gleichen Fläche halten.

Enthornen bedeutet nicht, wie es der Begriff nahelegt, dass ein bestehendes Horn quasi amputiert wird. Das kann zwar in seltenen Fällen vorkommen, gängige Praxis ist aber eine andere: Kälbern werden im Alter von zwei bis drei Wochen nach vorgängiger Betäubung die Hornanlagen mit einem Brennstab entfernt. Bauern dürfen dies selbst tun, wenn sie einen entsprechenden Kurs absolviert und einen Sachkundenachweis erbracht haben.

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